Die Frage um die richtige Form der Integration ist fürwahr ein sehr schwieriges Thema. Das jüngste Beispiel des Interviews, das der ehemalige Berliner Finanzsenator Sarrazin der Zeitschrift Lettre gab, ist ein beredtes Beispiel dafür. Nicht nur, dass er vieles angesprochen hatte, wofür er unbestechliche Belege hatte, nein, im Nachhinein wurde sogar deutlich, dass das Interview dazu benutzt wurde, einen Machtkampf im Zentrum der Bundesbank auszutragen. Der Vertreter manch provokanter These wurde dazu benutzt, bestimmte Sphären innerhalb der Institution zuungunsten desselben zu besetzen und es hat hervorragend funktioniert. Die Diskussion, die sich aufgrund der Aussagen hat bisher führen lassen, hat belegt, dass die Pointierung auch ihr Gutes hatte. Aber das geht natürlich nicht. Schnell war der bedingte Reflex bedient und die Meute stürzte sich auf den Kryptonazi und schnell waren sich alle einig, dass für derartige Leute in der öffentlichen Debatte kein Raum sein dürfe.
Um zu einer Auseinandersetzung um die vitalen Fragen der Integration kommen zu können, sollten wir sehr schnell dazu übergehen, diejenigen, um die es geht, doch öfter und an prominenter Stelle selbst zu Wort kommen zu lassen. Als ich darüber nachdachte, fiel mir eine Frau ein, die ich seit einigen Jahren nicht mehr gesehen hatte, die aber zu der Frage der Integration einiges hätte beitragen können. Es handelt sich dabei um Fotini, eine junge Griechin. Ich lernte sie als Student in dem Viertel kennen, in dem ich damals wohnte und das als ein typischer Problembezirk in Sachen Arbeitslosigkeit und Migration galt. Fotini war Griechin und als Kleinkind mit ihren Eltern damals nach Deutschland und in meine Stadt gekommen. Sie sprach ein gutes Deutsch und besuchte zu der Zeit, als ich sie kennen lernte das Kolleg, um ihr Abitur nachzumachen, was ihr denn auch gelang. Mir begegnete sie als eine junge Frau, die wusste, was sie wollte und die sich für vieles interessierte, das der großen Masse meiner Landsleute zu anstrengend erschien. Mit Fotini konnte man prächtig über den Palästinenserkonflikt, die Missetaten der Bundesregierung und die letzte Inszenierung im Theater streiten. Sie war haarscharf in ihren Analysen und sie liebte es, immer wieder kontrovers an die Dinge heranzugehen. Die Frage der Integration stellte sich mir in Bezug auf ihre Person eigentlich nie, denn ich glaubte, sie litte weder an ihrem Griechischsein noch fühle sie sich hier nicht zuhause, sie war gebildet und als sie das Abitur geschafft hatte, standen ihr viele Optionen offen.
Als Fotini mir eines Tages eröffnete, dass sie nach Paris gehe, um dort zustudieren, wunderte mich das nicht, sie begründete das mit den dortigen Möglichkeiten bezüglich ihres Faches, nämlich der Theaterwissenschaften und mit der provinziellen Umgebung, die sie in meiner Stadt so störte. Im Vergleich zu Paris, so dachte ich, hatte sie sicherlich Recht und wünschte ihr alles Gute. Jahre später traf ich sie mal wieder, auf der Straße, in meiner Stadt. Sie war zu Besuch bei ihren Eltern und lebte immer noch in Paris. Wir gingen einen Kaffee trinken und sie erzählte mir von dem Studium, das ihr riesigen Spaß mache und bei dem sie sehr viel lerne. Doch als ich sie nach Paris und Frankreich fragte, runzelte sie die Stirn und begann regelrecht bösartig gegen ihr Gastland zu stänkern. Unzuverlässig, faul und schlampig seien die Franzosen, wenn sie etwas zusagten, hielten sie es nicht ein, immer würde man auf das Demain, das Morgen vertröstet, kein Zug fahre pünktlich und überall schmissen sie ihren Dreck hin. Als sich meine Ohren von dem Schlag erholt hatten, wagte ich sie zu fragen, ob sie da nicht zur Generalisierung neigte, doch sie wurde regelrecht unwirsch und das Gespräch ging recht schnell dem Ende entgegen.
Wenn ich heute darüber nachdenke du mir überlege, was in unserem Land in Richtung Integration so alles fabuliert wird, dann könnte Fotini als ein Musterbeispiel gelungener Integration gelten. Aber wollen wir das wirklich?
