Archiv für den Monat Oktober 2009

Eine etwas andere Form der Integration

Die Frage um die richtige Form der Integration ist fürwahr ein sehr schwieriges Thema. Das jüngste Beispiel des Interviews, das der ehemalige Berliner Finanzsenator Sarrazin der Zeitschrift Lettre gab, ist ein beredtes Beispiel dafür. Nicht nur, dass er vieles angesprochen hatte, wofür er unbestechliche Belege hatte, nein, im Nachhinein wurde sogar deutlich, dass das Interview dazu benutzt wurde, einen Machtkampf im Zentrum der Bundesbank auszutragen. Der Vertreter manch provokanter These wurde dazu benutzt, bestimmte Sphären innerhalb der Institution zuungunsten desselben zu besetzen und es hat hervorragend funktioniert. Die Diskussion, die sich aufgrund der Aussagen hat bisher führen lassen, hat belegt, dass die Pointierung auch ihr Gutes hatte. Aber das geht natürlich nicht. Schnell war der bedingte Reflex bedient und die Meute stürzte sich auf den Kryptonazi und schnell waren sich alle einig, dass für derartige Leute in der öffentlichen Debatte kein Raum sein dürfe.

Um zu einer Auseinandersetzung um die vitalen Fragen der Integration kommen zu können, sollten wir sehr schnell dazu übergehen, diejenigen, um die es geht, doch öfter und an prominenter Stelle selbst zu Wort kommen zu lassen. Als ich darüber nachdachte, fiel mir eine Frau ein, die ich seit einigen Jahren nicht mehr gesehen hatte, die aber zu der Frage der Integration einiges hätte beitragen können. Es handelt sich dabei um Fotini, eine junge Griechin. Ich lernte sie als Student in dem Viertel kennen, in dem ich damals wohnte und das als ein typischer Problembezirk in Sachen Arbeitslosigkeit und Migration galt. Fotini war Griechin und als Kleinkind mit ihren Eltern damals nach Deutschland und in meine Stadt gekommen. Sie sprach ein gutes Deutsch und besuchte zu der Zeit, als ich sie kennen lernte das Kolleg, um ihr Abitur nachzumachen, was ihr denn auch gelang. Mir begegnete sie als eine junge Frau, die wusste, was sie wollte und die sich für vieles interessierte, das der großen Masse meiner Landsleute zu anstrengend erschien. Mit Fotini konnte man prächtig über den Palästinenserkonflikt, die Missetaten der Bundesregierung und die letzte Inszenierung im Theater streiten. Sie war haarscharf in ihren Analysen und sie liebte es, immer wieder kontrovers an die Dinge heranzugehen. Die Frage der Integration stellte sich mir in Bezug auf ihre Person eigentlich nie, denn ich glaubte, sie litte weder an ihrem Griechischsein noch fühle sie sich hier nicht zuhause, sie war gebildet und als sie das Abitur geschafft hatte, standen ihr viele Optionen offen.

Als Fotini mir eines Tages eröffnete, dass sie nach Paris gehe, um dort zustudieren, wunderte mich das nicht, sie begründete das mit den dortigen Möglichkeiten bezüglich ihres Faches, nämlich der Theaterwissenschaften und mit der provinziellen Umgebung, die sie in meiner Stadt so störte. Im Vergleich zu Paris, so dachte ich, hatte sie sicherlich Recht und wünschte ihr alles Gute. Jahre später traf ich sie mal wieder, auf der Straße, in meiner Stadt. Sie war zu Besuch bei ihren Eltern und lebte immer noch in Paris. Wir gingen einen Kaffee trinken und sie erzählte mir von dem Studium, das ihr riesigen Spaß mache und bei dem sie sehr viel lerne. Doch als ich sie nach Paris und Frankreich fragte, runzelte sie die Stirn und begann regelrecht bösartig gegen ihr Gastland zu stänkern. Unzuverlässig, faul und schlampig seien die Franzosen, wenn sie etwas zusagten, hielten sie es nicht ein, immer würde man auf das Demain, das Morgen vertröstet, kein Zug fahre pünktlich und überall schmissen sie ihren Dreck hin. Als sich meine Ohren von dem Schlag erholt hatten, wagte ich sie zu fragen, ob sie da nicht zur Generalisierung neigte, doch sie wurde regelrecht unwirsch und das Gespräch ging recht schnell dem Ende entgegen.

Wenn ich heute darüber nachdenke du mir überlege, was in unserem Land in Richtung Integration so alles fabuliert wird, dann könnte Fotini als ein Musterbeispiel gelungener Integration gelten. Aber wollen wir das wirklich?

Die prekäre, temporäre Parallelgesellschaft

Seit einigen Jahren begegnet uns eine Diskussion um die Brisanz so genannter Parallelgesellschaften. Dabei wird eigentlich nie so richtig deutlich, worum es genau geht. Was hängen bleibt ist ein negativer Beigeschmack, d.h. die Botschaft, die mit dem Terminus der Parallelgesellschaften ausgesandt wird, ist die, dass diese Veranstaltungen schlecht und gefährlich sind. Was die Diskussion bezweckt, kann man sich denken, was sie verdeckt, auch. Bei ersterem geht es darum, diejenigen, die als Mitglieder einer Parallelgesellschaft gelten, dahin gehend zu stigmatisieren, dass sie sich nicht um die Integration in die gastgebende Gesellschaft bemühen und damit ein Konfliktpotenzial schaffen, das bedrohlich wird. Zweites kaschiert den Umstand, dass die gastgebende Gesellschaft es über Jahrzehnte versäumt hat, Farbe zu bekennen. Weder wurde formuliert, was von den Gästen erwartet wird, damit sie als Dauerbewohner akzeptiert werden, noch, was man unternehmen will, um sie als aktive Glieder der Gesellschaft zu befähigen. Die Versäumnisse tun jetzt schon richtig weh, die Existenz von Parallelgesellschaften noch nicht so richtig, aber bald.

Wollte man, um die Diskussion zu entemotionalisieren und somit zu erleichtern, eine Definition der Parallelgesellschaft ohne Ressentiments formulieren, so müsste diese ungefähr so aussehen: Eine Parallelgesellschaft ist ein Duplikat der Verkehrsformen, Werte, Rituale und Entscheidungsfindung einer originären Gesellschaftsformation, aus der die Mitglieder der Parallelgesellschaft stammen, in der sie sich jedoch aufgrund geographischer, zivilisatorischer oder kultureller Distanz nicht direkt bewegen können. Stattdessen findet die Parallelgesellschaft an einem physischen wie ideellen Ort statt, der als angestammtes Gebiet einer anderen, originären Gesellschaft gilt. Die Dissonanz der Wert- und Verhaltenssysteme wird vor allem von der den Ort dominierenden Gesellschaft als belastend und gefährlich empfunden.

Die Definition ist in ihrer Neutralität sicherlich hilfreich, um den realen Kontext der Diskussion um die Parallelgesellschaften von Migranten zu untersuchen. Sie kann aber auch in übertragenem Sinne von Nutzen sein. Vor allem dann, wenn sie in einer tatsächlich politischen Dimension genutzt wird. Angesichts des vorausgegangenen Krisenmanagements der Großen Koalition und der momentan geführten Verhandlungen zu einer neuen Regierungskoalition nach den Wahlen kann man zunehmend den Eindruck bekommen, als seien die Protagonisten dieser Politik Mitglieder einer Parallelgesellschaft. Sowohl die Verkehrsformen, als auch die Werte, Rituale und die Prozesse der Entscheidungsfindung erwecken bei der Stammgesellschaft den Eindruck höchster Irritation. Während die Akteure der Vernichtung von Volksvermögen gedeckt werden, verlieren langjährige Mitarbeiter wegen einer Frikadelle den Arbeitsplatz, während der Gesellschaftsvertrag die Abgabe von Steuern als Auftrag nützlichen Handelns im Sinne einer gedeihlichen Entwicklung des Gemeinwesens vorsieht, werden damit Privilegien und Geschenke finanziert und während in der Stammbevölkerung die Haftung für das eigene Tun zu den Grundfesten des Weltbildes zählt, wird es in der parlamentarischen Parallelwelt zu Berlin als Treppenwitz kolportiert. Das ist belastend wie gefährlich und nur zu ertragen als eine temporäre Erscheinung.

Im Diesseits von Gut und Böse

Robert Louis Stevenson: Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Ein weltreisender und weltläufiger Schotte holte nicht nur die Kenntnisse aus entfernten Kontinenten vom Atlantik bis zum Pazifik in die Lesestuben des viktorianischen England, sondern der 1850 geborene und bereits 1894 in der Südsee verstorbene Erzähler brachte auch ein Phänomen in die Literatur seiner Zeit, das es vermittels seiner Beobachtungsgabe und epischen Qualität zu einem Stück Weltliteratur macht. Die zunächst als Schauernovelle verstandene Erzählung Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde griff insofern auf literarische Vorbilder wie Mary Shelleys Frankenstein oder Deacon Brodie von Henley auf, aber nur unter dem Aspekt von Wissenschaftler und Versuch. Auch diese Fragestellung war früh und griff bei der Frage ethischer Grenzen eines Forschungsprozesses zielsicher nach dem Kern. Darüber hinaus gelang es Stevenson, die Frage der inneren Zerrissenheit des zivilisierten Menschen in einer Tragweite zu beleuchten, die die Geschichte bis heute zu einem lesenswerten und tiefe Erkenntnisse vermittelnden Dokument macht. Die Erzählung entstand 1886, 37 Jahre vor Freuds Das Ich und das Es.

Die Geschichte von dem gut situierten Mediziner Dr. Jekyll, der ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft genannt werden kann und der zersetzenden Kraft seines Forscherdranges ist schnell zusammengefasst. Dr. Jekyll experimentiert an und mit sich herum, im Zeitalter ungebrochener Faszination anhand der exakten Wissenschaften, und stößt auf eine Tinktur, bei deren Einnahme er sich zu dem vom Bösen, Unzivilisieren und Rohen getriebenen Mr. Hyde verwandelt, der das Unbezähmbare auslebt. Durch abermalige Einnahme des Chemomixes reinkarniert sich jener Mr. Hyde in den renommierten Dr. Jekyll. Die Doppelexistenz artet dahingehend aus, als dass die Anteile Mr. Hydes an der Lebenszeit zu- und die des Dr. Jekyll abnehmen. Das Böse bricht sich die Bahn und das Zivilisierte verliert an Boden. Als Mr. Hyde erkannt eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens ermordet, verwandelt Jekyll sich zurück, doch das Böse dominiert die Natur und nun braucht die Doppelexistenz immer die Tinktur, um zu einem Dr. Jekyll zu werden. Als die gelagerten Rohstoffe für die Medizin ausgehen, nimmt das Drama seinen Lauf und die Leiche Mr. Hydes wird in den Räumen des Dr. Jekyll gefunden, während letzterer unauffindbar bleibt.

Das Debakel der Zerrissenheit ein und derselben Person wird deutlich in den unterschiedlichen Existenz- und Verhaltensformen beider Bestandteile der einen Persönlichkeit. Der Widerspruch scheint in der zivilisatorischen Leistung insgesamt zu liegen, die zivilisierte Persönlichkeit leidet unter der eigenen Barbarei und die natürliche Persönlichkeit unter dem Diktum der Zivilisation. In Stevensons Erzählung führt der Kampf beider Naturen wie selbstverständlich ins Desaster, er bringt beide um. Selbst in der Namensgebung weist Stevenson auf die Schwierigkeit einer Parteinahme zugunsten eines Zustandes hin. Dass die zivilisierte Existenz des Dr. Jekyll phonetisch auf den Schakal hinweist, ist sicherlich ebenso wenig ein Zufall wie die Namensgebung des Mr. Hyde, der das nahezu Vornehme des Versteckes suggeriert. Der enorme Wert des Buches besteht in der Fusion vor-zeitiger Erkenntnisse und epischer Tradition erster Güte.