Seit einigen Jahren begegnet uns eine Diskussion um die Brisanz so genannter Parallelgesellschaften. Dabei wird eigentlich nie so richtig deutlich, worum es genau geht. Was hängen bleibt ist ein negativer Beigeschmack, d.h. die Botschaft, die mit dem Terminus der Parallelgesellschaften ausgesandt wird, ist die, dass diese Veranstaltungen schlecht und gefährlich sind. Was die Diskussion bezweckt, kann man sich denken, was sie verdeckt, auch. Bei ersterem geht es darum, diejenigen, die als Mitglieder einer Parallelgesellschaft gelten, dahin gehend zu stigmatisieren, dass sie sich nicht um die Integration in die gastgebende Gesellschaft bemühen und damit ein Konfliktpotenzial schaffen, das bedrohlich wird. Zweites kaschiert den Umstand, dass die gastgebende Gesellschaft es über Jahrzehnte versäumt hat, Farbe zu bekennen. Weder wurde formuliert, was von den Gästen erwartet wird, damit sie als Dauerbewohner akzeptiert werden, noch, was man unternehmen will, um sie als aktive Glieder der Gesellschaft zu befähigen. Die Versäumnisse tun jetzt schon richtig weh, die Existenz von Parallelgesellschaften noch nicht so richtig, aber bald.
Wollte man, um die Diskussion zu entemotionalisieren und somit zu erleichtern, eine Definition der Parallelgesellschaft ohne Ressentiments formulieren, so müsste diese ungefähr so aussehen: Eine Parallelgesellschaft ist ein Duplikat der Verkehrsformen, Werte, Rituale und Entscheidungsfindung einer originären Gesellschaftsformation, aus der die Mitglieder der Parallelgesellschaft stammen, in der sie sich jedoch aufgrund geographischer, zivilisatorischer oder kultureller Distanz nicht direkt bewegen können. Stattdessen findet die Parallelgesellschaft an einem physischen wie ideellen Ort statt, der als angestammtes Gebiet einer anderen, originären Gesellschaft gilt. Die Dissonanz der Wert- und Verhaltenssysteme wird vor allem von der den Ort dominierenden Gesellschaft als belastend und gefährlich empfunden.
Die Definition ist in ihrer Neutralität sicherlich hilfreich, um den realen Kontext der Diskussion um die Parallelgesellschaften von Migranten zu untersuchen. Sie kann aber auch in übertragenem Sinne von Nutzen sein. Vor allem dann, wenn sie in einer tatsächlich politischen Dimension genutzt wird. Angesichts des vorausgegangenen Krisenmanagements der Großen Koalition und der momentan geführten Verhandlungen zu einer neuen Regierungskoalition nach den Wahlen kann man zunehmend den Eindruck bekommen, als seien die Protagonisten dieser Politik Mitglieder einer Parallelgesellschaft. Sowohl die Verkehrsformen, als auch die Werte, Rituale und die Prozesse der Entscheidungsfindung erwecken bei der Stammgesellschaft den Eindruck höchster Irritation. Während die Akteure der Vernichtung von Volksvermögen gedeckt werden, verlieren langjährige Mitarbeiter wegen einer Frikadelle den Arbeitsplatz, während der Gesellschaftsvertrag die Abgabe von Steuern als Auftrag nützlichen Handelns im Sinne einer gedeihlichen Entwicklung des Gemeinwesens vorsieht, werden damit Privilegien und Geschenke finanziert und während in der Stammbevölkerung die Haftung für das eigene Tun zu den Grundfesten des Weltbildes zählt, wird es in der parlamentarischen Parallelwelt zu Berlin als Treppenwitz kolportiert. Das ist belastend wie gefährlich und nur zu ertragen als eine temporäre Erscheinung.

Das stimmt, außer einer gewissen Larmoyanz ist da nicht viel zu sehen!