Die klassische Deutsche Philosophie konnte sich durch das Einwirken der Aufklärung von der Universalität ihres Anspruchs nie ganz frei machen. Kant, der ursprünglich ganz vehement die systemische und systematische Universalität eines philosophischen Gebäudes reklamierte, hielt sein eigenes Postulat nur noch begrenzt durch. In der Dichotomie von reiner und praktischer Vernunft war er bereits auf Abwegen. Hegel löste das Schisma des in sich Geschlossenen wesentlich radikaler durch die dialektische Hermeneutik auf. Und Marx verweltlichte die göttliche-vernünftige Dialektik Hegels durch die Infusion der Materie. Geblieben war lange Zeit trotz allem die Vorstellung, mit dem gewählten philosophischen Ansatz die Welt in ihrer Komplexität erklären zu können. Das Anwachsen der Komplexität und die weltweit gesellschaftlich unterschiedlichen Entwicklungsstufen sorgten in der Moderne dafür, dass diese Vorstellung nicht mehr durchgehalten werden konnte.
Lange vor dem historischen Durchschlag der Moderne und als Zeitgenosse der großen Dialektiker sprengte der jüdisch-rheinische Schriftsteller Heinrich Heine in seinem Pariser Exil jedoch die Idee des philosophisch geschlossenen Systems, in dem er sich aus pädagogischen Gründen an eine Artikelserie machte, die in der Literaturgeschichte unter dem Titel „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“ einging. Mit diesen Beiträgen beabsichtigte Heine, dem französischen Publikum einen Einblick in die deutsche Denkweise und Volkspsyche zu geben. In meisterhafter Art und Weise beschrieb Heine zum einen den Ursprung der klassischen Philosophie in Deutschland aus der Religion und ihre Transformation durch die luthersche Reformation in die Philosophie. Und er skizzierte die rasante Entwicklung der so entstandenen modernen Philosophie durch die investigative und emanzipatorische Dimension der Aufklärung.
Das Revolutionäre an Heines Aufzeichnungen indes ist in dem von ihm hergestellten Konnex zur Volkspsyche zu suchen, die sich in den Mythenbildungen finden lässt. In einzigartigen Metaphern illustriert Heine den ewigen Kampf zwischen Spiritualismus und Sensualismus, zwischen Kopf und Bauch im Denken, Handeln und Fabulieren des Volkes. Und es gelingt ihm, das Entstehen der philosophischen Schulen in diesen Mustern zu suchen. Heine endet in seinen Ausführungen bei der Dialektik und der sich daraus ableitenden Folge der bürgerlichen Revolution. Und anhand der dargestellten massenpsychologischen Befindlichkeiten der Deutschen warnt er die Franzosen in nahezu prophetischer Qualität vor den Eruptionen der Deutschen.
Als zu Beginn des 14. Jahrhunderts im westfälischen Soest der Beschluss gefasst wurde, die Wiesenkirche zu bauen, entwarfen die dortigen Baumeister ein Werk der Gotik, das als solides Produkt der Zeit betrachtet werden kann. Einzig der lokale Künstler, der den Auftrag bekam, das Abendmahl im Hauptschiff auf einer Bleiverglasung darzustellen, hielt er sich nicht an den Mainstream der herrschenden Mutterkirche. Es entstand ein ziemlich derbes Gelage und an der noch heute zu betrachtenden Tafel waren nicht die obligatorischen Brotstangen und Weinkrüge zu sehen, sondern ein Schinken, ein Schweinskopf, Pumpernickel und viel Bier und es wurde kräftig zugelangt.
Das unter dem Namen „Das westfälische Abendmahl“ eingegangene Gelage in der Soester Wiesenkirche ist eine mächtige Illustration der Bodenständigkeit, ohne deren Existenz die elaborierteste gedankliche Programmatik sich ins Nichts auflöst.
