Mitte der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts hatte ich mehrmals die Gelegenheit, privat in die DDR, genauer gesagt nach Thüringen zu fahren. Anlässe waren Familienfeste, zu denen ich eingeladen war. Bei einem dieser Besuche lernte ich Helmut kennen, einen Facharbeiter aus Erfurt. Die Treffen waren in Weimar und als wir uns etwas besser kannten, lud mich Helmut zu sich nach Hause in Erfurt ein. Er wohnte mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern in einer so genannten Zweiraumwohnung in einer Trabantenstadt, wie er es nannte in einem Arbeiterwohnregal. Wir diskutierten viel in jenen Tagen und Helmut, ein kritischer Geist, versuchte mir Einblicke in die Funktions- und Denkweise seiner DDR zu geben.
Wir verstanden uns gut, begannen uns zu vertrauen und irgendwann erzählte mir Helmut Dinge, die eigentlich zum ganz normalen Alltag seines Landes gehörten und die nicht in das Schema der Systemkritik oder gar der Polemik passten. Mir wurde schnell klar, dass aus seinen Schilderungen nicht ein verzweifelter Neid gegenüber dem Westen sprach, denn er war der Auffassung, dass es eigentlich einen Weg geben müsse, auch seine Republik auf einen Weg zu bringen, der das Leben erträglich machte. Er litt nicht an einem Mangel an Luxus, jedoch brannte es vehement in seiner Seele, wenn es um die Intransparenz der Machtverhältnisse und die Perspektivlosigkeit seinesgleichen ging. Was die Funktionsweise der Ökonomie anbetraf, so prägte er den von Zynismus getränkten Satz: Wenn jeder jedem was klaut, kommt keinem was weg! Das hörte sich lustig an, wenn man sich den Satz aber nachhaltig auf der Zunge zergehen ließ, so dokumentierte er eigentlich eine Gesetz- und Rechtlosigkeit, die an Kriegswirtschaft und Sozialdarwinismus erinnerte.
Bei meinem letzten Besuch Ende der achtziger Jahre wussten wir beide natürlich nicht, dass das Ende der DDR kurz bevor stand. Dennoch erzählte mir Helmut bei diesem Besuch eine Geschichte, die ihn in die Verzweiflung trieb. An einem Wintermorgen war er mit tausenden anderen Arbeitenden aus seiner Trabantenstadt mit der Straßenbahn morgens in das Industriegebiet gefahren, um zu seinem Arbeitsplatz zu kommen. Morgens um fünf war dort etwas mit den Schienen geschehen, so dass wenige hundert Meter vor den ersten Werktoren die erste Straßenbahn zum Stehen kam und alle folgenden auch danach anhielten. Tausende saßen in den Bahnen und warteten auf den technischen Dienst, der den Schaden beheben sollte. Sie saßen stumm in den Zügen und verharrten dort Stunden, ohne auszusteigen, um die wenigen hundert Meter zu Fuß zu gehen und zur Arbeit zu kommen. Die Arbeit begann in dem gesamten Gebiet und in allen Werken erst Stunden später und niemand empfand das als absurd. Helmut sagte mir damals, wenn es einmal soweit sei, dann sei das das Ende.
Nicht nur, dass Helmut mir seiner Einschätzung Recht behalten sollte. Nein, die defätistische Mentalität, die dazu führte, wurde von einem falsch aufgefassten Verständnis bei der späteren Eingemeindung der DDR in die Bundesrepublik gehäschelt und kultiviert, sodass der Virus auch in dem neuen, einheitlichen Staatsgebilde sich erfolgreich auszubreiten begann. Als ich damals die Geschichte meinen Freunden im Westen erzählte, schüttelten viele ungläubig mit dem Kopf. Heute würde eine solche Begebenheit niemanden mehr wundern.
