In seiner Schrift „Enthüllungen zur Geschichte der Diplomatie im 18. Jahrhundert“ gewährte Karl Marx bis zum heutigen Tag einen Einblick in seine scharfe wie luzide Fähigkeit, die Komplexität von gesellschaftlichen Wirkungsweisen und die Zusammenhänge von Wirtschaft und Politik zu sezieren. Gleichzeitig lieferte die Schrift selbst die Vorlage für ein historisches Kriminalepos verblendeter Rezeption. Unter anderem geht Marx bei der Analyse der russischen Gesellschaft darauf ein, dass es sich um eine asiatische Produktion handele, d.h. eine agraische, auf der Wasserwirtschaft beruhende und durch despotische Bürokratien gesteuerte Art des Wirtschaftens, welche sich nicht für eine ursprüngliche Akkumulation und somit für einen ordentlichen Kapitalismus eigne.
Weil der Übervater Marx damit Russland ebenso die Voraussetzungen für einen Sozialismus abgesprochen hatte, erschien die Schrift weder in den Marx Engels Werken noch in deren Gesamtausgabe, weder in Moskau, noch in Berlin. Der Gedanke wurde totgeschwiegen und verbannt. Es blieb dem deutschen Ethnologen und Ökonomen Karl August Wittfogel vorbehalten, die von Marx skizzierte asiatische Despotie näher zu inspizieren. Selbst Mitglied der Kommunistischen Partei, aus der er Ende der Zwanziger Jahre selbstverständlich ausgeschlossen wurde, bereiste Wittfogel die Sowjetunion und China, um Feldforschung zu betreiben. Seine Ergebnisse waren beunruhigend, verifizierten sie doch aus Sicht des Forschers, dass die asiatische Produktionsweise eine tief despotische, allen Vorstellungen gesellschaftlicher Emanzipation entbehrende war. Er fasste seine Untersuchungen und Erkenntnisse in einem voluminösen Buch unter dem Titel „Die orientalische Despotie“ zusammen, wurde fortan von Kommunisten und Faschisten verfolgt und hatte das Glück, nach New York fliehen zu können, wo er in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts hoch betagt in einem hohen Haus am Riverside Drive als Privatgelehrter eines natürlichen Todes starb.
Sieht man sich heute einige Kapitel aus Wittfogels Werk an, dann bekommen die Worte eine eigentümliche Aktualität: Die hydraulische Ökonomie – Eine staatlich-manageriale und daher wahrhaft politische Ökonomie… Ein Staat, der stärker ist als die Gesellschaft. Bis hin zu den Klassen der hydraulischen Gesellschaft kommt einem alles bekannt vor. Es erinnert sehr vieles an die alte Sojwetunion, noch mehr an das Putin-Russland mit GAZ, GAZPROM und die Abramowitschs und immer mehr an die Art der Politik und das Denken der gegenwärtigen Bundesregierung. Insbesondere die Verhandlungen um Opel werfen die Frage auf, inwieweit die Bundesrepublik auf dem Weg in die orientalische Despotie schon gediehen ist.
Noch, so könnte man sagen, werde der Autokonzern ja nur an die staatsrussische Sberbank verscherbelt, wobei das Betriebsrisiko selbstverständlich beim deutschen Steuerzahler bleibt. Dass die Marktfähigkeit bei den Verhandlungen gar nicht mehr im Fokus stand, sondern der Erhalt der Arbeitsplätze, was normalerweise als Folge der Marktfähigkeit zu sehen ist, verrät, wie prominente Politiker dem Verhalten und Denken der orientalischen Nomenklatura schon anhängen. Der Opel-Betriebsrat hat jetzt auch noch dafür gesorgt, dass die Arbeiter mit 10 Prozent an dem Risiko beteiligt werden und damit dokumentiert, dass er die zynische Dimension der asiatischen Despotie bereits erreicht hat. Da fährt das neue Modell von Opel sicher bald hydraulisch, faul und gefräßig.
