Die Urbanisierung der Menschheit

Ziemlich genau mit der Jahrtausendwende überschritt der Anteil der Weltbevölkerung, der in Städten lebt, die Fünfzigprozentmarke. Alle ernst zu nehmenden Planungs- und Prognoseinstitute vertreten die These, dass sich der Trend zu einer globalen Majorisierung der Stadtbewohner fortsetzen wird. Die benutzten Adjektive zur Charakterisierung dieses Trends variieren von signifikant bis dramatisch. Es ist also ratsam, sich darauf einzustellen, dass wir in einem Jahrhundert leben werden, in dem weltweit die Musik in den Städten spielen wird. Politik, Kultur, Architektur, Kommunikation und Produktion werden die Termini sein, die die urbane Weltsphäre dominieren. Das Schicksal des Landes wird geprägt sein von einer zunehmenden Artifizierung, das heißt, die künstliche Gestaltung von Landschaften wird zunehmen, die ursprüngliche Natur wird ihr Dasein in Reservaten fristen und die Landwirtschaft wird eine weitere, technische, chemische und Gen gesteuerte Revolutionierung erfahren. Die Spezies der Bauern wird sich in diesem Jahrhundert verabschieden und ersetzt werden durch Nahrungstechnologen und Landschaftsarchitekten. Als Lebensraum wird das Land wahrscheinlich systematisch erschlossen werden für die Alten, die in Sun Citys ihr letztes Lebensstadium verbringen, wohl versorgt und sozial separiert.

Die Urbanisierung wird es mit sich bringen, dass die im Rahmen der Demographiedebatte formulierte These, die Städte den Jungen und das Land den Alten zu einer wachsenden Dynamisierung des urbanen Lebensraums führen wird. Die Menschheitsentwicklung wird weiterhin getrieben von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Brennstoffen. Aber wie bei den fossil gespeisten Verbrennungsmotoren mehr und mehr das Biofueling die Technologien erobert, so werden auch in der gesellschaftlichen Bewegung zunehmend Biologismen eine Rolle spielen. Die unter 25Jährigen werden in den Städten wie in den momentan so genannten jungen Nationen die Gruppierung sein, die die urbanen Lebensräume gestaltet und bevölkert. Das wird ganz anders sein als die gegenwärtige behäbige Diskussion um Stadtplanung, formaler Gerechtigkeit und ethischer Müllentsorgung. Da kommen Kohorten zusammen, die getrieben werden vom Hunger nach Leben, die etwas abhaben wollen vom großen Kuchen. Ihr Konsens wird bestehen in einem gemeinsamen Eroberungs- und Überlebenswillen. Die urbanen Prozesse werden akzelerieren, und es wird eine Renaissance geben des Slogans „Mehr Tempo, mehr Macht, mehr Glück.“

Das Jahrhundert der Städte wird aufregend werden und es werden sich Gestaltungsräume auftun, wie so vorher der Menschheit wahrscheinlich unbekannt waren. Vieles wird entstehen durch Krisen und Nöte, Gefahren und Desaster, aber so ist der Lauf des Daseins. Mit der Verjüngung und wachsenden Urbanisierung der Weltgeschichte wird der Druck jedoch wachsen, die Zukunft zu gestalten statt die Vergangenheit zu verwalten. Herausforderungen, wie sie noch nicht da waren, werden Potenziale provozieren, die zu vielem ermutigen. Und die Kassandras, die heute noch die Marktplätze des Alten Europas dominieren, werden in den Städten keine Resonanz mehr finden und sich verlieren in den Golflandschaften, wo längst kein Hahn mehr kräht.