Die Physiognomie der Beschwichtigung

Manchmal sind es gerade die ungewollten und uninszenierten Beobachtungen, die Ergebnisse zeitigen, die mehr aussagen als die wohl gesetzten. So erging es mir gestern, als ich Zeuge des Sommerinterviews mit Kanzlerin Merkel wurde. In meinem Sportstudio nämlich, so ganz ohne die Beklemmung der Heisenbergschen Unschärferelation. Nach den Übungen für meinen bürogekrümmten Rücken und dem Muskeltraining für einen alternden Chauvinisten begab ich mich wie immer aufs Laufband, um etwas für das so oft gekränkte Herz und den alles tragenden Kreislauf zu tun. In meinem Sportstudio versucht man den Läuferinnen und Läufern die Monotonie des Bandes zu nehmen, in dem man auf Augenhöhe Bildschirme platziert hat, auf denen Sport- und Nachrichtensendungen laufen. Meistens entscheide ich mich für die Nachrichtensendungen, weil die Wahrscheinlichkeit beim Sport nicht gering ist, irgendein Autorennen mit ansehen zu müssen, was meinen Puls aus Überdruss sofort rapide in die Höhe treibt. Und wer will schon gerne schlechte Trainingsergebnisse wegen blöder Bilder.

Kaum hatte ich mich warm gelaufen, wurde der Hinweis eingeblendet, dass gleich das Sommerinterview mit Frau Bundeskanzler übertragen würde. Ich muss nämlich dazu sagen, dass ich nie einen Kopfhörer dabei habe und infolge dessen nur die optischen Informationen aufnehme. Und nach einem weiteren Werbespot für eine elitäre Partnervermittlung erschien dann die Kanzlerin, auf einer Terrasse an einem Ententümpel sitzend, gegenüber hatte sich der Interviewer arrangiert. Frau Merkel machte einen entspannten Eindruck, trug ein vom Ton her schon an den Herbst erinnerndes rotes Jackett und sah den Journalisten aufmunternd an. Dieser legte auch gleich los und stellte Fragen, die ich natürlich nicht mitbekam. In der Folge sah ich dann nur noch das Mienenspiel der Frau in Großaufnahme.

Nun muss man in Betracht ziehen, dass ich zum einen gegen programmierte Steigungen zu kämpfen hatte und es zudem ziemlich heiß im Studio war, zum anderen bin ich auch kein Fachmann in der Deutung der Kinesik. Dennoch viel mir auf, dass in dem Mienenspiel sehr viel Betuliches lag, eine ostentative Gelassenheit und auch etwas Ausgebufftes. Keine der Fragen schien sie aus der Ruhe zu bringen, alles wirkte wie eine lässige Übung, Frau Merkel erschien wie eben eine erfahrene Frau, die beunruhigte Geister durch Gesten der Welterfahrung zu besänftigen sucht. Das gelang ihr insofern, als dass ihr die Übung gewissermaßen leicht von der Hand zu gehen schien, sie rief ein Repertoire ab, das sie zweifelsohne beherrschte. Keine Miene jedoch verriet Entschiedenheit oder Entschlossenheit, ein physiognomisches Zeichen des Zupackens konnte ich nicht beobachten. Irgendwie machte mich das auf Dauer wütend, weil ich an die vielen Herausforderungen dachte, vor der unser Land steht und ich die Vorstellung habe, dass wir an der Spitze Leute brauchen, die strategisch denken und gewillt sind, zuzupacken.

Als der Nachrichtensender dann begann, die Kernsätze des Interviews in den Newsticker aufzunehmen, ging mein Puls dramatisch hoch, denn jetzt wusste ich, dass dort alles Mögliche erzählt worden war, nur nicht das, was von Nöten gewesen wäre. Und ich dachte an einen ehemaligen Chef, den ich als junger Mann gehabt hatte, der mir zu meinem damaligen und heutigen Entsetzen immer erzählt hatte, wahre Macht bedeute auch, nichts zu tun. Nun fing die Anzeige zu blinken an und ich sah einfach woanders hin, genauer gesagt, links neben mir lief eine nett anzuschauende junge Frau, und die tat meinem Puls richtig gut. Nach 17 Minuten war dann das Interview vorüber und ich hatte noch eine halbe Stunde vor mir, um meine Trainingsergebnisse zu verbessern, was letztendlich auch gelang. So ging ich dann doch einigermaßen ausgeglichen zum Duschen, nur die Erkenntnis, dass auch ein Gesicht etwas aussitzen kann, die trieb mich noch eine Weile um.