Afghanistan: Auf Wahlkampf im Kriegsgebiet

Wer hätte noch vor zwanzig Jahren gedacht, dass ein sozialdemokratischer Kanzlerkandidat sich zum Wahlkampf in ein Kriegsgebiet aufmacht? Ehrlich gesagt wohl niemand. In der letzten Woche unternahm der derzeitige Kandidat der SPD eine solche Reise, um seine Präsenz zu zeigen und Punkte zu sammeln. Die stetige Dekonstruktion der Wirklichkeit durch die Politik macht dieses möglich. Nach der abwegigen Hermeneutik der gegenwärtigen Politik befindet sich Afghanistan in einer Aufbauphase nach der Schreckensherrschaft der Taliban. Dass sich das Land seit dreißig Jahren ohne Unterbrechung in einem teils heißen, teils schwelenden Kriegszustand befindet, wird wissentlich ausgeblendet, um die Wählerschaft zu blenden.

Nachdem sich die sowjetischen Truppen nach ihrer endgültigen Niederlage zurückgezogen hatten, übernahmen zunächst die Warlords des Widerstandskriegs gegen die Invasoren die Macht, aufgeteilt nach Truppenpräsenz und Stammeszugehörigkeit. Dieser Zustand hielt über ein Jahrzehnt, bevor sich die islamistischen Guerillaeliten der Taliban zu einem einheitlichen Herrschaftssystem etablierten, das die unterschiedlichen Stammesrechte nivellierte und mit dem Mittel eines technologisch der Bergguerilla überlegenen Korps die alleinige Macht erzwang. Bei den Truppen und Schergen um Osama Bin Laden handelte es sich zumeist um internationale Söldner aus der arabisch-islamischen Welt, die Kriegswissen wie Kriegsausrüstung in den Attacken gegen die Sowjetarmee gesammelt hatten und dabei von den USA unterstützt worden waren.

Die nach den Anschlägen auf das New Yorker World Trade Center eingeleitete Befriedung Afghanistans war in erster Linie die Zerschlagung der formierten Talibanverbände, jedoch nicht das Ende der Taliban selbst. In dieser Phase anfang des Jahrtausends konnte die Operation der USA nur gelingen, weil die alten Warlords und Stammesfürsten sich dazu entschieden hatten, sich in die Berge zurückzuziehen und dem Untergang der Talibanverbände solange zuzusehen, bis sie aus ihrer Sicht keine Gefahr mehr für ihre lokalen Interessen darstellten. Noch während der Westen den alles andere als demokratisch legitimierten und repräsentativen Paschtunen Hamid Karzai als neuen Präsidenten Afghanistans einsetzte, waren die Gespräche über die Neuaufteilung des Landes bereits unter den Stammesfürsten auf der vom Westen organisierten Loya Jirga bereits gelaufen und eine einigermaßen funktionierende Koexistenz verabredet.

Das Feld, auf dem vor allem die Bundeswehr aktiv wurde, kann am besten definiert werden als die Etablierung eines auf dem Nationalstaatsgedanken aufbauenden Sicherheitssystems mit der dazu gehörenden Infrastruktur. Diese Idee kollidierte vom Tag Eins an mit der realen Machkonstellation, die aus der Aufteilung der territorialen Stammesdomänen entstanden war. Sie wurde von den Regionalfürsten solange toleriert, wie sie die Grundlagen für eine eigene verbesserte Herrschaft schuf. Dieser Zeitpunkt ist seit einiger Zeit vorbei und die Warlords spielen nun wieder die Talibankarte, weil sie der Präsenz fremder Verbände überdrüssig sind und sie loswerden wollen.

Allem Anschein nach hat die Bundesregierung doch geglaubt, was sie den Wählerinnen und Wählern die ganze Zeit erzählt hat, denn sonst würde weder Frau Merkel noch Herr Steinmeier denken, man flöge mal eben nach Afghanistan, um für die eigene Politik zu werben. In diesem Land herrscht Krieg und in diesem Land gibt es keine Mehrheit, die die Präsenz fremder Militärverbände will. Da wirkt es nur noch hilflos, wenn der Kanzlerkandidat von einem „feigen Anschlag“ spricht. Der Hinterhalt gehört zur Welt des Krieges wie die Sabotage. Und wer aus einem politischen Hinterhalt oder aus Sinnestrübung im Falle Afghanistan suggerieren wollte, bei dem Bundeswehreinsatz handele es sich um ein ziviles Aufbauprogramm, darf sich nicht wundern, wenn er irgendwann als Importeur von Zinksärgen wieder aufwacht.