Die pawlowschen Hunde in der Politik

Der russische Mediziner und Physiologe Iwan Petrowitsch Pawlow betrieb nicht nur medizinische Studien über das Arbeiten der Verdauungsdrüsen, für deren Erkenntnisse er 1904 sogar den Nobelpreis bekam. Seine epistemologische Wirkung in den heutigen Tag hinein verdankt der Mann seinen späteren Forschungen im Verhaltensbereich. Pawlow gelangte zu der Überzeugung, dass unser Verhalten auf Reflexen beruhen kann und er entdeckte das Prinzip der Klassischen Konditionierung. Dabei unterschied er zwischen so genannten unkonditionierten, also natürlichen und konditionierten Reflexen, die durch Erlernen erworben werden. Richtig bekannt bis zum heutigen Tag sind eigentlich die pawlowschen Hunde, anhand derer der Forscher nachwies, dass bestimmte körperliche Reaktionen auch durch substituierte Signale entstehen können. So beobachtete er die verdauungsunterstützende Speichelsekretion der pawlowschen Hunde zunächst ganz natürlich beim Anblick des Futters. Durch das Hinzufügen eines Klingeltons beim Hinstellen des Futters gelang es dem Forscher, die Hunde so zu konditionieren, dass die Speichelsekretion der Hunde begann, wenn sie nur den Klingelton hörten.

Die Erkenntnis ist heute nichts Aufregendes mehr, weil wir sie als Selbstverständlichkeit wahrnehmen. Sie wird erst dann richtig spannend, wenn wir uns selbst auf solche Mechanismen hin durchleuchten und feststellen, dass auch wir in unseren täglichen Routinen richtig gehend konditioniert wie die pawlowschen Hunde reagieren. Oft genügen Zeichen und Signale und wir reagieren darauf mit Psychoenergien und Gemütszuständen, ohne dass die eigentlich notwendige Ursache dafür sicht-, oder besser, fühlbar geworden wäre. Es scheint sogar ein Phänomen der sich mehr und mehr verdichtenden Zivilisation zu sein, dass wir mit unseren unmittelbar physiologischen Verhaltensweisen zunehmend auf nur mittelbare, durch Zeichen und Signale angedeutete Vorkommnisse reagieren. Wohin das alles führt weiß keiner so richtig, aber das es zu einer zunehmenden Ent- und Verfremdung des menschlichen Individuums wird, scheint außer Frage zu sein. Den Mangel an unmittelbarer Erfahrung kompensiert der menschliche Organismus mit einer physischen, tatsächlichen Reaktion auf artifizielle Signale. Wahrscheinlich ist das sogar die Wurzel allen Übels, die Ursache für so viele kranke Hirne und schwächelnde Körper, der homo sapiens kennt sich nicht mehr aus und hat hinsichtlich seiner Reaktionsketten die Orientierung verloren.

Die Auswirkungen dieses Phänomens auf die Politik sind noch gar nicht so richtig untersucht worden, obwohl dabei ungeahnte Erkenntnisse lauern. Beim Aufschlagen der Tageszeitung wird sogleich deutlich, wie politische Parteien, Verbände und Organisationen auf das bloße Aussenden von Signalen konkurrierender Systeme regieren. Da hört man förmlich den Speichel durch die Drüsen rauschen und wie die Peristaltik mit Wucht zu kontrahieren beginnt. Dabei handelt es sich in Diskursen doch nur um Prozesse von Zeichenaustausch mit dem Ziel, in einem unphysiologischen Prozess, nämlich dem der Vernunftbildung, zu einem Ergebnis zu kommen. Und man hat den Eindruck, dass irgendwas schief gelaufen ist bei dem Versuch, der da stattfindet. Der ist einfach nichts für pawlowsche Hunde.