Der Kapitalismus gewann seine Kraft durch die Freisetzung ungeheurer Produktivkräfte. Voraussetzung dafür war eine von Scholle, Eigentum und Familie befreite Menschenmasse, die völlig pauperisiert zu den Standorten strömte, wo die Produktionsanlagen installiert waren. Sie hatten nichts außer ihrer Arbeitskraft, die sie zu jedem Preis anboten, weil sie keinerlei Alternative hatten. Gefragt war Muskelkraft und Disziplin, um in den frühen Industrialisierungsprozessen bestehen zu können. Erst das massenhafte Schicksal der Ausplünderung und die branchenspezifische wie lokale Konzentration machte es den so ausgebeuteten möglich, sich gegenüber der Übermacht zu organisieren und Preise für ihre Arbeitskraft zu erzielen, die ein soziales Dasein sicherten.
Das ist lange her und hat immer wieder neue Wellen nach sich gezogen. Mit jeder Branche und jeder neuen Qualität. Bei der heute wegen ihrer ungeheuren Wachstumsraten gepriesenen Kreativwirtschaft ist das leider nicht anders. Ob Grafik und Design, ob Medien, ob Musik oder Beratung, die neue Boombranche fasziniert durch ihren Ideenreichtum, ihre Phantasie, ihre Flexibilität und ihre nie ausgehende Juvenilität. Voraussetzung dafür sind jedoch meistens Verhältnisse, die von den Arbeitsbedingungen wie vom Einkommen erinnern an die miesesten Drückerexistenzen, an Reinigungskolonnen und an Zeitarbeitskohorten, die zu jedem Dumpingpreis in die Nischen vorkapitalistischer Beschäftigungsverhältnisse geschickt werden. Der Charme der geistigen Produkte ist erkauft durch die Illusion vieler hoch qualifizierter junger Menschen, ihre Kreativität in extrem individualisierten Arbeitsverhältnissen ausleben zu können. Doch es bleibt bei einer Illusion und bei einem Traum. Zumeist haben sie ein abgeschlossenes Hochschulstudium, schuften 70 bis 90 Stunden in der Woche und verdienen mit etwas Glück soviel wie eine Verkäuferin an der Backtheke. Zumeist sind es junge Frauen, deren Hang zur Selbstausbeutung ungezügelt ist. Das Stück Fleisch, das ihnen vor die Nase gehalten wird, ist die Partnerschaft in den zumeist kleinen und mittelständischen Unternehmen. Etwa 5 Prozent der dort Beschäftigten machen den Sprung, der Rest brennt früh aus und muss die Illusion zu einem hohen Preis, nämlich der Schädigung an Gesundheit und Selbstbewusstsein begraben.
Nicht gerade selten sind es die Unternehmen eben dieser Kreativwirtschaft, die mit Leistungen und Produkten für Nachhaltigkeit, Ressourcenschutz, Ökologie und Political Correctness auf den Markt treten. Damit weisen sie einen Widerspruch in sich auf, da im eigenen Hause zumeist das mit Füßen getreten, was man nach außen verkaufen will. Während sich die so genannten alten oder etablierten Industriezweige zunehmend dazu verpflichten, ihre Produkte an für unsere Gesellschaftsstandards kompatible Märkte zu veräußern oder über Stiftungen und Projekte in Ländern, in denen sie tätig sind, sich für Bildung, Gesundheit, Ökologie und Emanzipation engagieren, versickern die Revenuen der Kreativwirtschaft in den luxuriösen Domänen des Snobismus. Angesichts dieser Missverhältnisse, die eine Pauperisierung der Intelligenz ungeahnten Ausmaßes zeitigen, wird es Zeit, auch dieser Branche gegenüber ein sehr kritisches Konsumentenverhalten an den Tag zu legen.

Die Prekarisierung der Kreativen ist tatsächlich ein bis dato ungelöstes Problem. Kreativindustrie ist vor diesem Hintergrund ein zweideutiger Begriff. Einerseits suggeriert er seinen Auftraggebern Kreativität sei mit Methoden der Massenproduktion zu erzeugen, also am laufenden Fliessband und im Schichtbetrieb. Andererseits befindet sich die Branche an einem Punkt, an dem einst auch die Industrie war: am Beginn der Arbeiterbewegung. Vielleicht können sich Kreative von ihren „grossvätern“ etwas abschauen.