Archiv für den Monat August 2009

Die Urbanisierung der Menschheit

Ziemlich genau mit der Jahrtausendwende überschritt der Anteil der Weltbevölkerung, der in Städten lebt, die Fünfzigprozentmarke. Alle ernst zu nehmenden Planungs- und Prognoseinstitute vertreten die These, dass sich der Trend zu einer globalen Majorisierung der Stadtbewohner fortsetzen wird. Die benutzten Adjektive zur Charakterisierung dieses Trends variieren von signifikant bis dramatisch. Es ist also ratsam, sich darauf einzustellen, dass wir in einem Jahrhundert leben werden, in dem weltweit die Musik in den Städten spielen wird. Politik, Kultur, Architektur, Kommunikation und Produktion werden die Termini sein, die die urbane Weltsphäre dominieren. Das Schicksal des Landes wird geprägt sein von einer zunehmenden Artifizierung, das heißt, die künstliche Gestaltung von Landschaften wird zunehmen, die ursprüngliche Natur wird ihr Dasein in Reservaten fristen und die Landwirtschaft wird eine weitere, technische, chemische und Gen gesteuerte Revolutionierung erfahren. Die Spezies der Bauern wird sich in diesem Jahrhundert verabschieden und ersetzt werden durch Nahrungstechnologen und Landschaftsarchitekten. Als Lebensraum wird das Land wahrscheinlich systematisch erschlossen werden für die Alten, die in Sun Citys ihr letztes Lebensstadium verbringen, wohl versorgt und sozial separiert.

Die Urbanisierung wird es mit sich bringen, dass die im Rahmen der Demographiedebatte formulierte These, die Städte den Jungen und das Land den Alten zu einer wachsenden Dynamisierung des urbanen Lebensraums führen wird. Die Menschheitsentwicklung wird weiterhin getrieben von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Brennstoffen. Aber wie bei den fossil gespeisten Verbrennungsmotoren mehr und mehr das Biofueling die Technologien erobert, so werden auch in der gesellschaftlichen Bewegung zunehmend Biologismen eine Rolle spielen. Die unter 25Jährigen werden in den Städten wie in den momentan so genannten jungen Nationen die Gruppierung sein, die die urbanen Lebensräume gestaltet und bevölkert. Das wird ganz anders sein als die gegenwärtige behäbige Diskussion um Stadtplanung, formaler Gerechtigkeit und ethischer Müllentsorgung. Da kommen Kohorten zusammen, die getrieben werden vom Hunger nach Leben, die etwas abhaben wollen vom großen Kuchen. Ihr Konsens wird bestehen in einem gemeinsamen Eroberungs- und Überlebenswillen. Die urbanen Prozesse werden akzelerieren, und es wird eine Renaissance geben des Slogans „Mehr Tempo, mehr Macht, mehr Glück.“

Das Jahrhundert der Städte wird aufregend werden und es werden sich Gestaltungsräume auftun, wie so vorher der Menschheit wahrscheinlich unbekannt waren. Vieles wird entstehen durch Krisen und Nöte, Gefahren und Desaster, aber so ist der Lauf des Daseins. Mit der Verjüngung und wachsenden Urbanisierung der Weltgeschichte wird der Druck jedoch wachsen, die Zukunft zu gestalten statt die Vergangenheit zu verwalten. Herausforderungen, wie sie noch nicht da waren, werden Potenziale provozieren, die zu vielem ermutigen. Und die Kassandras, die heute noch die Marktplätze des Alten Europas dominieren, werden in den Städten keine Resonanz mehr finden und sich verlieren in den Golflandschaften, wo längst kein Hahn mehr kräht.

Die Physiognomie der Beschwichtigung

Manchmal sind es gerade die ungewollten und uninszenierten Beobachtungen, die Ergebnisse zeitigen, die mehr aussagen als die wohl gesetzten. So erging es mir gestern, als ich Zeuge des Sommerinterviews mit Kanzlerin Merkel wurde. In meinem Sportstudio nämlich, so ganz ohne die Beklemmung der Heisenbergschen Unschärferelation. Nach den Übungen für meinen bürogekrümmten Rücken und dem Muskeltraining für einen alternden Chauvinisten begab ich mich wie immer aufs Laufband, um etwas für das so oft gekränkte Herz und den alles tragenden Kreislauf zu tun. In meinem Sportstudio versucht man den Läuferinnen und Läufern die Monotonie des Bandes zu nehmen, in dem man auf Augenhöhe Bildschirme platziert hat, auf denen Sport- und Nachrichtensendungen laufen. Meistens entscheide ich mich für die Nachrichtensendungen, weil die Wahrscheinlichkeit beim Sport nicht gering ist, irgendein Autorennen mit ansehen zu müssen, was meinen Puls aus Überdruss sofort rapide in die Höhe treibt. Und wer will schon gerne schlechte Trainingsergebnisse wegen blöder Bilder.

Kaum hatte ich mich warm gelaufen, wurde der Hinweis eingeblendet, dass gleich das Sommerinterview mit Frau Bundeskanzler übertragen würde. Ich muss nämlich dazu sagen, dass ich nie einen Kopfhörer dabei habe und infolge dessen nur die optischen Informationen aufnehme. Und nach einem weiteren Werbespot für eine elitäre Partnervermittlung erschien dann die Kanzlerin, auf einer Terrasse an einem Ententümpel sitzend, gegenüber hatte sich der Interviewer arrangiert. Frau Merkel machte einen entspannten Eindruck, trug ein vom Ton her schon an den Herbst erinnerndes rotes Jackett und sah den Journalisten aufmunternd an. Dieser legte auch gleich los und stellte Fragen, die ich natürlich nicht mitbekam. In der Folge sah ich dann nur noch das Mienenspiel der Frau in Großaufnahme.

Nun muss man in Betracht ziehen, dass ich zum einen gegen programmierte Steigungen zu kämpfen hatte und es zudem ziemlich heiß im Studio war, zum anderen bin ich auch kein Fachmann in der Deutung der Kinesik. Dennoch viel mir auf, dass in dem Mienenspiel sehr viel Betuliches lag, eine ostentative Gelassenheit und auch etwas Ausgebufftes. Keine der Fragen schien sie aus der Ruhe zu bringen, alles wirkte wie eine lässige Übung, Frau Merkel erschien wie eben eine erfahrene Frau, die beunruhigte Geister durch Gesten der Welterfahrung zu besänftigen sucht. Das gelang ihr insofern, als dass ihr die Übung gewissermaßen leicht von der Hand zu gehen schien, sie rief ein Repertoire ab, das sie zweifelsohne beherrschte. Keine Miene jedoch verriet Entschiedenheit oder Entschlossenheit, ein physiognomisches Zeichen des Zupackens konnte ich nicht beobachten. Irgendwie machte mich das auf Dauer wütend, weil ich an die vielen Herausforderungen dachte, vor der unser Land steht und ich die Vorstellung habe, dass wir an der Spitze Leute brauchen, die strategisch denken und gewillt sind, zuzupacken.

Als der Nachrichtensender dann begann, die Kernsätze des Interviews in den Newsticker aufzunehmen, ging mein Puls dramatisch hoch, denn jetzt wusste ich, dass dort alles Mögliche erzählt worden war, nur nicht das, was von Nöten gewesen wäre. Und ich dachte an einen ehemaligen Chef, den ich als junger Mann gehabt hatte, der mir zu meinem damaligen und heutigen Entsetzen immer erzählt hatte, wahre Macht bedeute auch, nichts zu tun. Nun fing die Anzeige zu blinken an und ich sah einfach woanders hin, genauer gesagt, links neben mir lief eine nett anzuschauende junge Frau, und die tat meinem Puls richtig gut. Nach 17 Minuten war dann das Interview vorüber und ich hatte noch eine halbe Stunde vor mir, um meine Trainingsergebnisse zu verbessern, was letztendlich auch gelang. So ging ich dann doch einigermaßen ausgeglichen zum Duschen, nur die Erkenntnis, dass auch ein Gesicht etwas aussitzen kann, die trieb mich noch eine Weile um.

Die Systemkrise der modernen Kommunikation

Mit der Durchdringung unserer Lebenswelten durch die Digitaltechnologien scheint es, als ob vieles der ursprünglich human inhärenten Fähigkeit, zu kommunizieren, ins Wanken geraten ist. Die Aufbereitung und der Transport von Informationen stellen kein Problem mehr da, die Fähigkeit, überall auf der Welt Informationen mittels technischer Geräte, die sich jedermann leisten kann, aufzunehmen und zu versenden hat zu einem Phänomen geführt, das euphemistisch Überfrachtung genannt werden kann. Jede oder jeder, die oder der über eine Emailadresse verfügt, kennt die Informationsfülle, die unaufgefordert auf sie oder ihn hereinströmt. Information, in früheren Zeiten die Grundnahrung ungerechter Herrschaft, verwandelt sich so zu einem Kontaminationsproblem in des Volkes Reihenbehausung.

Mit der zunehmenden Erosion von analytisch ausgerichteter Bildung kommt eine weitere Komponente zur Problemlage dazu. Für die Individuen wird es immer schwerer, Information nach ihrem relevanten Stellenwert zu selektieren. Für viele wird es immer komplizierter, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Es mangelt an einer scharfen Kontur der eigenen Interessenlage, einem Instrumentarium von Vergleich und Entscheidung und der Fähigkeit, sich zu trennen und zu der eigenen Entscheidung zu stehen.

Mit der Etablierung der Massendemokratien hat sich Herrschaft zunehmend mit den Insignien von Transparenz und Wissen legitimiert. Diese Art der Legitimation wurde erleichtert durch die Fähigkeit, zu überfrachten. So sind wir in der Lage, dass kaum jemandem mehr vorgeworfen werden kann, er hätte nicht informiert, sondern es immer unmöglicher wird, selbst nur das zu lesen, was von Belang sein könnte. Insofern haben die technischen Möglichkeiten der Informationstechnik dazu beigetragen, einen vitalen Legitimationsmechanismus der Massendemokratie ad absurdum zu führen.

Sorgte die Technologie für eine extravagante Komplexität, so trug die Psychologie zu einer Enthüllung wachsender Kompliziertheit des Kommunikationsprozesses bei. Das historisch mit der einfachen Technik etablierte Kommunikationsmodell von Sender – Kanal – Empfänger wurde zunehmend undurchschaubarer, als dass die versteckten Botschaften und Wahrnehmungen einen immer größeren Stellenwert einnahmen. Über die Verständlichkeit hinaus wurde das Wissen um den Offenbarungsgrad von Nachrichten, die nachrichtliche Definition der sozialen Beziehung der Kommunikanten und die manipulatorische Implikation einer Botschaft zunehmend thematisiert. Was früher in den kleinen Zirkeln der äsopischen Literatur Thema war, ging plötzlich alle an und trug in gehörigem Maße zur Verwirrung vieler bei.

Eine massenhafte Reaktion auf die wachsende Komplexität und Kompliziertheit von Information und Kommunikation ist zunehmender Verdruss und Misstrauen gegenüber hierarchisch gesetzten Sendern und deren Botschaften. Es ist an der Zeit, von einer Systemkrise der modernen Kommunikation zu sprechen.