Operative Geschäftigkeit und dynamisches Warten

Leider und Gott sei Dank: die Langeweile der sechziger Jahre, die letztendlich zur Rebellion einer ganzen Generation und zu einem Kreativitätsschub sondergleichen geführt hat, diese Langeweile gibt es nicht mehr. Und Menschen, die seit den siebziger Jahren geboren wurden, kann man sie auch kaum noch erklären. Und wenn man es tut, so glauben sie einem nicht. Es ist schlicht nicht mehr vorstellbar, dass es in der Omnipräsenz dieser Provinz nichts gab, was einen jungen Menschen hätte inspirieren können: Radiostationen mit Marschmusik und Schlagern, in den beiden TV-Programmen Quizshows, kein Jugendtreff, kein Buchladen, kaum Sport. Kneipen, ja, die gab es und Kirchen, beides nur bedingt geeignet, um die Tristesse zu vergessen.

Sei es drum, mit der allgemeinen Beschleunigung technischer, kommunikativer und gesellschaftlicher Prozesse setzte nicht zeitgleich, wie übrigens nie, eine Beschleunigung humaner Reife ein. Die psychosozialen Voraussetzungen waren für einen überschau- und einhaltbaren Lebensrhythmus vorgesehen, aber nicht für den täglichen Speed Cocktail, den wir nun seit Jahrzehnten täglich verabreicht bekommen. Die Reflexion über das, was wir erleben, findet aufgrund der hoch frequenten Taktung kaum noch statt und irgendwie hat sich sogar ein common sense darüber gebildet, dass dieses zu einer soliden Existenz gar nicht mehr vonnöten ist. Das Ergebnis ist eine aktionsüberladene Bewusstseinsformung, die zu dramatischen Krisen führt, wenn sich einmal nichts ereignet. Weder die medialen Impulsgeber noch die Individuen halten es noch aus, dass einmal ein Stündchen ohne sensationsfähige Ereignisse im heiß geladenen Äther verstreicht.

Wie jede biologische und soziale Organisation, so verfügt auch die Befindlichkeit des frühen 21. Jahrhunderts über ein Immunsystem, das blitzartig greift, wenn die Versorgung mit der heißen Nachricht unterbrochen wird. Die wohl verbreitetste Form der Abwehr gegen die innere Verödung ist die operative Geschäftigkeit. Zu gut Deutsch beschreibt sie eine Vorgehensweise, in der allerhand geschieht, aber weder die einzelne noch die Summe aller Aktionen darauf hindeuten, dass ein bestimmter, sinnhafter Telos damit verfolgt würde, es sei denn, man akzeptiert den wahren Grund: Einen Plan gegen die innere Leere zu erstellen, die entsteht, wenn sich eine zeitlang nichts tut. Böse Zungen beschreiben diesen Zustand auch als eine kulturelle Substanzlosigkeit, aber, so müssen wir uns fragen, nützt es etwas, sich darüber zu mokieren, wenn es so ist? Ob es Strategien gegen die Instabilität psychogrammatischer Leere außer einer guten Bildung und einem Fundus fühlbarer Werte gibt, wird die Zukunft zu zeigen haben.

Ab und zu trifft man aber auch auf Zeitgenossen, die sich seit langem darauf verständigt haben, den Rausch der Akzeleration nicht mit gesellschaftlichem Sinn zu verwechseln. Sie arbeiten an Programmen und formulieren Visionen, die scheinbar mit der Erotik der schnellen täglichen Taktung nichts zu tun haben. Ihnen ist bewusst, dass es Zustände geben kann, die mehr Feuer enthalten als der profane Kick ohne Nachwirkung. Ihr Zustand kann als der des dynamischen Wartens beschrieben werden, und sie entwerfen das Regiebuch für die Zeit nach dem Hype.