In der klassischen Dramaturgie der orientalischen Märchen, die sich über die ganze Nacht erstrecken, fällt in der Stunde nach Mitternacht eine Entscheidung und danach löst sich die Handlung bis zum Morgengrauen auf. Daher ist es ratsam, die gegenwärtigen Ereignisse, Handlungen und Personalkonstellationen genau zu beobachten, um die Vorgänge begreifen zu können. Sicher ist nur, dass die gegenwärtigen sicht- und vermeldbaren Aktionen auf den Straßen und öffentlichen Plätzen in Teheran, Isfahan und anderen bedeutenden Städten nicht die Indizien sind, auf die man allein schauen sollte.
Der bisherige Verlauf lässt sich aus der Distanz bis dato wie folgt beschreiben: Präsident Ahmadischad spürt, dass er mit freien, gleichen und geheimen Wahlen keine sichere Mehrheit mehr bekommen wird. Sein Dogmatismus ist dem Volk verhasst und seine Kriegstreiberei löst großen Schrecken aus. Die beeinflussten Wahlen führen zu einem Debakel, der stärkste Konkurrent Mussawi erklärt sie für eine großartige Fälschung, was viele Bürgerinnen und Bürger aufgrund ihrer eigenen Beobachtungen bestätigt sehen. Der oberste Religionsführer Chamenei stellt sich vor Ahmadineschad und macht ihn damit zu seiner Marionette, seine Tage sind bereits gezählt. Mit der harten Linie Chameneis ist Ahmadineschad nun dazu verdammt, die Gewalt im eigenen Land eskalieren zu lassen, was die Zorndepots gegen ihn in astronomische Höhen schnellen lässt und die Prognose seines baldigen Endes bestätigt.
Der Gegenkandidat Mussawi zieht sich taktisch zurück, was die Auseinandersetzungen weg von der Straße dahin verlagert, wo der Gottesstaat in seiner Sinnstiftung am schwersten getroffen werden kann. In den geistigen Gremien des Landes tobt mittlerweile ein erbitterter Kampf zwischen den Theokraten um Chamenei und Gegenkräften, die durchaus mit laizistischem Gedankengut sympathisieren wie dem Reformer und Kopf des geistigen Expertenrates Rafsandschani. Dass hier letztendlich die Entscheidung über die Zukunft des Irans fallen wird, sieht man auch an den Maßnahmen, zu denen Chamenei bereits gegriffen hat.
Mittlerweile hat Chamenei über seinen Exekutor Ahmadineschad bereits eine Anzahl von geistigen Oberhäuptern arretieren lassen, denen vorgeworfen wird, sich auf die Seite der Opposition gestellt zu haben. Letztere ist bereits als ein Werkzeug des Zionismus ausgemacht und besonders an dieser Begründung ist zu sehen, wie absurd die absolutistische Deutung bereits gediehen ist: Die erste Generation der schiitischen Revolution, zu denen viele der festgesetzten Geistlichen gehören, werden nun, ganz wie im Reiche Joseph des Großen Dschugaschwilis, als die bezahlten Agenten Israels diskreditiert.
Da ist kein Spielraum mehr für Selbstkritik und Reformfähigkeit, das ist in der Regel das Ende. Das weiß auch Rafsandschani, dem man jetzt die Tochter verhaftet hat. Das allerletzte Mittel, das ein fallender Herrscher noch zu haben glaubt, bevor die Nacht dem Morgengrauen weicht.
