In der Diskussion um die Zukunft unserer Gesellschaft wird immer wieder eine Sozialformation genannt, ohne die eine Neugestaltung von Wirtschafts- und Gesellschaftsleben nicht vorzustellen ist. Gemeint ist die kreative Klasse. Schaut man genau hin, wird deutlich, dass mit dem Begriff eine diffuse Vorstellung korrespondiert. Von einer genauen Definition ist man noch weit entfernt. Was das Phänomen allerdings nicht weniger wichtig macht. Bekanntlich hilft Diffusion dabei, sich zu etwas zugehörig fühlen zu können, ohne es nachweisen zu müssen. Zumindest ist die Attraktion der kreativen Klasse soweit fortgeschritten, dass sich die Politik vor allem in den Städten sehr um sie bemüht.
Der Amerikaner Richard Florida gilt als derjenige, der sich zu Beginn dieses Jahrtausends pionierartig Gedanken über Rolle und Charakter der kreativen Klasse gemacht hat. In seinen Büchern The Rise of the Creative Class und The Flight of the Creative Class beleuchtete der in Washington lebende Florida Charakter, Rolle und Umfeld des Phänomens. Demnach handelt es sich um Menschen, die außerhalb der gesetzten und tradierten ökonomischen, handwerklichen und Konstitutionsformen Produkte mit einem hohen Mehrwert produzieren. Meistens handelt es sich dabei um Freiberufler oder Aussteiger, die zunächst in semantischen wie ökonomischen Nischen Akzente setzen und so in nuce Produktionsmöglichkeiten mit hohem ökonomischem Nutzen andeuten. Florida benennt neben der kreativen Klasse, die er der Dramaturgie wegen die Talente nennt, eine triadische Komposition, die erforderlich ist, um in einer Globalökonomie reüssieren zu können: Talente, Toleranz und Technologien. Sind diese drei Voraussetzungen gegeben, so kann man laut Florida davon ausgehen, dass sich ein Gemeinwesen sehr günstig entwickelt.
Seitdem diese Thesen auf dem Tisch sind, ist ein globaler Prozess zu beobachten, der es ganz gehörig auf die drei Ts anlegt: Jede Stadt, die etwas auf sich hält, orientiert sich an dieser Faustregel und versucht, einen entscheidenden Sprung nach vorn gegenüber der Konkurrenz zu machen. Sind Technologien das Ergebnis einer längeren wissenschaftlichen und industriellen Entwicklung und ist Toleranz eine Qualität, die sich historisch hat fortschreiben müssen, so kann man die Talente noch am schnellsten zu sich locken. Talente sind zwar wählerisch, aber sie entscheiden sich auch, weil sie etwas erreichen wollen. Um es einmal sehr deutlich zu benennen: Talente und Technologien kann man kaufen, solange sich hinter den Begriffen unkritische Größen verbergen. Toleranz ist tradierte Lebenspraxis, da kann man nichts herbeizaubern. Sieht man sich die vorliegenden Definitionen der kreativen Klasse einmal an, so fällt auf, dass sie rein soziologisch oder ökonomisch ausfallen. Aber genau an dieser Stelle kommt das strategische Problem.
Eine glatte, gesellschaftskonforme, affirmative Kreativität ist eigentlich ein Widerspruch in sich. Das erinnert an das Idealbild einer Frau bei manch armem Tropf, der die schönste, klügste, selbstbewussteste Frau der Welt in seinem Hirn entstehen lässt, die natürlich treu und gehorsam sein soll. Kreativität ohne Rebellion gegen Tradiertes, ohne Konfrontation mit dem Bestehenden und ohne Opposition gegen das Gesetzte kann und wird es nicht geben. Und nur dann, wenn der Umgang mit diesem auch politisch unbequemen Phänomen gelingt, entsteht eine Sphäre der Toleranz.
