Archiv für den Monat Oktober 2009

Indikative und Konjunktive nach der Wahl

Selbstverständlich wissen wir, dass die Absichtserklärungen politischer Parteien vor einer Wahl nie so umgesetzt werden und werden können, wie formuliert. Das liegt oftmals an einer nicht so ganz präzisen Einschätzung der tatsächlichen Verhältnisse und es wird noch erschwert durch den Sachverhalt notwendiger Koalitionsverhandlungen. Dann nämlich müssen alle Parteien, die eine Regierung bilden wollen, sich darauf verständigen, was als Konsens für die einzelnen Verhandlungspartner vertretbar ist. Um des Konsenses Willen nämlich sollte eine an den Verhandlungen beteiligte Partei nicht ihr eigenes Wesen meucheln.

Alles, was bisher von den Koalitionsverhandlungen zwischen CDU/CSU und FDP nach außen gedrungen ist, macht die Prognose wahrscheinlich, dass die Bundeskanzlerin als Vertreterin der stärksten Partei in diesem Konsortium keinen Zweifel darüber aufkommen lässt, in welchen Bahnen die Politik der nächsten vier Jahre zu verlaufen hat. Nämlich genauso wie in den zurückliegenden. Frau Merkel beabsichtigt, die situative, halb populistisch, halb demagogische Politik fortzusetzen und im Grunde nichts verändern zu wollen. Das ist als Machtstrategie probat, da ist sie auch versiert, aber dem Land wird es nicht gut tun.

Diesem Indikativ der Macht steht das Ansinnen der FDP gegenüber, einiges in der Staatsführung ändern zu wollen. Mit einem liberalistischen Programm sollte Bürokratie in großen Rahmen abgeschafft, das Steuersystem radikal vereinfacht, Bildung gefördert und Bürgerrechte gestärkt werden. Der im englischen Sprachraum bereits verhöhnte Mr. Westerwave hatte vor der Wahl immer wieder betont, diese Forderungen seien seine Essentials, und wenn sich diese in einem Koalitionsvertrag nicht wieder fänden, gäbe es keine Zeichnung durch ihn. Ohne die Vorstellungen der Liberalen von einer Staatsmodernisierung thematisieren zu wollen, fällt auf, dass von keinem der formulierten Ziele noch etwas aus den Dunkelkammern der Koalitionsvereinbarungen nach außen dringt.

Die Vorzeichen jedoch, die zu vernehmen sind, deuten auf eine arge Blamage der Liberalen hin. Wenn der finanzpolitische Sprecher der FDP von einem Scherbenhaufen spricht, den die Vorgängerregierung hinterlassen habe, dann schwingt da nicht nur deutliche Kritik am Verhandlungspartner mit, sondern auch eine desaströse Rezeption dessen, was eigentlich in der Bevölkerung keine Überraschung mehr war. Mit der Subventionierung der eigenen Nomenklatura, die im Bankwesen dilettierte und sich zu einem regelrechten Ban(k)ditentum gemausert hatte, war klar, wie es um die Staatsfinanzen aussah.

So erleben wir gegenwärtig den merkelschen Indikativ der Machterhaltung, der uns garantiert, dass wir nicht weiterkommen, sondern auf der Stelle treten werden. Der Konjunktiv, assoziiert mit Absichtserklärungen, zieht gegen den Indikativ immer den Kürzeren. Es sei denn, die FDP unterzeichnete einen solchen sich andeutenden Koalitionsvertrag nicht, weil er ihren Essentials widerspräche. Nur damit schüfe sie sich einen Indikativ, der den der Kanzlerin bedrohte – Aber das ist ja alles schon wieder im Konjunktiv!

Bluthunde auf der Spur eines Hitlerpornos

Don DeLillo: Bluthunde

Der zu den Postmodernisten zählende amerikanische Autor Don DeLillo wird heute assoziiert mit Werken wie Unterwelt, Sieben Sekunden oder Mao II. Sein jüngstes Werk, Falling Man (2007) war einer der weiniger geglückten Versuche, das Trauma des 11. September in New York zu verarbeiten. Der Durchbruch als amerikanischer Schriftsteller von internationalem Rang gelang DeLillo bereits vor drei Jahrzehnten: Mit dem Roman Bluthunde (1978).

Die Handlung spielt in den siebziger Jahren, reale Aktionsfelder sind New York City, Washington D.C., Dallas, die Wüste von Nevada. Die handelnden Personen sind ein abgetakelter Händler erotischer Skulpturen, zwei Journalistinnen einer ehemaligen Aktivistenzeitung namens Bluthunde, ein ehemaliger US-amerikanischer Militär und Geheimagent aus Vietnam, der nun einen militärisch-industriellen Komplex anführt, ein etwas dekadenter US-Senator, der sich für erotische Kunstgegenstände interessiert und einige Mittelsmänner, Agenten und Killer.

Die Handlung besteht darin, dass der abgetakelte Kunsthändler einen echten Film pornographischen Inhalts aus dem Berliner Führerbunker kurz vor dem Sturm durch die Russen angeblich auftreiben kann. Akteure: Der Führer persönlich nebst Eva Braun und allerlei anderen netten Gretelchen. Der dekadente Senator lässt durch Mittelsmänner vorfühlen, die Bluthunde wittern Morgenluft und der Boss des militärisch-industriellen Komplexes will die einmalige Chance nutzen, den Senator, der ihm ständig mit Untersuchungsausschüssen das Leben schwer macht, die Lampe auszuknipsen. Eh man sich versieht, hat ein Agent eine heiße Affäre mit einer der beiden Redakteurinnen der Bluthunde, der Senator ist harmloser als gedacht und liegt besoffen auf dem Teppich in seinem eigenen Haus und der Boss des Konzerns will aussteigen und zusammen mit seiner jungen vietnamesischen Frau auf dem Land leben und selber handwerklich arbeiten. Doch irgendwie haben sie alle vorher einen Job zu machen, hier und da gibt es Leichen, die Frau des längst umgebrachten Filmanbieters taucht wieder auf und offeriert die heiße Rolle dem abgetakelten Händler, der Industrielle will jetzt auch mit der Bluthundredakteurin ins Bett, was diese verweigert, dafür wird der Agent und ehemalige Liebhaber der Schönen von vietnamesischen Schergen des Industriellen gemeuchelt und der Senator spielt gar keine Rolle mehr. Nachdem so einige dirty Jobs erledigt sind, wabert die Handlung zurück in den Verkaufsraum des schmierigen Erotikhändlers, wo ein Gehilfe mit zitternden Fingern den Film einlegt. Einzige Zuschauerin ist die amouröse Bluthundredakteurin. Der Film, der sich als die heißeste Ware der Branche angekündigt hatte, ist zwar echt, doch er zeigt den ganz trivialen Familienalltag in diesem sagenumwobenen Führerbunker.

Das Buch endet mit diesem lauen Plot um einen Hitlerporno, den es nie gab, dessen Idee jedoch ausreichte, um viele Menschen umzubringen und Strategien zu erarbeiten, wie kriminelle Energien effizienter erzeugt werden können. DeLillo ist mit diesem Buch eine Dramaturgie gelungen, die ihre Höhepunkte in der Erzähltechnik findet, aber auch gotterbärmlich abstürzt, wenn es um eine gewisse Handlungslogik geht. Es findet sich in dem Text nichts Zwingendes, was letztlich Erotik pur ist – im literarischen Prozess.

Die pawlowschen Hunde in der Politik

Der russische Mediziner und Physiologe Iwan Petrowitsch Pawlow betrieb nicht nur medizinische Studien über das Arbeiten der Verdauungsdrüsen, für deren Erkenntnisse er 1904 sogar den Nobelpreis bekam. Seine epistemologische Wirkung in den heutigen Tag hinein verdankt der Mann seinen späteren Forschungen im Verhaltensbereich. Pawlow gelangte zu der Überzeugung, dass unser Verhalten auf Reflexen beruhen kann und er entdeckte das Prinzip der Klassischen Konditionierung. Dabei unterschied er zwischen so genannten unkonditionierten, also natürlichen und konditionierten Reflexen, die durch Erlernen erworben werden. Richtig bekannt bis zum heutigen Tag sind eigentlich die pawlowschen Hunde, anhand derer der Forscher nachwies, dass bestimmte körperliche Reaktionen auch durch substituierte Signale entstehen können. So beobachtete er die verdauungsunterstützende Speichelsekretion der pawlowschen Hunde zunächst ganz natürlich beim Anblick des Futters. Durch das Hinzufügen eines Klingeltons beim Hinstellen des Futters gelang es dem Forscher, die Hunde so zu konditionieren, dass die Speichelsekretion der Hunde begann, wenn sie nur den Klingelton hörten.

Die Erkenntnis ist heute nichts Aufregendes mehr, weil wir sie als Selbstverständlichkeit wahrnehmen. Sie wird erst dann richtig spannend, wenn wir uns selbst auf solche Mechanismen hin durchleuchten und feststellen, dass auch wir in unseren täglichen Routinen richtig gehend konditioniert wie die pawlowschen Hunde reagieren. Oft genügen Zeichen und Signale und wir reagieren darauf mit Psychoenergien und Gemütszuständen, ohne dass die eigentlich notwendige Ursache dafür sicht-, oder besser, fühlbar geworden wäre. Es scheint sogar ein Phänomen der sich mehr und mehr verdichtenden Zivilisation zu sein, dass wir mit unseren unmittelbar physiologischen Verhaltensweisen zunehmend auf nur mittelbare, durch Zeichen und Signale angedeutete Vorkommnisse reagieren. Wohin das alles führt weiß keiner so richtig, aber das es zu einer zunehmenden Ent- und Verfremdung des menschlichen Individuums wird, scheint außer Frage zu sein. Den Mangel an unmittelbarer Erfahrung kompensiert der menschliche Organismus mit einer physischen, tatsächlichen Reaktion auf artifizielle Signale. Wahrscheinlich ist das sogar die Wurzel allen Übels, die Ursache für so viele kranke Hirne und schwächelnde Körper, der homo sapiens kennt sich nicht mehr aus und hat hinsichtlich seiner Reaktionsketten die Orientierung verloren.

Die Auswirkungen dieses Phänomens auf die Politik sind noch gar nicht so richtig untersucht worden, obwohl dabei ungeahnte Erkenntnisse lauern. Beim Aufschlagen der Tageszeitung wird sogleich deutlich, wie politische Parteien, Verbände und Organisationen auf das bloße Aussenden von Signalen konkurrierender Systeme regieren. Da hört man förmlich den Speichel durch die Drüsen rauschen und wie die Peristaltik mit Wucht zu kontrahieren beginnt. Dabei handelt es sich in Diskursen doch nur um Prozesse von Zeichenaustausch mit dem Ziel, in einem unphysiologischen Prozess, nämlich dem der Vernunftbildung, zu einem Ergebnis zu kommen. Und man hat den Eindruck, dass irgendwas schief gelaufen ist bei dem Versuch, der da stattfindet. Der ist einfach nichts für pawlowsche Hunde.