Archiv für den Monat Juni 2009

Eine koksbestäubte Odyssee

Jörg Fauser. Der Schneemann

Der 1944 geborene Schriftsteller Jörg Fauser zählte zu den großen Hoffnungen der Bundesrepublik Deutschland. Mit Erzählungen, Romanen, Gedichten und Reportagen machte er gleichsam auf sich aufmerksam. Sein Stil hatte einen journalistischen Kern und umfasste dennoch das Spektrum verschiedenster Schreibtechniken, die trotz unterschiedlicher Diktion allesamt das Gefühl gesteigerten Tempos vermittelten. Jörg Fauser kam am 17. Juli 1987, 43jährig und einen Tag nach seinem Geburtstag unter einem Lastwagen bei München um. Mit dem Roman Schneemann war ihm 1981 der Durchbruch gelungen.

Der Protagonist des Romans ist Blum, eine zwielichtige Gestalt, wie sie nur zu jener Zeit aufkommen konnte. Blum hält sich über Wasser mit Butterfahrten, als Antiquitätenhändler mit gefälschten Ikonen, ist im linkspolitischen Milieu zuhause, handelt mit pornographischen Magazinen und hängt in traurigen Striptease Bars ab. Sein Irrweg beginnt auf der Insel Malta, auf der er gelandet ist, um dänische Pornos aufs dem Jahre 1968 an einen Pakistani zu verkaufen. Durch schillernde Vermittler landet er jedoch bei einem italienischen Dealer, der allerdings unter mysteriösen Umständen verschwindet und ihm einen Koffer mit fünf Pfund reinsten Kokains, Peruvian Flake, 96%! hinterlässt. Mit diesem Koffer beginnt die Odyssee Blums über München Frankfurt, Amsterdam nach Oostende, wo ihm das teure Cargo wieder abhanden kommt, ohne es erfolgreich verkauft zu haben, um zu erkennen, dass er nur Spielball dunkler Mächte gewesen ist, die eng mit der Politik verzahnt sind.

Die Reise Blums kann als das Ulysses der deutschen Nachkriegsbundesrepublik gesehen werden mit ihren Brüchen, ihrem Aberwitz, den ruinös nebeneinander stehenden Subkulturen, die ihre Grundaggression ausleben und bewahrt haben. Die Handlung spielt recht nah zur Niederschrift Ende der siebziger Jahre, d.h. das revolutionäre Pathos ist gewichen, ohne dass die Gesellschaft befriedet wäre. Eine gewisse Saturiertheit hat sich in den verschiedenen Milieus und Biotopen breit gemacht, aber auch das Hungrige und Skrupellose ist geblieben. Erste Anzeichen eines Profitstrebens ohne sittliche Begründung stechen ins Auge und das Wort Dekadenz macht bereits die Runde, ehe es laut artikuliert wirt.

Blum, der aus Zufall zum Kokaindealer ohne Fortune wird, durchschreitet nicht ohne die Sympathie des Lesers die Stadtlandschaften, weil er mit der Finesse des Individualanarchisten die verschiedenen Lebenslagen meistert, ohne jemals Erfolg zu haben. Das heißt Blum ist der eigentliche Looser, der aber niemals untergeht, weil sein Lebenswille nicht zu brechen ist. Selbst in der Stunde seiner Niederlage beweist er Größe, indem er sich nicht kaufen lässt und für einen lauen Job mit in die Karibik geht, sondern die Geselligkeit in einem lausigen belgischen Stripteaseschuppen dieser Option vorzieht.

Jörg Fauser, der nun schon mehr als zwanzig Jahre tot ist, ist nach wie vor ein loderndes Feuer der bundesrepublikanischen Literatur, und das Sedierende, Langatmige, Korrupte und Banale der Vereinigungsepoche blieb ihm Zeit seines Lebens fremd. Bei der neuerlichen Lektüre Fausers wird bewusst, wie viel Esprit und Energie der Vergangenheit angehört.

Auf dem Weg in die hydraulische Gesellschaft

In seiner Schrift „Enthüllungen zur Geschichte der Diplomatie im 18. Jahrhundert“ gewährte Karl Marx bis zum heutigen Tag einen Einblick in seine scharfe wie luzide Fähigkeit, die Komplexität von gesellschaftlichen Wirkungsweisen und die Zusammenhänge von Wirtschaft und Politik zu sezieren. Gleichzeitig lieferte die Schrift selbst die Vorlage für ein historisches Kriminalepos verblendeter Rezeption. Unter anderem geht Marx bei der Analyse der russischen Gesellschaft darauf ein, dass es sich um eine asiatische Produktion handele, d.h. eine agraische, auf der Wasserwirtschaft beruhende und durch despotische Bürokratien gesteuerte Art des Wirtschaftens, welche sich nicht für eine ursprüngliche Akkumulation und somit für einen ordentlichen Kapitalismus eigne.

Weil der Übervater Marx damit Russland ebenso die Voraussetzungen für einen Sozialismus abgesprochen hatte, erschien die Schrift weder in den Marx Engels Werken noch in deren Gesamtausgabe, weder in Moskau, noch in Berlin. Der Gedanke wurde totgeschwiegen und verbannt. Es blieb dem deutschen Ethnologen und Ökonomen Karl August Wittfogel vorbehalten, die von Marx skizzierte asiatische Despotie näher zu inspizieren. Selbst Mitglied der Kommunistischen Partei, aus der er Ende der Zwanziger Jahre selbstverständlich ausgeschlossen wurde, bereiste Wittfogel die Sowjetunion und China, um Feldforschung zu betreiben. Seine Ergebnisse waren beunruhigend, verifizierten sie doch aus Sicht des Forschers, dass die asiatische Produktionsweise eine tief despotische, allen Vorstellungen gesellschaftlicher Emanzipation entbehrende war. Er fasste seine Untersuchungen und Erkenntnisse in einem voluminösen Buch unter dem Titel „Die orientalische Despotie“ zusammen, wurde fortan von Kommunisten und Faschisten verfolgt und hatte das Glück, nach New York fliehen zu können, wo er in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts hoch betagt in einem hohen Haus am Riverside Drive als Privatgelehrter eines natürlichen Todes starb.

Sieht man sich heute einige Kapitel aus Wittfogels Werk an, dann bekommen die Worte eine eigentümliche Aktualität: Die hydraulische Ökonomie – Eine staatlich-manageriale und daher wahrhaft politische Ökonomie… Ein Staat, der stärker ist als die Gesellschaft. Bis hin zu den Klassen der hydraulischen Gesellschaft kommt einem alles bekannt vor. Es erinnert sehr vieles an die alte Sojwetunion, noch mehr an das Putin-Russland mit GAZ, GAZPROM und die Abramowitschs und immer mehr an die Art der Politik und das Denken der gegenwärtigen Bundesregierung. Insbesondere die Verhandlungen um Opel werfen die Frage auf, inwieweit die Bundesrepublik auf dem Weg in die orientalische Despotie schon gediehen ist.

Noch, so könnte man sagen, werde der Autokonzern ja nur an die staatsrussische Sberbank verscherbelt, wobei das Betriebsrisiko selbstverständlich beim deutschen Steuerzahler bleibt. Dass die Marktfähigkeit bei den Verhandlungen gar nicht mehr im Fokus stand, sondern der Erhalt der Arbeitsplätze, was normalerweise als Folge der Marktfähigkeit zu sehen ist, verrät, wie prominente Politiker dem Verhalten und Denken der orientalischen Nomenklatura schon anhängen. Der Opel-Betriebsrat hat jetzt auch noch dafür gesorgt, dass die Arbeiter mit 10 Prozent an dem Risiko beteiligt werden und damit dokumentiert, dass er die zynische Dimension der asiatischen Despotie bereits erreicht hat. Da fährt das neue Modell von Opel sicher bald hydraulisch, faul und gefräßig.