Archiv für den Monat März 2009

Macht und Überleben einer asiatischen Metropole

Suketu Mehta. Bombay. Maximum City

Wer die Wucht, Vitalität und das Mörderische der asiatischen Metropolen darstellen will, kann nicht in der Urbanität der alten, westlichen Welt sozialisiert sein. Deren über Jahrhunderte gewachsenen städtischen Strukturen und Kulturen sind nicht das Format, von dem aus eine Beurteilung der Komplexität und Dynamik der asiatischen Megastädte zu entziffern wäre. Notgedrungen kommen Urteile zustande, denen es entweder grundsätzlich an Verständnis oder einer positiven Perspektive fehlt.

Der 1963 in Kalkutta geborene, in Bombay aufgewachsene und dann nach New York City ausgewanderte Inder Suketu Mehta kennt sowohl eine Megastadt der westlichen wie der östlichen Hemisphäre und hat das Objektiv vor Augen, welches es ermöglicht, die unterschiedlichen Bilder für den Sensor der jeweils anderen Seite zu übersetzen. Mit seinem zuerst im Jahre 2005 erschienen Buch Bombay. Lost and Found, zu Deutsch Bombay. Maximum City ist ihm dieses in exzellenter Weise gelungen. Es handelt sich dabei um eine nahezu 800 Seiten umfassende Reportage mit den drei treffend überschriebenen Hauptkapiteln „Macht, Vergnügen und Passagen“ und beschreibt seine journalistisch-investigative Arbeit in seiner ehemaligen Heimatstadt Bombay, wohin er für zweieinhalb Jahre mit Frau und Kindern zurückkehrte, um dieses Buch zu schreiben.
Was Mehta in einer sehr präzisen und verständlichen Sprache beschreibt, sind die Lebensumstände, den Kampf ums Überleben, die Motive, die Dynamik, die Machtstrukturen und die unauflöslichen Widersprüche eines Gemeinwesens, das unaufhaltsam wächst und sich bis zum Jahr 2015 von derzeit 16 auf dann 23 Millionen Menschen vergrößert haben wird. Im Wesentlichen fällt auf, dass alle aus dem gesetzten Westen heraus betrachteten unerträglichen Missstände nicht die Triebfeder des Wachsens zu beeinträchtigen in der Lage sind. Die Menschen, die es nach Bombay zieht, haben den Kampf angenommen, der ein vermeintlich besseres Leben fordert und sie gehen nicht davon aus, dass sie diesen verlieren. Der kollektive Überlebenswille der millionenfach ausgeprägten, nicht durch etablierte Bürokratien normierten Individuen hält eine Stadt wie Bombay am Leben und garantiert eine Zukunft. Nicht das Geregelte, Etablierte und Eingespielte, sondern das Unbekannte, alle Möglichkeiten Öffnende, Anarchische und Extreme bildet die Grundlage für die komplexe Energie, die sich in dieser Stadt neue Bahnen sucht.
Hindus und Muslime, Schamanen und Ganoven, Starlets und Prinzessinnen, Diamantenhändler und Huren, Philosophen und Glücksritter, barfüßige Informatiker und Bentley fahrende Snobs, artistische Klempner und naive Maler, alles was in der einzigartigen Reportage auftaucht, ist nicht das Skurrile, welches als Ansammlung inszenierter Farbtupfer arrangiert wurde, sondern das Normale, welches sich aus der nicht vermuteten Individualität generiert, die als Voraussetzung für das Überleben und Wachsen zu sehen ist. Aus der Perspektive von Städten wie Hamburg Münschen oder Berlin, die allesamt als idyllische Luftkurorte im Vergleich zu einem Mammut wie Bombay erscheinen, schafft sich die Erkenntnis Bahn, dass im Jahre Darwins auch in Betracht gezogen werden muss, dass Biologismen eine entscheidende Rolle spielen. Die Jungen sind nach Bombay gekommen, um dort ihr Spiel zu machen und etwas vom Kuchen abzubekommen. Das macht sie so stark, koste es, was es wolle. Und es hält sie zusammen, es ist ihr Gesellschaftsvertrag!

Sprachrituale in der Politik

Zunächst einmal möchte ich sagen, dass wir sehr konzentrierte und intensive Gespräche geführt haben. Dabei sind wir darin übereingekommen, dass es wichtig ist, die Entscheidungsgrundlage noch einmal sorgfältig zu prüfen, bevor wir zu einem Ergebnis kommen können. Es versteht sich von selbst, dass alle Seiten ein vitales Interesse daran haben, zu einem konsensfähigen Resultat zu kommen, um eine nachhaltige Entwicklung einleiten zu können. Die Gespräche, auch das muss betont werden, haben in einer kritischen, aber konstruktiven Atmosphäre stattgefunden, die von gegenseitigem Respekt geprägt waren, sodass wir guten Mutes sind, bald ein gutes Stück weiter zu kommen.

So oder ähnlich lauten die Leerchiffren, mit denen die Bürgerinnen und Bürger in dieser Republik konfrontiert werden, egal, ob es um die staatliche Beteiligung bei dem Automobilhersteller Opel, die Sanierung verzockter Banken, die weitere Strategie der EU-Politik, das neue Verhältnis zur USA oder den Tarifvertrag im Öffentlichen Dienst geht. Die sprachlichen Mitteilungen über das politische Handeln verweisen auf einen ritualisierten Minimalkonsens, wie denn zu verfahren ist, um politische Lösungen zu erzielen, die meistens in einer Regelungsdiktion verkommen. Die Botschaften sind so unspezifisch, weil sie keine Strategie politischer Qualität zum Ziel haben, sondern das Verfahren an sich. Das Wesen der alles dominierenden Konsensdemokratie besteht darin, dass sich nichts mehr bewegt. Der Voluntarismus als Gestaltungsprinzip von Politik wird im Beinhaus des Rituals als Opfer gebracht.

Und selbst das beschriebene Verfahren ist durchtränkt von Selbstverständlichkeiten, die allenfalls als Voraussetzung für eine Qualifikation einer gelebten Verantwortung gelten müssen. Wer in einem Gespräch nicht konzentriert ist und sich nicht intensiv darin bemüht, der ist per se nicht kommunikations- oder verhandlungsfähig. Und wer sich ungeprüft über etwas unterhält und einfach drauflos plappert, der hat in Verhandlungen ebenfalls nichts verloren. Ob nun alle Seiten ein Interesse an einem Ergebnis haben, gerade das ist zu bezweifeln, wenn sich alle Beteiligten darauf verständigen, derart um den heißen Brei herum zu reden. Der Terminus der Nachhaltigkeit ist derartig durch eine Orgie der political correctness inflationiert, dass niemand mehr weiß, was eigentlich damit gemeint ist. Der gegenseitige Respekt ist letztendlich ein Trugschluss, der aus einer weit verbreiteten charakterlichen Verwahrlosung resultiert. Respekt gegenüber dem Verhandlungspartner zeigt man dann, wenn man ihm seine Position deutlich macht, auch wenn sie ihm nicht schmeckt, weil gerade dadurch signalisiert wird, dass man dennoch daran glaubt, zu einer Lösung kommen zu können. Wer sein eigenes Interesse nicht deutlich macht, der ist bereits auf dem Highway zur Täuschung.

„Der Gedanke geht der Tat voraus wie der Blitz dem Donner“ schrieb Heinrich Heine in seiner immer wieder lesenswerten „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“. Sieht man sich die Konstanten historischer Entwicklung an, dann lag er so falsch nicht, denn die in Sprache gefassten Gedanken sind das Movens politischen Gestaltens. Es scheint also, betrachtet man die Prägnanz der derzeit formulierten Gedanken politischen Handelns, als müssten wir uns auf langfristig auf eine bleischwere Windstille einrichten.