Kürzlich entdeckte ich auf meinem Handphone eine mir unbekannte Nummer unter der Rubrik „Anrufe in Abwesenheit“. Gewissenhaft wie ich bin, rief ich zurück. Es meldete sich eine Stimme, die mir vertraut war und die ich seit ungefähr zehn Jahren nicht mehr gehört hatte. Es war ein alter Bekannter, mit dem ich einmal im gleichen Viertel gewohnt hatte und mit dem ich öfters etwas unternommen hatte. Wir hatten uns aus den Augen verloren, wie man so metaphorisch sagt. Zunächst war ich für einige Jahre ins Ausland gegangen und wir hatten über die ganze Zeit über das Internet Kontakt gehalten. Als ich dann in meine Stadt zurückkehrte, kamen wir nicht mehr zusammen. Er war verschwunden und wir sahen uns nie wieder.
Jetzt erzählte er mir am Telefon, dass er durch Zufall mal wieder in der Stadt war und ihm ein gemeinsamer Bekannter quasi ins Auto gelaufen war. Dieser hatte ihm berichtet, dass er mich manchmal beim Schwimmen sah und wir uns immer gefragt hatten, was aus dem gemeinsamen Bekannten wohl geworden sei. Daraufhin hatte dieser dann gegoogelt und mich gefunden. Wir freuten uns beide und unterhielten uns, als hätte es die zehnjährige Pause gar nicht gegeben.
Peter, nennen wir ihn mal so, war, als ich ihn kennen lernte, Fernfahrer gewesen. Er pendelte regelmäßig zwischen den Fordwerken im rheinischen Köln und dem spanischen Valencia. Er schwärmte mir damals von Spanien vor und erzählte mir immer, dorthin wolle er einmal gehen, das Leben dort gefiele ihm einfach besser. Schon damals hasste er den Regelungswahn in Deutschland und die überbordende Bürokratie. Er blieb dann aber doch. Der eine Grund war eine Frau, der andere, dass er sich selbstständig gemacht und ein Unternehmen aufgebaut hatte.
Peter hatte geglaubt, ich sei noch im Ausland und war umso überraschter, mich hier anzutreffen. Eine seiner ersten Fragen war die, was ich denn zu der Entwicklung hier in Deutschland sagen würde. Ohne meine Antwort richtig abzuwarten, zog er mächtig vom Leder und sagte, der Weggang von hier sei für ihn aktueller denn je. Er hätte allerdings seinen Pass verbrannt, weil er alles, was auf dieses Land hinwiese, nicht mehr sehen könne. Schnell waren wir bei der gegenwärtigen Regierung, der Krise und deren Aktionen dagegen. Einen Plan sah Peter in keiner der Aktionen, denn alles, was dort geschehe, ließe Sachverstand vermissen, es gebe keine Führung, die wisse, wohin die Reise gehe und die Bundesrepublik sei von Staatsbürokraten aus der ehemaligen DDR längst übernommen worden. Spaß mache das alles nicht mehr und jeder sei gut beraten, der sich rechtzeitig aus dem Staub mache, um das Debakel hier nicht mehr miterleben zu müssen.
Begegnungen dieser Art häufen sich in der letzten Zeit. Es scheint, als suchten viele Menschen alte Kontakte, um noch jemanden anzutreffen, von dem sie ausgehen können, dass er ihr Entsetzen über die unerträglichen Entwicklungen teilt. Ob das helfen wird, weiß keiner, denn das Untermaß hat sich bereits gewaltig ausgebreitet. Aber man weiß ja nie. Jedenfalls werde ich mich demnächst mit Peter treffen. Und mir unbekannte Nummern rufe ich weiterhin zurück.
