Das Privileg und die Wahrheit

Privilegien an sich sind, so schwer es in unseren Zeiten zu vermitteln ist, keine schlechte Sache. Sie wurden erdacht, um Menschen, die eine herausgehobene Rolle oder Funktion hatten, die sie im Sinne und Auftrag der Gemeinschaft wahrnahmen, von den Gravitationskräften des Alltags zu befreien. In früheren Zeiten, wie zum Beispiel der Monarchie, war das auch so, nur besaßen die Potentaten die Privilegien auf Lebenszeit, und das tat ihnen selten gut, wie die Geschichte der Dekadenz uns lehrt. In Demokratien hingegen waren und sind Privilegien immer zeitlich begrenzt, d.h. sie werden verliehen für den Zeitraum, wo deren Nutznießer im Auftrag des Volkes Geschäfte wahrnehmen, um die Geschicke eines Landes oder einer Organisation treuhänderisch zu gestalten. Der Zweck des Privilegs ist, die Menschen, denen das Vertrauen geschenkt wurde, dazu zu befähigen, ihre gesamte Kraft auf den Auftrag zu konzentrieren.

Auch in Demokratien, so wissen wir, ist der Missbrauch von Privilegien an der Tagesordnung. Statt sie dem Zweck des Auftrages unterzuordnen, bilden sie für manch einen Emporkömmling den eigentlichen Zweck des Unternehmens, und nicht der Wunsch nach Gestaltung, sondern die bloße Gier nach Vergünstigung und Status. Das ist nicht erfreulich, aber es ändert nichts an der Notwendigkeit, Privilegien an diejenigen zu verleihen, die in einer komplexen Struktur einen professionellen Job machen sollen. Dieses wiederum stört die Apologeten des Sozialneids nicht, die auf der Folie des Missbrauchs ihr Geschäft zu betreiben, indem sie Missgunst und Verdacht auf alle zu leiten trachten, die den Mut und den Willen haben, im Sinne der Gemeinschaft zu agieren. Dabei leben diejenigen, die den Privilegien par excellence den Kampf angesagt haben, zumeist nicht schlecht und nicht selten genießen sie in Organisationen, die ihrerseits die Spaltung des Gemeinwesens schüren, genau das, was sie bekämpfen. Da lebt es sich ganz kommod, und es ist nicht übertrieben, diesen Zeitgenossen den Ehrentitel des Demagogen zu verleihen. Denn wer Wasser predigt, während er selber heimlich Wein trinkt, dem sollte man keinen Glauben schenken.

Dennoch birgt das Privilegium eine Gefahr, die stetig größer wird, je länger es genossen wird. Wer von den Mühen des Alltags befreit ist, mit seinen Widrigkeiten und Sorgen, mit seiner Mühsal und erforderlichen Disziplin, mit seiner Notwendigkeit, sich schnell zu entscheiden und sich selbst zu beschränken, der entfernt sich von den notwendigen Tugenden, die erforderlich sind, das Leben zu meistern. Aber genau dazu soll das Privileg befähigen, quasi auf einer höheren Stufe im Sinne der Gemeinschaft. Und je länger die Perioden der Befreiung von der Mühsal des Alltags dauern und je mehr sich die Privilegierten mischen und vom Alltag etablieren, desto weltfremder erscheint das, was sie zustande bringen.

Rare Exemplare sind diejenigen unter den Privilegierten geworden, die es vermögen, noch ein normales Leben jenseits des Auftrages zu leben und mit denen in Kontakt zu bleiben, die ihnen ihre Existenz als Gestalter, das höchste Privileg überhaupt, ermöglichen. So entfernen sie sich immer mehr von der Wahrheit, die ihrerseits nackt im Volke wandelt.