Archiv für den Monat Juli 2009

Sieg des Staatsmonopolismus ohne Ideologie

Nun ist es ein Faktum: Die ursprünglich geplante Übernahme von VW durch den Stuttgarter Autobauer Porsche ist nicht nur gescheitert, sondern hat sich in das Gegenteil verkehrt. Der niedersächsische Staatskonzern VW macht sich daran, die Edelmarke Porsche zu schlucken. Was das für die bestehenden Standorte, Arbeitsplätze und die jeweilige Produktqualität bedeutet, lässt sich noch nicht zuverlässig prognostizieren. Dass mit dem zurück liegenden Machtkampf eine neue Dimension des Staatsmonopolismus eingeläutet wurde, liegt indes auf der Hand.

Ursprünglich hatte der Porsche Manager Wiedekind den Plan, VW aus dem Staatskoloss, der der Konzern seit seiner Gründung durch die Nationalsozialisten immer gewesen war, in ein gewaltiges privatwirtschaftliches Gebilde zu verwandeln, in dem allerdings die Politik keine Rolle mehr spielen sollte. Dass dort keine Osterhasen, sondern ausgewachsene Alphatiere ins Gefecht zogen, war ohnehin klar, mochten sie nun Wiedeking, Porsche oder Piech heißen. Jedenfalls war wohl die Phalanx entscheidend, die Piech zusammen mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Wulff und dieser dann mit der Bundeskanzlerin zimmerten. Da ging es dann aber nicht mehr um die Weltmarktchancen von Automobilprodukten, sondern um die schiere Macht.

Besonders der niedersächsische MP Wulff musste darum fürchten, als Vertreter von Lower Saxony zukünftig in der Welt die Hintereingänge benutzen zu müssen, garantierte ihm doch die Stellung als VW-Aufsichtsrat das Hauptportal. Er fand die Kanzlerin als Verbündete, die ihrerseits dem CDU-Querulanten Oettinger für sein latent permanentes Opponieren gegen sie eins abräumen wollte. So wurden Kreditlinien für Porsche durch teils versteckte, teils offene politische Intervention blockiert, was den Stuttgartern bei ihrem riskanten Spiel den Hals brach. Der Einfluss der Politik auf VW blieb so gesichert und wird letztendlich sogar noch erweitert.

Folgt man der inneren Logik privatwirtschaftlichen Handelns, dann hat sich bei dem geschilderten Szenario neben der Familie Piech eine politische Lobby durchgesetzt, die ihrerseits zunehmend auf den staatlichen Einfluss auf den Wirtschaftskomplex setzt. Die Hauptakteurin heißt Merkel, und sie hat seit dem Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 ohne jede Camouflage deutlich gemacht, dass der Staatsinterventionismus ihre ultima ratio darstellt. Die Stützung einer abhängigen und desaströs handelnden Nomenklatura vor allem aus den Landesbanken und der Hypo Real Estate auf Kosten der Steuerzahler bedeutete bereits einen Machtzuwachs, der unter normalen Umständen nur durch einen Staatsstreich zu erzielen gewesen wäre. Die Positionierung VWs gegenüber Porsche ist nur der nächste Schritt.

Im Grunde erleben wir mit der gegenwärtigen Kanzlerin die Modellierung eines staatsmonopolistischen Gebildes, das einher geht mit der zunehmenden Entmündigung der Bürgerschaft mit Regelungen und Verordnungen gegenüber voll geschäftfähigen Bürgerinnen und Bürgern, was in einem Kinderhort zu einem Sturm der Entrüstung führen würde. Im Grunde genommen leben wir schon lange in einer Zone, gegen die jene Zone, aus der die Kanzlerin kommt, ein permissives Idyll war.

„Die irische See war so rauh!“ Zum Tode von Frank McCourt

Am Sonntag, den 19. Juli 2009, verstarb der irische Amerikaner Frank McCourt in seiner Geburtsstadt und Wahlheimat New York City im Alter von 78 Jahren. In den Fokus der Weltöffentlichkeit geriet McCourt im Jahre 1996 mit der Veröffentlichung des autobiographischen Romans Angela´s Ashes, Die Asche meiner Mutter. Der damals 65Jährige traf mit seinem übrigens ersten Buch weltweit auf ein Interesse, mit dem der gerade pensionierte Lehrer selbst nicht gerechnet hätte. Das Buch verkaufte sich über vier Millionen Mal und wurde verfilmt. Aus einem armen irischen Einwanderer, der mehr als dreißig Jahre an New Yorker Problemschulen als Lehrer gearbeitet hatte, wurde über Nacht ein wohlhabender Mann. Und das mit der Niederschrift einer niederschmetternden Kindheit.

In Angela´s Ashes beschreibt Frank McCourt seine frühe Kindheit in New York, wo er als Sohn irischer Einwanderer geboren wurde. Die Metropole am Hudson, selbst geschüttelt durch Depression und Weltwirtschaftkrise der dreißiger Jahre, wurde nicht zum Neustart der jungen Einwandererfamilie. Von ständiger Arbeitslosigkeit enttäuscht, kehrt Frank mit Eltern und Geschwistern zurück nach Irland, genauer gesagt nach Limerick. Der Vater findet auch dort kaum Beschäftigung, teils aufgrund der dort ebenso herrschenden desolaten Wirtschaftslage, teils seines übermäßigen Alkoholkonsums geschuldet. Schließlich verlässt er die Familie und sucht Jobs in London. Es folgen Jahre am Rande des Existenzminimums, die der junge Frank McCourt erlebt. Die Schilderung des Milieus mit seiner Kargheit, dem Hunger, dem Dreck und seinen menschlichen Abgründen kulminieren in McCourts dürren, aber treffenden Sätzen: “Natürlich war es eine miserable Kindheit (…) Doch schlechter noch als eine miserable Kindheit ist eine miserable irische Kindheit. Und diese wird noch übertroffen von einer miserablen irischen katholischen Kindheit.“ (Übersetzung GM).

McCourts Kindheit wird in Angela´s Ashes zu einer Urschrift über das Elend Irlands, mit seiner kolonialen Vergangenheit, seinen archaischen Vorstellungen, seinem verkommenen Klerikalismus und seinem ständigen Blutverlust durch die massenhafte Emigration der jungen Generationen. Der junge McCourt durchlebt das ganze Leid und die Hoffnungslosigkeit zusammen mit seiner Familie in Limerick. Ab und zu taucht der Vater auf, erwartet z.B. an einem Weihnachtsfest mit einer Gans unter dem Arm und Geld in der Tasche, stattdessen erscheint er sturzbesoffen mit eingeschlagenen Zähnen und raunt den knurrenden Mägen der Kinder zu, die irische See sei so rauh gewesen.

Frank McCourt tat schließlich das, was die meisten jungen Iren taten, er packte sein Bündel und kehrte dahin zurück, woher er kam, nach New York City, wo er ein Studium erfolgreich abschloss, um danach als Lehrer durchs Leben zu gehen. Er muss ein guter, nach heutigen Maßstäben genialer Lehrer gewesen sein, denn wenn man seinen Aufzeichnungen aus diesem Abschnitt seiner Biographie folgt (Teacher Man, 2005), dann liest sich vieles wie ein moderner, kreativer und erfolgreicher Unterricht. Im Fach Creative Writing z.B. ließ er seine Schüler, die gerne ziemlich verrückte Entschuldigungen schrieben, dass gleiche für Adam gegenüber Eva oder gar Gott probieren. Oder er ließ Apothekenrezepte vertonen! Er nahm den Schülerinnen und Schülern das Trauma, dass sie nichts wert seien und es keinen Sinn mache, über ihr Leben und ihre Erfahrungen zu schreiben. In der Berufsschule im bedrückenden Stuyvesant gab er den Schülerrinnen und Schülern den Stolz und die Selbstachtung zurück. Er konnte das, weil er alles selbst erlebt hatte. Mit Frank McCourt verstarb ein beeindruckender Autobiograph und ein einzigartiger, von tiefer Menschlichkeit geprägter Pädagoge.

Die Wahrheit liegt jenseits der cartesianischen Logik

Afghanistan, Pakistan, Irak, Iran und Indonesien! Die großen islamischen Gesellschaften sind gehörig in Bewegung geraten. Aus Sicht einer quantitativen Betrachtung befinden sich diese Gesellschaften in großer Instabilität und werden erschüttert durch Terroranschläge und Exzesse staatlicher Gewalt. Verwunderlich, dass ausgerechnet die bevölkerungsreichsten Länder Indonesien, Pakistan und der Iran eine Dynamik der Auseinandersetzung offenbaren, die im sunnitischen Herzstück des Islams, den arabischen Staaten, scheinbar keine Resonanz finden. Ausgerechnet dort, wo das Dogma in seiner unbeschädigten Form zuhause ist und in einer archaischen Brutalität wirkt, regt sich kaum Widerstand.

Das Design einer auf dem islamistischen Terror basierenden Expansionspolitik ist aber gerade in Saudi-Arabien entworfen worden, dort wurden und werden die leitenden Kader rekrutiert und von dort aus fließen die Petrodollars, die die sunnitisch-panislamischen Angriffe finanzieren. Saudi-Arabien und seine benachbarten Satelliten sind bevölkerungsarm, haben trotz der gewaltigen Kapitalakkumulation feudalistische Strukturen und werden von Dynastien beherrscht, die auf Ressourcenverkauf und einer neuzeitlichen Variante der Sklavenarbeit basieren. Diese Dynastien wissen, dass die religiöse Legitimation ihrer Hierarchien sich nicht auf eine Massenbasis stützen kann, um in der islamischen Weltgemeinschaft die Herrschaft zu sichern. Deshalb haben sie sich angesichts des drohenden Ressourcenverlusts bereits vor Jahrzehnten entschlossen, über das Instrument des Terrors die islamischen Massengesellschaften zu verunsichern und ins eigene Lager zu zerren. Und so wie es aussieht, sind die Aussichten schlecht.

Handelt es sich aufgrund der Bevölkerungszahl und der Stammesheterogenität in Afghanistan um einen Sonderfall eher geostrategischer Bedeutung, bei dem die islamistische Strategie nur im Dauerkriegszustand reüssieren kann, so sieht der durchweg sunnitische Islam in Pakistan schon günstiger aus, wäre dort nicht der Wunsch eigener Hegemonie übergroß, der immer einen Riss gegenüber der arabischen Welt darstellen wird. In Indonesien, dem bevölkerungsreichsten islamischen Land der Erde mit über 200 Millionen Gläubigen hat sich gerade eben mit der erneuten Wahl Susilo Bambang Yudhohonos zum Präsidenten ein politischer Kurs stabilisiert, der auf Demokratisierung und Rechtstaatlichkeit setzt. Die gestrigen Anschläge der aus der arabischen Welt gesteuerten Jemaah Islamiya auf Hotels in Jakarta, in denen exklusiv ausländische Geschäftsleute verkehren, setzt auf den ökonomischen Niedergang des Landes, auf den man spekuliert, um durch die Verelendung breiter Bevölkerungsschichten offene Ohren für die eigene Ideologie zu gewinnen. Neben der Tatsache, dass die Jemaah Islamiya ganz oben auf den Fahndungslisten der indonesischen Sicherheitskräfte steht, ist sie im Meinungsbild der Bevölkerung in der Defensive, weil man ihnen akribisch vorrechnet, dass die muslimischen Opfer des Terrors in weit größerer Zahl sind als die vermeintlich verhassten Westler. Der Anschlag in in Jakartas Finanzdistrikt Kuningan sollte etwas anderes zeigen, was aber auch nicht gelang.

Und im Iran hat die schiitische Revolution Khomeinis vor dreißig Jahren bereits den arabisch sunnitischen globalen Machtanspruch relativiert. Und auch dort ist das Modell einer klerikalen Diktatur durch die jüngsten Ereignisse gewaltig desavouiert. So wie es aussieht, nähert sich die islamische Welt einer Phase der Aufklärung, die einen vollständig eigenen Charakter haben wird und mit den Mitteln der westlichen Erfahrungen kaum zu erklären sein wird. Aber sie richtet sich gegen ein autoritär repetititves Weltbild und rüstet sich mit dem Instrument der kritischen Reflexion. Ein guter Grund, den Kräften des neuen Lichtes mit Sympathie zu begegnen!