Unterhält man sich mit Politikern der gegenwärtigen Generation und fragt sie nach ihrem Selbstbild, so ist dieses immer aufschlussreich. Die einen sehen sich im eher klassischen Sinn als Interessenvertreter bestimmter sozialer oder regionaler Gruppen. Andere wiederum als Pragmatiker, die von ihrem eigenen Parteiprogramm das durchsetzen wollen, was sich im Rahmen von parlamentarisch-demokratischen Rahmenbedingungen machen lässt. Wiederum andere sehen sich als Mittler oder gar Mediatoren zwischen Regierungshandeln und Bevölkerung. Nahezu alle werden von der Einschätzung beherrscht, sie operierten im Felde vorgefundener Gegebenheiten und nahezu alle glauben daran, dass es sich bei dem Abstraktum „Volk“ um ein Phänomen handelt, das seinerseits weltbildlich bereits prädestiniert ist, das man also nur begrenzt manipulieren, aber keinesfalls erziehen kann.
Nun ist es natürlich nicht die dezidierte Aufgabe von Politik, das Volk zu erziehen. Da wären wir wohl alle dagegen. Und besonders in Deutschland mit unserem Postfaschismustrauma haben wir es wieder mit einem Sonderweg zu tun. Wir sind die einzigen, die eine Trennung zwischen Erziehung und Bildung gesetzlich vollzogen haben. In keinem Land der Erde gibt es einen derartig krassen Widerspruch zwischen Jugendämtern und Schulen, nirgendwo wird der Familie so exklusiv die Generalautonomie über die Erziehung verliehen und nirgendwo sind Schulen verkommen zu einem reinen Bildungsdestillat namens „Stoffvermittlung“.
Die Trennung ist auch in den Köpfen der Politiker so zementiert, dass sie bei der Frage, ob der politische Prozess nicht auch eine erziehende Wirkung haben müsse, diese regelrecht zusammenzucken und allein schon den Gedanken weit von sich weisen. Von ihrem Selbstverständnis her haben sie natürlich Recht, in Bezug auf ihre Wirkung lassen sie einen zentralen Aspekt außer Acht. Denn Politik wirkt in einer ungeheuren Dimension pädagogisch. Im politischen Prozess eines Landes handeln Akteure, die eine Öffentlichkeit genießen wie sonst nur noch Filmdivas. Die Bevölkerung beobachtet genau, wer welchen Handlungsmustern folgt und wie die Protagonisten sich durchsetzen. In einer Zeit, in der der dezidierte Erziehungsauftrag immer weniger dort wahrgenommen wird, wo er vom Gesetzgeber vorgesehen ist, nämlich in der Familie, finden die Lernprozesse dann dort statt, wo sie eigentlich nicht stattfinden sollen. Nämlich in der Schule, auf der Straße, bei der Arbeit und in den Medien. Und in den über alle Radiostationen, Fernsehsender und das Internet stündlich ausgestrahlten Nachrichtensendungen werden die Lektionen noch einmal zusammengefasst.
Jede politische Handlung wird von der Bevölkerung rezipiert wie ein Lehrstück. Fährst du mit dem Dienstwagen in Urlaub, steckst du staatliche Rettungsgelder ein und verteilst hinterher Boni, machen Krankenkassen Gewinne, zahlen an ihre Belegschaften 14. Monatsgehälter und die Kassenleistungen werden trotzdem teurer und und und, die pädagogische Wirkung von Politik ist immens. Gegenwärtig diskreditiert sie mit einem gewaltigen Programm den Leistungsgedanken und die Selbstverantwortung. Und wer leugnet, mischt kräftig mit.
