„Musst du lesenn, ist dich Cheimatt…“

Leo, ein exilierter Russe, lehrte uns das Schachspielen und Wodkatrinken. Er war schon hier, als es noch eine starke Sowjetunion gab und warum und wie er herüber gemacht hatte, wussten wir nicht. Er war untergekommen als Kalfaktor im Lyzeum unserer Stadt, einem von Nonnen betriebenen Mädchengymnasium mit angeschlossenem Internat. Leo wohnte dort, er war der einzige Mann, galt aber als Hüter der der ehrwürdigen Institution anvertrauten Mädels. Wenn wir mal dort waren, um gemeinsam zu „lernen“, stand irgendwann Leo in der Tür und mahnte zu einem längst überfälligen Schachspiel mit einem Wässerchen. Kurz danach befand sich eine Gesellschaft junger Männer um den betagten Mann mit dem rollenden R, der in seiner kleinen Mansarde eingemauert war durch die Schweins- und Rindslederrücken seiner Bücher. Meist wurde es dort oben heiß, es stank nach Schnaps und alle rauchten wie Schlote in der Hochkonjunktur, sodass man Glück hatte, wenn man das Schachbrett noch sehen konnte. Die Nonnen nahmen das in Kauf, hielt uns doch der intellektuelle Zerberus aus dem Osten von den Schülerinnen fern.

Und tatsächlich verstand es Leo, uns sowohl in die konkrete Schachpartie wie eine Menge Gedanken um dieses Spiel herum zu verwickeln. Bedächtig zog er an seiner nassen Pfeife, dass es laut knisterte und philosophierte herum. Wir stiegen immer darauf ein, weil er Ansichten vertrat, die sich manchmal mit unseren eigenen rebellischen Ideen deckten, was uns angesichts seines Alters verwirrte. Er konnte aber auch Standpunkte vertreten, die wir erst gar nicht verstanden, weil sie so anders waren als alles, was wir aus unseren Elternhäusern und in der Schule hörten. Dann saß er da, und man sah in ein Gesicht, das viel durchlitten haben musste, und ein weiser, trauriger Blick aus grauen Augen drang durch dicke Brillengläser direkt in unsere Herzen. Das war Leos Phänomen, denn er appellierte an den Geist und traf jedes Mal doch das Gemüt. Und wenn wir manchmal weinten, dann lag das nicht nur am Rauch und am Wodka, sondern an seiner Fähigkeit, uns aufzuregen, zu begeistern und zu treffen.

Wenn wir Leo nach seiner Heimat fragten, dann erzählte er uns ausschließlich von der großen russischen Literatur, von Puschkin und Lesskow, von Turgenjew und Gogol, von Dostojewski und Tolstoi, von Bulgakow und Majakowski. Und wenn er erzählte, dann atmeten die vielen Bücher in seinem Verschlag, sie begannen schwermütig zu summen, und wir alle hörten es und summten mit.

Zu Politik äußerte sich Leo nie und wenn wir ihn nach den Zuständen in seiner Heimat fragten, erzählte er immer nur von neuen Büchern und Romanen, die dort wieder gelesen würden. Als wir ihn einmal fragten, wie er uns Russland am liebsten beschreiben würde, antwortete er ohne zu zögern, dass Russland die Literatur sei und die Literatur Russland. Und seine grauen Augen strahlten uns viel sagend an. Dann hob er das Pinnchen mit dem Wodka, prostete uns zu und deklamierte: „Musst du lesenn, ist dich Cheimatt!“