Archiv für den Monat Juni 2009

Risse im theokratischen Gebäude

Schlimmer hätte es für den angeschlagenen Präsidenten Ahmadineschad nicht kommen können: Beim Freitagsgebet begab sich der höchste religiöse Führer des Iran, Ajatollah Ali Chamenei, auf das Podium und analysierte die Situation des Landes. Souverän, wie sich Herrscher ohne erforderliches Mandat zuweilen geben, erklärte er der gläubigen Zuhörerschaft, wie die Lage des Landes zu begreifen sei. Dabei lieferte er allerdings einen beredten Beweis für seine eigene Erklärungsnot. Er verlor sich in einer derart absurden Arithmetik, dass viele der willigen Zuhörer beschämt zu Boden blickten. Eine Millionen Stimmen, ja, die könne man fälschen, aber gleich elf Millionen, das sei doch unmöglich. Und da das so sei, wäre es unverantwortlich, an dem Ergebnis zu zweifeln. Daher sei der alte Präsident auch der rechtmäßig neue. Und alle, die dieses Diktum anzweifelten, seien daher dafür verantwortlich, wenn es zu Blutvergießen und Chaos komme.

Ahmadineschad, der selbstgefällige Provokateur, saß bei dieser Lehrstunde despotischer Machtauslegung wie ein Erdmännchen in der ersten Reihe, devot und klein, das Haupt gesenkt und ein Nichts im Spiel des Großen. Er wurde durch Chameneis Ausführungen zu einem kleinen Werkzeug und war mit seiner Verteidigung bereits demontiert und Geschichte. In Ländern des Islam kann Symbolik nicht hoch genug eingeschätzt werden, sie ist quasi das Erklärungsfeld des Handelns. Ob Chamenei durch seine Vorgehensweise bewusst ein Zeichen setzte, vermag man aus der Ferne nicht zu deuten. Klar ist jedoch, dass Ahmadineschad nur noch eine Puppe im Spiel um die Macht bleiben wird. Spieler selbst ist er nicht mehr.

Die deutliche Warnung an die Opposition blieb allerdings ohne Wirkung. Der Widerstand gegen einen Religionsstaat, der sich in erster Linie mit Machterhaltung beschäftigt, wirtschaftspolitisch einfallslos agiert und nicht in der Lage ist, der jungen Generation, die allein durch ihre Quantität mächtig Dampf in den Kessel treibt, Angebote auf ihre berechtigten Fragen nach Sinn und Orientierung zu geben, dieser Staat ist ins Wanken geraten. Die Demonstrationen gehen weiter, mit dem Diktum der Macht ist der Fall nicht mehr zu erledigen. Zudem gibt es Berichte, wonach zunehmend in der Polizei und bei den Streitkräften Stimmen laut werden, die sich gegen ein Vorgehen gegen das eigene Volk aussprechen. Im Übrigen war auch dieses der Anfang vom Ende des Schah-Regimes. Im Kampf gegen die eigenen Söhne und Töchter erodiert im Iran die Macht.

Was in der nächsten Zeit geschehen wird, ist schwer zu deuten. Dennoch ist abzusehen, dass die monolithische Herrschaft ihrem Ende zugeht, vielleicht auch in einem längeren Prozess. Der Wandel des Irans wird aber für die Erklärungsmuster des Westens sehr schwer zu entschlüsseln bleiben. Auch der jetzige Oppositionsführer Mussawi entstammt der Revolution des Ajatollah Khomenei und das, was er anstreben dürfte, wird nicht der Kopie einer westlichen Standarddemokratie entsprechen. Traditionen wie Institutionen des schiitisch geprägten Islam werden Bestand haben, so wie sie momentan auch nicht das Ziel des Massenprotestes sind. Aber wenn die Macht fällt, die sich ausschließlich aus der Macht erklärt, dann ist das ein großer Fortschritt, wie immer für die ganze Welt!

Ein Schelmenroman auf der grausigsten Folie der Weltgeschichte

Edgar Hilsenrath. Der Nazi und der Friseur

Ist das Leben des 1926 geborenen deutschen Juden Edgar Hilsenrath mit den Durchlaufstationen Deutschland, Rumänien, Palästina, USA und wieder Deutschland schon schillernd genug, so ist der 1967 im amerikanischen Exil zum ersten mal erschienene und erst ein Jahrzehnt später von deutscher Verlegerseele zugelassene Roman Der Nazi und der Friseur die bis heute unverfrorenste literarische Antwort auf die bisher größte Unverfrorenheit gegenüber der abendländischen Zivilisation. Der heute in Berlin lebende Hilsenrath hat die kritische Distanz des ironisierenden Judentums der größten Verletzung des jüdischen Volkes gegenüber bewahren können und damit nicht wenige Nicht-Juden zum Entsetzen und zur Verständnislosigkeit getrieben.

In seinem weltweit in viele Sprachen übersetzten und millionenfach verkauften Roman geht es um die Geschichte des Massenmörders Max Schulz, der in der Provinz mit seinem Nachbarn Itzig Finkelstein aufwächst. Er lernt beim Vater des jüdischen Nachbarn wie dieser selbst den Beruf des Frisörs, bis auch in diesen Winkel der Provinz die Massenpsychose des Faschismus dringt und alles aus den Fugen geraten lässt. Max Schulz verschlägt es aus Orientierungslosigkeit und Eitelkeit in die SS, er gehört bald den Mordschwadronen in Osteuropa an und entwickelt sich binnen kurzer Zeit zum Massenmörder. Die Finkelsteins werden in einem der Lager, in dem Max Schulz auch Dienst verrichtet, umgebracht. Zu Kriegsende gelingt Max Schulz die Flucht mit einem Karton voller Zahngold aus dem KZ. Mit der Valuta in Berlin angekommen, verschafft er sich die Identität seines ermordeten jüdischen Freundes Itzig Finkelstein, lässt sich eine KZ-Nummer tätowieren und beschneiden. Als Itzig Finkelstein stürmt er auf den Berliner Nachkriegsschwarzmarkt, reüssiert, wird trotz des Reichtums mit den antisemitischen Ressentiments der arischen Kaufmannsmischpoke konfrontiert, verliert bei einer Spekulation alles und macht sich auf den Weg nach Palästina. Dort mündet er als Itzig Finkelstein in eine angesehene bürgerliche Existenz als Frisör und als waffenversierter Kämpfer der israelischen Streitkräfte. Itzig Finkelstein alias der Massenmörder Max Schulz bleibt ein angesehener Bürger des neuen Israel und der Autor Hilsenrath verwehrt es dem wartenden Leser, dass diese blutbesudelte Fälschung eines neuen jüdischen Bourgeois enttarnt wird.

Das Groteske, nie in irgendeiner Form Hinnehmbare des Romans liegt in mehreren kompositorischen und dramaturgischen Griffen, die den Leser aus einem sicher geglaubten Wertekodex herausreißt. Er nimmt als Genre für die grausigste Mordgeschichte der Geschichte den Schelmenroman und entscheidet sich zudem noch wie in der komischen Oper für die groß angelegte Verwechslung der Charaktere. Nur dass hier der Täter zum Opfer wird und in keiner Weise bei der Wahrnehmung der neuen Identität in größere Schwierigkeiten verfällt. Ganz im Gegenteil, selbst die emotionale Welt des Opfers ist dem Täter ganz selbstverständlich affin. Was Hilsenrath hier gewagt hat, ist bis heute einzigartig. Was er wagte, konnte er nur, weil er ein Jude ist. Und er hat gespien auf alle Tabus: Durch den problemlosen Identitätswechsel hat er das Teuflische der menschlichen Existenz per se jedem Volk der Erde zugetraut, auch dem eigenen.

Tragik in Persien

Die klassische Definition von Tragik wurde in einem Land weltgeschichtlicher Klassik erneut geliefert: Unabhängig von der Option, die greift, beide Varianten führen zu Tod, Blutvergießen und Verderbnis. Die Wahlen im Iran sind dieser Modellierung erneut gefolgt. Schon vor der Auszählung der Stimmzettel war klar, dass es nicht gut ausgehen konnte. Gewinnt der regierende Präsident und Hardliner des klerikal-absolutistischen Systems Ahmadineschad, wird sich die immer stärker artikulierende Opposition aus den Städten nicht damit abfinden und rebellieren. Läge der gemäßigte und zunehmend laizistisch orientierte Mir-Hussein Mussawi nach der Abstimmung vorn, würden die Kräfte der Regierungspartei womöglich mit den Streitkräften oder den so genannten Revolutionsgarden putschen.

Als das offizielle Wahlergebnis vorgelegt wurde wurde deutlich, dass die erste Variante greifen würde. Dem überdeutlichen Ergebnis von 63 Prozent der Stimmen für Ahmadineschad bei nur 34 Prozent für Mussawi hing sogleich die Aura der Manipulation an und enttäuschte die wachsende Opposition mächtig. Was folgte, stand bereits im Regiebuch. Mussawi sprach von einem riesigen, abgeschmackten Theater und die vor allem jungen Bürger des Irans gingen in der Hauptstadt Teheran auf die Straße. Gut auf das Ereignis vorbereitete bewaffnete Kräfte griffen mit äußerster Brutalität ein, ließen demokratisches Blut fließen und arbeiteten Listen ab, um für längere Zeit Ruhe vor demokratischen Umtrieben zu haben.

Viele von den jungen Leuten, die sich für die Ablösung Ahmadineschads einsetzen, entstammen einer Generation, die die Genese des Gottesstaates selbst nicht mehr miterlebt haben. Khomeinis aus dem Pariser Exil nach Teheran zurück gekehrtes Regime war ein Reflex auf die technologische Rasanz und westliche Arroganz vor der persischen Kultur und dem historischen Selbstverständnis des Schahs gewesen. Letzterer hatte sich zu einem Statthalter des Westens entwickelt, der es nicht mit einer Demokratisierung hielt und dessen Kerker voll waren von jungen Menschen, die ein neues, demokratisches Persien im Sinne hatten. Die wieder so vertraute Tragik griff, als aus der Opposition gegen den Pfauenthron die Geburtsbewegung einer fundamentalistischen Regression erwuchs.

Nun, mehr als dreißig Jahre nach Khomeinis triumphaler Rückkehr in das Land Zarathustras, sind seine Epigonen nach einem verheerenden Krieg gegen den Irak, der nahezu eine ganze Generation junger Menschen ausgerottet hat, dabei, mit ihren faschistoiden Ausfällen gegen Israel und der Formulierung einer nuklearen Militärstrategie die Umkehr der eigenen Genese historisch umzusetzen. Nichts ist geblieben von der Identitätsstiftung, die sich einst gegen den abgewirtschafteten Schah noch hatte spüren lassen.

So stellt sich, während in Teheran die Panzer rollen, die Frage, ob die nächste Generation eines neuen Iran daran gehindert wird, ihre Gestaltungskraft je ausleben zu können. Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es so schön und verzweifelt, und da kann auch Nietzsche zitiert werden, aus seinem Zarathustra: Des Morgens aber nach dieser Nacht sprang Zarathustra von seinem Lager auf, gürtete sich die Lenden und kam heraus aus seiner Höhle, glühend und stark, wie eine Morgensonne, die aus dunklen Bergen kommt.