Schlimmer hätte es für den angeschlagenen Präsidenten Ahmadineschad nicht kommen können: Beim Freitagsgebet begab sich der höchste religiöse Führer des Iran, Ajatollah Ali Chamenei, auf das Podium und analysierte die Situation des Landes. Souverän, wie sich Herrscher ohne erforderliches Mandat zuweilen geben, erklärte er der gläubigen Zuhörerschaft, wie die Lage des Landes zu begreifen sei. Dabei lieferte er allerdings einen beredten Beweis für seine eigene Erklärungsnot. Er verlor sich in einer derart absurden Arithmetik, dass viele der willigen Zuhörer beschämt zu Boden blickten. Eine Millionen Stimmen, ja, die könne man fälschen, aber gleich elf Millionen, das sei doch unmöglich. Und da das so sei, wäre es unverantwortlich, an dem Ergebnis zu zweifeln. Daher sei der alte Präsident auch der rechtmäßig neue. Und alle, die dieses Diktum anzweifelten, seien daher dafür verantwortlich, wenn es zu Blutvergießen und Chaos komme.
Ahmadineschad, der selbstgefällige Provokateur, saß bei dieser Lehrstunde despotischer Machtauslegung wie ein Erdmännchen in der ersten Reihe, devot und klein, das Haupt gesenkt und ein Nichts im Spiel des Großen. Er wurde durch Chameneis Ausführungen zu einem kleinen Werkzeug und war mit seiner Verteidigung bereits demontiert und Geschichte. In Ländern des Islam kann Symbolik nicht hoch genug eingeschätzt werden, sie ist quasi das Erklärungsfeld des Handelns. Ob Chamenei durch seine Vorgehensweise bewusst ein Zeichen setzte, vermag man aus der Ferne nicht zu deuten. Klar ist jedoch, dass Ahmadineschad nur noch eine Puppe im Spiel um die Macht bleiben wird. Spieler selbst ist er nicht mehr.
Die deutliche Warnung an die Opposition blieb allerdings ohne Wirkung. Der Widerstand gegen einen Religionsstaat, der sich in erster Linie mit Machterhaltung beschäftigt, wirtschaftspolitisch einfallslos agiert und nicht in der Lage ist, der jungen Generation, die allein durch ihre Quantität mächtig Dampf in den Kessel treibt, Angebote auf ihre berechtigten Fragen nach Sinn und Orientierung zu geben, dieser Staat ist ins Wanken geraten. Die Demonstrationen gehen weiter, mit dem Diktum der Macht ist der Fall nicht mehr zu erledigen. Zudem gibt es Berichte, wonach zunehmend in der Polizei und bei den Streitkräften Stimmen laut werden, die sich gegen ein Vorgehen gegen das eigene Volk aussprechen. Im Übrigen war auch dieses der Anfang vom Ende des Schah-Regimes. Im Kampf gegen die eigenen Söhne und Töchter erodiert im Iran die Macht.
Was in der nächsten Zeit geschehen wird, ist schwer zu deuten. Dennoch ist abzusehen, dass die monolithische Herrschaft ihrem Ende zugeht, vielleicht auch in einem längeren Prozess. Der Wandel des Irans wird aber für die Erklärungsmuster des Westens sehr schwer zu entschlüsseln bleiben. Auch der jetzige Oppositionsführer Mussawi entstammt der Revolution des Ajatollah Khomenei und das, was er anstreben dürfte, wird nicht der Kopie einer westlichen Standarddemokratie entsprechen. Traditionen wie Institutionen des schiitisch geprägten Islam werden Bestand haben, so wie sie momentan auch nicht das Ziel des Massenprotestes sind. Aber wenn die Macht fällt, die sich ausschließlich aus der Macht erklärt, dann ist das ein großer Fortschritt, wie immer für die ganze Welt!

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