Das, was den Fernsehzuschauern als das große Finale vor der Bundestagswahl und die große Gelegenheit gepriesen worden war, sich noch ein qualifiziertes Bild von den Protagonisten im Kampf um das Kanzleramt machen zu können, entpuppte sich nicht als ein Duell, in dem mit unterschiedlichen Perspektiven und Konzepten gerungen wurde. Vielmehr ging es darum, auf eine gemeinsame Legislaturperiode zurückzublicken und sich in unterschiedlichen Nuancen und Details der Regierungsführung zu unterscheiden. Die Perspektive, die sich daraus für die potenziellen Wählerinnen und Wähler ergab, war mehr als desolat. Es wurden keine signifikanten Unterschiede sichtbar, die Voraussetzung für eine wirkliche Wahl sind.
Das geflügelte Wort von Altbundeskanzler Helmut Schmidt, dass derjenige, der Visionen habe, sofort zum Arzt müsse, stammt aus einer Zeit, in der hinsichtlich einer florierenden Wirtschaft, die zwar auch ihre ersten Strukturkrisen hatte und hinsichtlich einer außenpolitischen Schirmherrschaft durch die USA, die von vielen Lasten befreite, der Zynismus einer starken Geschäftsführung derartig lapidar zu kontern wusste. Da konnte ein Pragmatiker noch das Alltagsgeschäft zum Programm machen, ohne sich den Vorwurf einzuhandeln, Richtungsentscheidungen zu verschlafen. Fast dreißig Jahre später blicken wir auf Ereignisse wie die deutsche Einheit und die wachsende Globalisierung, die Genese einer neuen geopolitischen Weltordnung, eine radikale Internationalisierung der Arbeitsmärkte und zwei Weltfinanzkrisen zurück, die andeuten, dass sie in Zukunft akzelerieren werden. Da wird ein Weiter so! zum Debakel. Nicht nur, weil es höchste Zeit ist, sich auf die gegenwärtigen Bedingungen in der Welt einzustellen, sondern auch, weil in den vergangenen Dekaden die gleiche Parole schon strategische Nachteile hervorgebracht hat, die es immer schwerer zu korrigieren wird.
Das Duell der beiden Kanzlerkandidaten ließ diese entscheidende Thematik aus oder streifte sie allenfalls als subalternes Dekor. Nichts wurde formuliert, wie z.B. die Bildung in diesem Land, einhellig ja als ein wesentliches Produktivelement gepriesen, nach vorne gebracht wird. Es gab keine Vorstellung darüber, mit welchen Fähigkeiten und Fertigkeiten und mit welchen Werten die jungen Menschen ausgestattet sein müssen, um in dieser Welt zu bestehen. Es gab keine Aussagen zu der Qualität der Infrastruktur in diesem Lande, die augenfällig deterioriert und keinem Vergleich zu europäischen Randzonen mehr standhält. Ebenfalls keine Aussagen wurden getroffen über die Rolle des Landes in internationalem Maßstab, wie sich die Politik einbetten muss in internationale Bündnisse und welchen Weg man gehen will, um eine klare Marschroute für militärische Verpflichtungen und Handlungsspielräume zu haben. Und ebenso wenig war zu hören über eine strukturell begleitete Wirtschaftsentwicklung, z.B. der Frage, wie man umgehen will mit Segmenten der Bildungsmisere und internationalen Beschäftigungsstrukturen oder in welche innovativen Sektoren man investieren will. Letztendlich waren auch die Rituale in Bezug auf die Demokratie fatal, weil sie von einem Bild der Gesellschaft ausgingen, das so schon lange nicht mehr existiert.
Die Journalisten glaubten, mit der Etikettierung des Duells als ein eigentliches Duett einen Coup gelandet zu haben. Mag sein, aber hinsichtlich der Perspektiven von Politik war es ein Rondo macabre, die Wiederholung altbekannter Themen und Weisen, aus denen nichts hervorging, was die Zukunft erahnen ließe.
