Wenn die gesellschaftlich gesetzten Maßstäbe ins Wanken geraten und die biographischen Orientierungspunkte am Horizont verschwinden, dann fallen die Menschen oft in einen Zustand zurück, der sie empfänglich macht für die Depression. Nicht umsonst sind die großen Wirtschaftskrisen des Kapitalismus und des Weltfinanzsystems nach einem Krankheitsbild der Psyche benannt worden. Und die historischen Weltwirtschaftskrisen hatten gemeinsam, dass Millionen von Existenzen wie ein Feuerwerk am Firmament abbrannten und sich wieder fanden auf dem Asphalt, um bestenfalls das Dasein in der Nähe von Mülltonnen zu fristen. Alles geriet aus den Fugen, Weltbilder, Werte, Verhältnisse, und Sinnkrisen waren die einzigen Artikel mit Hochkonjunktur. Lebenswerke verpufften, Jugendträume verbrannten und die Daseinsvorsorge verschwand mit dem Schlickwasser im Gully.
Dass die gegenwärtige Krise von den Politikern nicht als Depression bezeichnet wird, hat vor allem mit der Angst vor den Nebenwirkungen und Begleiterscheinungen zu tun. Nennt man den Zustand, in dem wir uns momentan befinden erstmal nach den historischen Vorbildern, was von der Dimension des Finanzdesasters mehr als angemessen wäre, dann muss man damit rechnen, dass alle Register der Depressionsgesellschaft auch gezogen werden, von der Selbstzerstörung bis zur Rebellion.
Von den regierenden Politikern bis hin zu den Gewerkschaftsfunktionären wird vor einer Depression mit den für die herrschenden Verhältnisse gefährlichen Wirkungen gewarnt. Deshalb empfiehlt man eindringlich die Produktion von zwar nicht vernünftig heilenden, aber das Symptom unterdrückenden Antidepressiva, seien es allgemeine Konjunkturprogramme oder seien es Abwrackprämien. Zur gleichen Zeit werden die bösen Geister, die mit ihrer hässlichen Erscheinung für das Debakel verantwortlich sind, durch gezielte Subventionen am Leben erhalten. Lange kann das natürlich alles nicht gut gehen, die Alimentierung des bösen Geistes und die Produktion der notwendigen Psychopharmaka, denn beides ist sündhaft teuer.
Der Blick auf die Depressionen der Vergangenheit zeigt jedoch, dass dieses ineinander greifende Spiel unabhängig von seiner kaum auf längere Sicht möglichen Finanzierbarkeit auch deswegen zum Scheitern verurteilt ist, weil mit Fortdauern der Krise die Leid tragende Bevölkerung zu anderen Mitteln neigt. Zum einen steigt die Nonchalance, d.h. die Menschen beginnen sich am Augenblick zu orientieren, sie holen sich gemäß der antiken Weisheit vom Tage, was zu holen ist. Zum anderen werden sie unempfänglich für die Werte derer, die sie so nachhaltig übervorteilt haben. Neben einem profanen Hedonismus entsteht ein rebellischer Impuls gegen alles, was von oben kommt.
Ein Medium, das das Leben im Hier und Heute mit dem Aufstand gegen das Regelwerk des Krisensystems historisch immer verbinden konnte, war die Musik. Egal in welcher Weltwirtschaftskrise, es entstanden ausgelassene und rebellische Musikgenres, die die Nacht zum Tag machten und das Adrenalin hoch pumpten, das notwendig war, um die Zeit zu überstehen. Wie dass Medium auch diesmal heißen mag: It´s Time for Rock´n Roll!
