Tragik in Persien

Die klassische Definition von Tragik wurde in einem Land weltgeschichtlicher Klassik erneut geliefert: Unabhängig von der Option, die greift, beide Varianten führen zu Tod, Blutvergießen und Verderbnis. Die Wahlen im Iran sind dieser Modellierung erneut gefolgt. Schon vor der Auszählung der Stimmzettel war klar, dass es nicht gut ausgehen konnte. Gewinnt der regierende Präsident und Hardliner des klerikal-absolutistischen Systems Ahmadineschad, wird sich die immer stärker artikulierende Opposition aus den Städten nicht damit abfinden und rebellieren. Läge der gemäßigte und zunehmend laizistisch orientierte Mir-Hussein Mussawi nach der Abstimmung vorn, würden die Kräfte der Regierungspartei womöglich mit den Streitkräften oder den so genannten Revolutionsgarden putschen.

Als das offizielle Wahlergebnis vorgelegt wurde wurde deutlich, dass die erste Variante greifen würde. Dem überdeutlichen Ergebnis von 63 Prozent der Stimmen für Ahmadineschad bei nur 34 Prozent für Mussawi hing sogleich die Aura der Manipulation an und enttäuschte die wachsende Opposition mächtig. Was folgte, stand bereits im Regiebuch. Mussawi sprach von einem riesigen, abgeschmackten Theater und die vor allem jungen Bürger des Irans gingen in der Hauptstadt Teheran auf die Straße. Gut auf das Ereignis vorbereitete bewaffnete Kräfte griffen mit äußerster Brutalität ein, ließen demokratisches Blut fließen und arbeiteten Listen ab, um für längere Zeit Ruhe vor demokratischen Umtrieben zu haben.

Viele von den jungen Leuten, die sich für die Ablösung Ahmadineschads einsetzen, entstammen einer Generation, die die Genese des Gottesstaates selbst nicht mehr miterlebt haben. Khomeinis aus dem Pariser Exil nach Teheran zurück gekehrtes Regime war ein Reflex auf die technologische Rasanz und westliche Arroganz vor der persischen Kultur und dem historischen Selbstverständnis des Schahs gewesen. Letzterer hatte sich zu einem Statthalter des Westens entwickelt, der es nicht mit einer Demokratisierung hielt und dessen Kerker voll waren von jungen Menschen, die ein neues, demokratisches Persien im Sinne hatten. Die wieder so vertraute Tragik griff, als aus der Opposition gegen den Pfauenthron die Geburtsbewegung einer fundamentalistischen Regression erwuchs.

Nun, mehr als dreißig Jahre nach Khomeinis triumphaler Rückkehr in das Land Zarathustras, sind seine Epigonen nach einem verheerenden Krieg gegen den Irak, der nahezu eine ganze Generation junger Menschen ausgerottet hat, dabei, mit ihren faschistoiden Ausfällen gegen Israel und der Formulierung einer nuklearen Militärstrategie die Umkehr der eigenen Genese historisch umzusetzen. Nichts ist geblieben von der Identitätsstiftung, die sich einst gegen den abgewirtschafteten Schah noch hatte spüren lassen.

So stellt sich, während in Teheran die Panzer rollen, die Frage, ob die nächste Generation eines neuen Iran daran gehindert wird, ihre Gestaltungskraft je ausleben zu können. Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es so schön und verzweifelt, und da kann auch Nietzsche zitiert werden, aus seinem Zarathustra: Des Morgens aber nach dieser Nacht sprang Zarathustra von seinem Lager auf, gürtete sich die Lenden und kam heraus aus seiner Höhle, glühend und stark, wie eine Morgensonne, die aus dunklen Bergen kommt.