Archiv für den Monat März 2009

Amoktote – Stillstand – Amoktote

Wenn es ein Beispiel dafür gibt, wie hilflos und desorientiert sich eine Gesellschaft geben kann, dann sind es die Ereignisse der letzten 24 Stunden. Zunächst war im Morgenmagazin von dem Amoklauf in Alabama berichtet worden und die Fernsehmoderatorin kommentierte noch kopfschüttelnd, das sei eben Amerika und Gott sei Dank sei man in Deutschland weit davon entfernt. Genau eine Stunde später schlug ein junger Amokläufer in der Albertville Realschule im schwäbischen Winnenden zu, brachte 16 Menschen und zuletzt sich selbst um. Und plötzlich hieß es, jetzt sei Amerika auch in Deutschland angekommen.

Letzteres ist eine der vielen Torheiten, mit denen man sich elegant aus der Verantwortung ziehen will. Gemeinsam mit den USA führt Deutschland statistisch die Hitliste der Amokläufe an und man kann sich wohl kaum dadurch exkulpieren, dass die USA noch vor einem stehen. Des Weiteren fällt auf, dass neben allen Betroffenheitsgesten niemand so recht weiß, was er sagen soll. Die Sprachlosigkeit ist eigentlich der Konsens, denn Vorschläge wie die weitere Verschärfung des Waffengesetzes oder drastische Verbote von Gewaltvideos dringen nicht bis zum Kern. Fragen, die sich auf Motivlagen des Täters, Sozialisationsbrüche und gesellschaftliche Problemlagen beziehen, werden ausgeklammert. Sie sind unangenehm, sie werden beim Trauergottesdienst von der Kanzel aus vielleicht auch einmal angemahnt, aber dann geht man zur Tagesordnung über. Wer die Ereignisse von Erfurt aus dem Jahr 2002 noch präsent hat, der kommt sich vor wie im Kino mit dem Namen Dejà-vu.

Warum greift ein junger Mensch, der erfolgreich eine Schule besucht hat und dem gute Zukunftsprognosen ausgestellt werden, zur Waffe, geht zurück in diese Schule und erlegt regelrecht ehemalige Mitschülerinnen und Lehrerinnen. Warum gerade nur dieses Geschlecht? Was ist dort passiert? Wer hat ihn gekränkt? Hängt es mit der immer wieder wie eine Pestilenz behandelten Frage zusammen, dass die Institution Schule feminisiert wurde und der maskuline Archetypus nicht selten am Pranger steht? War er ein Außenseiter? Welche Signale gab es und wie ging man damit um? Hatte er Menschen, denen er vertraute? Welchen Einfluss hatte seine weitere lokale Umgebung auf seine dramatische Entwicklung?

Es wäre wichtig, sich mit derlei Fragen zu beschäftigen, denn um diese geht es, wenn man sich darum bemüht, die Ursachen für einen alles vernichtenden finalen Schlag gegen sein Umfeld und sich selbst zu finden. Und es wird Zeit, sich der Befindlichkeit der Elternschaft zuzuwenden, um eine zuverlässige Diagnose darüber zu erhalten, wo die Hilflosigkeiten gegenüber tiefen psychischen und sozialen Verletzungen liegen. Im Nachklang zu Erfurt kamen gerade aus den Elternverbänden Forderungslisten an die Schulträger, deren Umsetzung die Schulen in ein Guantanamo oder die Wolfsschanze verwandelt hätten. Und auch gestern sagte die Sprecherin des baden-württembergischen Elternverbandes, ihre große Hoffnung bestünde darin, dass die Kinder aus Winnenden nicht mehr in dieses Gebäude zurück müssten, sondern eine neue Schule bekämen! Angesichts solcher Schussfolgerungen stellt sich die Frage, ob eine Gesellschaft, die keine Lehren zieht, noch die Legitimation hat, von Schulen zu fordern, Stätten des Lernens zu sein.

Der Dalai Lama leidet unter Amnesie

Der fünfzigste Jahrestag seiner Vertreibung hat den ansonsten so friedfertig daher schreitenden Dalai Lama in einen Gemütszustand versetzt, der zumindest in unserer Hemisphäre Erstaunen auslöst. In einer Ansprache, die er im indischen Exil hielt, verurteilte er die Volksrepublik China wegen ihrer gewaltsamen Annexion Tibets nicht nur scharf, sondern er beschrieb die gegenwärtigen Zustände in der Provinz Tibet als „Hölle auf Erden.“ Wie nicht anders zu erwarten, bekam er von den zahlreichen Gutmenschen im Westen auch mächtigen Applaus für seine Ausführungen. Und die Berichterstattung der Fernsehanstalten glänzte vor allem durch die betroffenen Mienen der öffentlich rechtlichen Moderatorenschar, wenn es um das gegenwärtig tragische Schicksal der Tibetaner ging.

Vielleicht hilft es doch ein wenig, die Zustände im Jahre 1959 (!) in dem damals unabhängigen Gottesstaat zu beschreiben, um die Diskussion zu versachlichen. Als die chinesische Rote Armee unter nicht sonderlich überzeugenden Vorwänden in Tibet einmarschierte, herrschte dort der Dalai Lama und eine feudale Klerikalkaste, die das Volk hemmungslos unterdrückten. Es gab Leibeigenschaft und Sklaverei, das Schicksal beider Klassen bestand in schmiedeeisernen Fußfesseln und lebenslanger Zwangsarbeit. Eine wie die Geheime Staatspolizei vorgehende so genannte Mönchspolizei terrorisierte die Bevölkerung, das Strafmaß für Insurrektion ging vom Ausstechen der Augen bis zur Todesstrafe, mal durch das Feuer, mal durch Ertränken. Die Rote Armee bereitete diesem Treiben ein Ende und der Dalai Lama ergriff die Flucht.

Dass die Volksrepublik China nicht aus humanitären Gründen, sondern geostrategisch motiviert die Annexion betrieb, steht außer Zweifel. Und dass die Volksrepublik China keine Demokratie im Idealzustand ist, ebenso wenig. Aber ob die Veränderungen, die damals vollzogen wurden, eine Verschlechterung für die Lebensbedingungen des tibetanischen Volkes darstellten, kann nur derjenige behaupten, der die Gegenpropaganda der Aufklärung vorzieht.

In fünf Jahrzehnten drehen sich die tibetanischen Gebetsmühlen millionenfach und es ist verständlich, dass die heutige Situation in Tibet nach aktuellen Maßstäben beurteilt werden muss. Die Tibetaner haben sich an den Zustand bevormundeter und gelenkter Freiheit gewöhnt und sie identifizieren sich über den Glauben mit ihrem eigenen Erbe. Das besteht nicht in der Sklaverei, aber sehr stark in der buddhistischen Tradition. Um diese Tradition leben zu können, bedarf es der Überwindung einer Anzahl von Widerständen, die ein laizistisch definierter Staat wie der der Volksrepublik China der Religionsausübung generell entgegen bringt. Hinzu kommt die staatliche Zentralgewalt, wenn es sich um das Ansinnen separatistischer Politikgestaltung geht. Das wundert kaum und hat mit der allgegenwärtigen Empörung wenig gemein.

Was seitens der hiesigen Berichterstattung unverzeihlich ist, besteht in der gebetsmühlenartig wiederholten Behauptung, die Unruhen vor einem Jahr seien wegen der tibetanischen Unterdrückung durch China im Allgemeinen ausgebrochen. Die Zerwürfnisse, um die es momentan dort geht, sind entstanden aus dem wachsenden Wohlstand der chinesischen Gesellschaft. Immer mehr Chinesen kommen als Touristen nach Tibet, sie bringen Geld und Komfortansprüche mit, die zum einen Neid hervorrufen und zum anderen nur peu a peu erfüllt werden können. Es sind Brüche, die wir in Europa in den unterschiedlichsten Dimensionen schon tausendfach durch den Massentourismus erlebt haben. Dass eine religiös traditionsfixierte Bevölkerung damit Probleme hat, haben wir auch in Oberbayern schon erlebt. Freilich gab es keine Unruhen, und der Staat schützte die Touristen auch nicht mit Militär. Das ist alles schlimm und bedarf einer der Qualität der Demokratie angemessenen Lösung. Aber es ist ein Problem der Neuzeit, und das als „Hölle auf Erden“ zu beschreiben, wenn man selbst aus der Finsternis der Sklaverei kommt, ist doch erheblich über das Ziel hinausgeschossen.

Zum Verhältnis von Hoffnung und Gerechtigkeit

Es gehört zu den bemerkenswertesten Phänomenen der Demokratien seit dem bürgerlichen Zeitalter, dass die Frage der Gerechtigkeit sehr oszillierend im öffentlichen Bewusstsein präsent ist. In Zeiten voller Dynamik und mannigfaltigen Entwicklungsperspektiven nehmen die Diskussionen um Gerechtigkeit eine eher nachgeordnete Rolle ein. Geht es vorwärts und aufwärts, dann gehört die Gerechtigkeit zum grundlegenden Repertoire des bürgerlichen Grundverständnisses, mehr aber auch nicht. Die Perspektiven der verschiedenen Klassen und Sozialschichten in Bezug auf den Erwerb von Wohlstand und Teilhabe überlagern emotionale Debatten über den tatsächlich gelebten Faktor von Gerechtigkeit. Die individuelle Aussicht auf den eigenen Fortschritt und die Verbesserung der eigenen Lebenslage generieren Hoffnung. Und eine hoffnungsvolle Stimmung hinsichtlich der eigenen Perspektiven erhöht in erheblichem Maße die Toleranz gegenüber formalen Verletzungen gegen die Gerechtigkeit.

Anders verhält es sich in Situationen der Krise. Löst die Statik die Dynamik ab, werden Perspektiven verschüttet, muss man sich um eine Rückstufung der eigenen Lebensgewohnheiten kümmern, sich einschränken und lang gehegte Pläne zur Seite legen, dann beginnt der Traum von der gerechten Gesellschaft mit aller Macht ins Bewusste wie ins Unterbewusste einzudringen und alles andere zu überlagern. Der Ruf nach Gerechtigkeit, nach formaler Legitimität, nach Authentizität und nach ethischen Werten wird laut und übertönt den bereits gehörten Klang des gesunden Pragmatismus und die Frage nach der persönlichen Relevanz. Plötzlich dominieren Debatten die Gesellschaft, die per se zu keiner Befriedigung führen können. Keine noch so durchdachte politische Maßnahme und keine wie auch immer geartete Gesetzgebung werden nämlich in der Lage sein, das Faktum aus der Welt zu schaffen, dass es eine gerechte Gesellschaft in Rekurs auf das konstitutionelle Ansinnen je geben wird. Es gab sie nie, und es bleibt eine Illusion, dass es sie geben könnte. Die Diversität der in Massengesellschaften assoziierten Individuen ist zu groß, als dass eine Homogenität hergestellt werden könnte, die den hehren Wunsch nicht in sein Gegenteil, den diktatorischen Egalitarismus verkommen ließe.

Letzteres scheint wiederum auf dem Programm vieler zu stehen, die aus der Unzufriedenheit mangels gesellschaftlicher Teilhabe und unproportionaler Verteilungsschübe einen politischen Vorteil zu schlagen. Sie wecken die Illusion, staatlicher Interventionismus und gesetzliche Regulierung wären in der Lage, eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen. Denkt man an Max Webers Satz, dass Politik die Herrschaft der Verwaltung im Alltag ist, dann kann man sich vorstellen, was selbst unter besten Vorzeichen von einer solchen Ausrichtung zu erwarten ist. Nicht die Entmündigung der Bürgerinnen und Bürger und die Herrschaft der wohlmeinenden politischen und Verwaltungseliten sind die Lösung, sondern die Befähigung ersterer zu mehr eigenem Handeln.

Es gehört zum Wesen der Hoffnung, dass ihr ein gewisses Vertrauen auf die eigene Gestaltungsmöglichkeit innewohnt. Dem Wunsch nach Gerechtigkeit hingegen haftet sehr oft eine gewisse Passivität an. Betrachtet man sich den Zustand verschiedener Gesellschaften in der gegenwärtigen Situation, dann ist das Korrelat von etablierter Hoffnung und Wunsch nach Gerechtigkeit ein zuverlässiger Hinweis auf die vorhandenen Entwicklungsperspektiven.