Archiv für den Monat August 2009

Die Bohème ist keine Gehaltsklasse

Jörg Fauser. Marlon Brando. Der versilberte Rebell. Eine Biographie

Jörg Fauser brauchte mal wieder Geld. So ließ er sich bereits 1977 darauf ein, eine eher brav geschriebene Biographie über James Dean ins Deutsche zu übersetzen. Der bis heute einzigartige Übersetzer des amerikanischen Underground, der in Mannheim lebende Carl Weissner, hatte zwecks Überlastung den Verlag auf seinen Freund Fauser aufmerksam gemacht. Dieser willigte ein und lieferte mit seiner Übersetzung eine literarische Dimension, die aus der eher langweiligen Vorlage einen Fetzer machte. Der Verlag hakte nach und bat Fauser, selbst eine Biographie über Marlon Brando zu schreiben. Der war widerborstig und willigte nach zähem Ringen irgendwann ein. In seinem Tagebuch steht am 16.1.1978: Brando angefangen. Und am 27.3.1978: Brando abgeschlossen. Nach eingehender Recherche schrieb Fauser dieses bis dahin für das Genre unglaubliche Werk in zwei Monaten herunter.

Fausers Arbeit hat journalistischen Charakter. Der Autor folgte Brando mit zielsicherem Gespür aus der amerikanischen Provinz, sprich dem Nest Libertyville nach New York, wo er sich durchschlägt. Versuche eines jungen Rebellen, der sich in der Metropole durchzusetzen versucht, bringen ihn irgendwann in Bohèmekreise, wo man ihm schauspielerische Qualitäten attestiert. Zunächst geht er mit Tennessee Williams Endstation Sehnsucht auf die Bühne und bricht alle Rekorde und die Herzen der aufbegehrenden jungen amerikanischen Generation. Es ist sein Gestus, der imponiert, das Coole, das Nonchalante, das unausgesprochene Desinteresse an den großen, gesetzten Diskursen um die amerikanische Gesellschaft dieser Tage. Brando schert sich nicht drum. Er wechselt von der Bühne zum Film und holt sich mit einem Achselzucken ein Millionenpublikum.

Was folgt, ist bekannt. Welterfolge mit Endstation Sehnsucht, Die Faust im Nacken. Der Rebell kommt nach Hollywood und nicht die Filmindustrie vereinnahmt ihn, sondern er sie. Brando diktiert, streicht astronomische Gagen ein, verschwendet sie gleichgültig und spielt das Spiel nicht mit. Entzieht sich immer wieder erfolgreich der vermarktenden Öffentlichkeit, dreht Filme, die gigantische Flops werden, von der Historienschnulze bis zum Western. Kauft ein Atoll in der Südsee und kämpft für die Umwelt, engagiert sich für die Indianer und brüskiert. Die sechziger Jahre finden ohne ihn oder mit Pleiten statt, er verhöhnt den Historienschmu mit der Meuterei auf der Bounty. Und dann, als die öffentliche Wahrnehmung ihn abgeschrieben hat, taucht er wieder auf und wirft mit Der Pate und Der letzte Tango in Paris dem verdutzten Publikum zwei Welterfolge hin. Zur Verleihung seines zweiten Oscars, diesmal für den Paten, schickt er eine junge Indianerin, die ihn für ihn ablehnt. Brando kehrt danach zurück in seine von der Öffentlichkeit abgeschirmte Welt, genauso cool, genauso nonchalant und genauso an der Kulturindustrie desinteressiert.

Fauser gelingt es, Marlon Brando als da darzustellen, was die normierte Öffentlichkeit nie verstanden hat: Den Rebellen, der sich versilbert, ohne sich kaufen zu lassen. Einen wahren Bohèmien, dessen Wesen es ist, die Bourgeoisie zu verhöhnen ohne selbst ein bürgerliches Leben je zu führen. Die heutigen Versuche, die Bohème als eine einkommensstarke, kreative Kaste zu beschreiben, haben die Rebellion aus dem Auge verloren. Brando ist der Beweis, dass die Bohème von der Rebellion nicht zu trennen ist. Und Fauser war der, der das wusste. In einer biographischen Notiz wenige Monate vor seinem Tod schrieb Jörg Fauser zur eigenen Person: „Keine Stipendien, keine Preise, keine Gelder der öffentlichen Hand, keine Jurys, keine Gremien, kein Mitglied eines Berufsverbands, keine Akademie, keine Clique; verheiratet, aber sonst unabhängig.“ Zwei, die sich verstanden, hatten sich in dieser Biographie gefunden.

Schalke, den Propheten Mohammed verhöhnend?

Von der Dramaturgie passt die Geschichte in die Hundstage. Dann, wenn die Leute ihre Ruhe haben wollen, wenn sie sich einmal entspannen wollen von den ganzen Regelwerken des Handelns und Denkens, genau in dieser Zeitzone passieren zuweilen Dinge, die dann doch für Aufregung sorgen. Wenige Tage vor Beginn der neuen Bundesligasaison hat es den FC Schalke 04 erwischt. Es ist weder ein spektakulärer Transfer, noch ist es ein Spielerskandal oder sonst irgendetwas von dem, woran besonders dieser große Traditionsclub so reich ist. Nein, die Schockwelle geht aus von dem Vereinslied, das im Jahr 1924 entstand.

In der dritten Stufe der Hymne nämlich heißt es „Mohammed war ein Prophet, der vom Fußballspielen nichts versteht. Doch aus all der schönen Farbenpracht hat er sich das Blau und Weiße ausgedacht.“ Nicht, dass die Kritik aus den eigenen Reihen gekommen wäre und das Epigonale in Bezug auf ein Märchen aus 1001 Nacht bemängelt hätte, denn so ist das ja wohl in positivem Sinne zu verstehen. Nein, empörte Muslime und türkische Medien sehen darin eine Verhöhnung des Propheten Mohammed. Da heißt es zunächst einmal durchatmen, weil das ein Anwurf ist, den man als Abendländer zunächst so nicht versteht. Denn, wie angedeutet, die immanente Logik und die semantische Konnotation ist sehr positiv, schließlich lieben die Schalker ihr Blau und Weiß, und das glauben sie dem Propheten Mohammed zu verdanken. Mal abgesehen davon, dass es sich dabei um die reine Fabulierung handelt, denn bekanntlich ist die Farbe des Islam das Grün.

Aber darum geht es nicht. Worüber wir uns Gedanken machen sollten, ist die Frage, ob wir wieder einmal mit ansehen wollen, wie durch gezielte Propagandaaktionen eine Zensur eingeführt wird, die auftritt wie die geistige Scharia. In der Bundesrepublik herrscht eine Verfassung, in der die Meinungsfreiheit ebenso garantiert ist wie die Würde des Menschen und der Schutz gegen Diskriminierung. Wenn jemand seine Würde und seinen ausgeübten Glauben verletzt sieht, dann sollte er dies zur Anzeige bringen und der Justiz ihren Lauf lassen. Propagandaaktionen nach totalitärem Muster sind im eigenen Land suspekt, von außen gar nicht hinnehmbar. Die Trivialität des beanstandeten Sachverhaltes lässt darauf schließen, dass im Sommerloch einer Strategie gefolgt wird, die Aufmerksamkeit erregen und zudem dazu führen soll, die Meinungsfreiheit gewaltig einzudämmen. Denn die Aktion reicht weiter, schließlich geht es bei einer Vereinshymne nicht um justiziable Vertragsdokumente, sondern – zugegebenermaßen stark restringierte – Poesie. Die Attacke aus islamisch-dogmatischem Lager ist ein Angriff auf die dichterische Freiheit, ein Vorstoß, wie wir ihn bis heute hier noch nicht erlebt haben.

Der Charme einer auf einem Rechtssystem fußenden Toleranz besteht darin, dass die Grundzüge des respektablen Miteinanders eindeutig geklärt sind. Das Paradigma der Toleranz besteht jeweils nur solange, wie es gelingt, die Toleranz selbst zu verteidigen gegen diejenigen, die sowieso nichts mit ihr im Sinn haben. Der Dogmatismus, egal welcher Couleur, hat kein Recht, die Grenzen der Toleranz zu definieren. Und Schalke bleibt Schalke!

Hundstage

Mit dem Monat August macht sich nun auch der Süden der Republik in den Urlaub, während in anderen Bundesländern zumindest die Schule bereits wieder beginnt. Unternehmen kämpfen sich von Nord bis Süd durch die Krise und die turnusmäßige Flaute des hohen Sommers, die Parlamente sind verwaist, die meist verbeamteten Vertreter des Volkes weilen ebenfalls im Urlaub, mal mit dem privaten Auto, mal mit dem Dienstwagen oder der Flugbereitschaft. In den Städten wird es leerer und legerer, für einige Wochen könnte man glauben, in der Republik lebten glückliche Menschen. Nachts wird es länger, morgens später, in den Straßen riecht es nach Gegrilltem und hier und da einer guten Zigarre. Aus den Gärten und Hinterhöfen erschallt Gelächter und im Morgengrauen schreien die Kater, als ginge es um ihr Leben.

Dass es in einer solchen Zeit nicht leicht ist, die Menschen aus der etwas zurück gelehnten, genießerischen und lebensbejahenden Laune zurück zu holen in die politische Lagersymbolik, das muss ohne jede Polemik zugestanden werden. Auch die Deutschen haben ein Recht auf den temporären Müßiggang. Wir, von denen die Latinos sagen, man höre eine Uhr ticken, sobald wir den Mund aufmachen, frönen ein einziges Mal der Arithmetik, dass die Fünf eine gerade Zahl ist, und schon klopft die Politik wie eine lästige Schmeißfliege ans Hoftor und will uns ablenken, damit das schöne Steak auf dem Grill verkohlt. Das, liebe Politiker, mögen wir nicht, und wenn wir uns schon einmal entschieden haben, für ein paar Wochen den Liederjan zu spielen, dann wollen wir dabei nicht gestört werden.

Enerviert nehmen wir zur Kenntnis, dass die Parteien, die aufgrund der Vogelschau noch einiges bewegen müssen, um ihr Ziel zu erreichen, jetzt so langsam aufdrehen und an den 27. September gemahnen, wo es bei der alles entscheidenden Wahl natürlich wieder einmal um unser Schicksal geht. Und um die Zukunft. Und um die Gerechtigkeit. Und um die Nachhaltigkeit. Und um den Weltfrieden. Und überhaupt. Die einen wollen die Arbeit abschaffen bei vollem Lohnausgleich, die anderen alle Gesetze bei gleicher Sicherheit. Wieder andere machen eine Girlie-Show mit mäßigen Modellen und versprechen Milch und Honig bis zum Stichtag in elf Jahren. Madame de Meck et Pommes macht keine Politik, denn sie weiß, wie der Michel tickt und spekuliert auf dessen Hang zur Ruhe.

Und irgendwie interessiert uns das alles gar nicht. Neben dem schönen Leben ist uns mal ganz entspannt nach einem dicken Buch mit Niveau, wo noch Figuren drin vorkommen, die interessant, vielleicht sogar ein bisschen kompliziert sind. Jedenfalls anders als das, was wir das ganze Jahr erleben. Sie dürfen sogar frivol und lüstern, anarchisch oder gar rebellisch sein. Nur nicht konform und orthodox, bieder und schmallippig. Denn das ist allzu realistisch, in einem Land, in dem das Lachen meist nur im August aus nächtlichen Hinterhöfen und Gärten dringt. Der Politik möchte man den Rat geben, das Idyll der Deutschen in den nächsten Wochen nicht zu stören, denn sonst geraten sie ganz durcheinander und werden wütend. Vielleicht werden sie dann vor lauter Unordnung noch frivol und lüstern, anarchisch und rebellisch! Vermasselte Hundstage sind ein schlechtes Vorspiel für eine Wahl, bei der es mal wieder um Deutschlands Zukunft geht!