Manchmal verläuft der Weg der Ideengeschichte auf Pfaden, deren Zeichnung selbst im absurden Theater als grotesk empfunden worden wäre. In der mehrheitlich von Wissenschaftlern geführten Debatte, namentlich dem soeben achtzig gewordenen Jürgen Habermas und seinem bereits verstorbenen Kontrahenten Niklas Luhmann, ging es um einen Aspekt der Systemtheorie, der in den achtziger und neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Gemüter erregen ließ. Worum es ging? Um die Frage, wie sich Systeme verhalten und entwickeln. Während Niklas Luhmann die Theorie untermauerte, dass es bestimmte Bewegungsgesetze im Verhalten zu beschreiben galt, konterte Habermas, es ginge mehr um die in diesen Systemen gepflegten Diskursformen, um einer Erklärung menschlichen Handelns und gesellschaftlicher Zustände näher zu kommen.
Die in dieser Debatte entwickelte Programmatik mündete irgendwann in die Überschrift Diskurs der Moderne, Luhmanns Thesen gipfelten immer wieder in der Faszination über das Phänomen der Reduktion von Komplexität. Während es Habermas in erster Linie darum ging, über Kommunikationsmodelle eine Folie für die Aufklärung von Gesellschaften zu erhalten, setzte Luhmann auf die Gewissheit, dass sich Komplexität, auch gesellschaftliche, immer ein Ventil suche, um sich wieder zu vereinfachen und somit für die Gesellschaft erklärbar und handelbar würde. In diesem kongenialen Disput erschien Habermas stets als ein Idealist ohne trübenden Eifer und Luhmann als ein Beobachter nicht ohne Sympathie.
Nun könnte man sich die Frage stellen, was das heute alles noch soll, wenn der von uns erlebte Alltag nicht zumindest beide Sichtweisen immer wieder als existent bestätigen würde. Es existiert ein gesellschaftlicher Überbau, der die Kommunikationsreflexion zum Zentrum hat und es betreiben Kohorten exklusiv die Analyse der sozialen Kybernetik. Beides geschieht jedoch in einer Art und Weise, die dazu geneigt ist, die ursprüngliche Überlegung ad absurdum zu führen.
Das Schlagwort der Kommunikation ist durch Medienindustrie wie Politik zu einem Platzhalter der Beliebigkeit verkommen, zuweilen nimmt es gar die Stelle einer entleerten Zivilreligion ein, weil mit dem Mangel an Kommunikation das ganze Elend dieser Welt zu erklären ist. Bei der Analyse von Systemverhalten ist es sich noch schlimmer, denn die tatsächliche Verhaltensform der Komplexitätsreduktion, die in Natur und Gesellschaft nach wie vor zu beobachten ist, findet kein geistiges Pendant mehr in der öffentlichen Debatte.
Was an Bildung in den letzten Dekaden verbockt wurde, zeigt sich ganz einfach daran, dass es immer mehr Menschen schwer fällt oder unmöglich wird, das Wesen einer Erscheinung zu erkennen. Stattdessen ist der Blick auf Schnittstellen und Vernetzungen geschärft und der kommunikative Gesamtzusammenhang wird zu einem undurchdringlichen Brei. Wir sind von aufklärerischen Modellen Lichtjahre entfernt, und kaum noch einer kann sich bei dem Wirrwarr konzentrieren. So kann es gehen, wenn die Ideengeschichte mit Betäubungsmitteln in Kontakt kommt.

es ist doch ziemlich klar, worauf das zielt 😉