Archiv für den Monat März 2009

Neue Allianzen: Obama trifft Lula

Mit der ersten Reise der neuen Secretary of State, Hillary Clinton, nicht wie üblich nach Europa, sondern nach Japan und China, wurde bereits deutlich, dass die Supermacht USA und ihre neue Regierung versuchen wird, sich geostrategisch neu zu definieren. Nicht unbemerkt, aber irgendwie doch nicht richtig verarbeitet werden bis dato alle Signale, die auf diese Neuorientierung hindeuten, beinhalten sie doch für die Bundesrepublik dramatische Veränderungen, die sie aus dem nutznießenden Windschatten der Supermacht herausnehmen und sie in vielerlei Hinsicht zur Kasse bitten wird.

Die Strategie Obamas zielt allerdings nicht auf die Reduzierung von Kosten alter Bündnisse, sondern auf die Gestaltung neuer Verbindungen, die qualitativ die Weltpolitik aus seiner Sicht weiter bringen. Wurden die entsprechenden Signale der Öffnung bereits deutlich Richtung Asien gesendet, so erfuhr vor wenigen Tagen der südamerikanische Kontinent die Wertschätzung, die ihm über Jahrzehnte antik-imperialer US-Politik nicht mehr zuteil wurde. Unabhängig davon, dass Südamerika den USA geographisch am nächsten liegt, legen verschiedene Gemeinsamkeiten eine auf gegenseitigem Nutzen basierende Strategie der Politik nahe. Kaum dass man sich versieht, sind allerdings Grundlinien zu erkennen, die Huntington in seinem Clash of Civilizations konturiert hat.

Obamas erste außenpolitische Avancen allerdings als neumodische Konfrontationspolitik zu identifizieren, wäre eine vorschnelle Reaktion. Dass Barack Obama ausgerechnet den brasilianischen Präsidenten Ignácio Lula da Silva nach Washington eingeladen hatte, um über die Zukunft des amerikanischen Kontinents und seiner inneren Beziehungen zu reden, ist ein starkes Signal. Nicht nur, weil es sich um die mit Abstand bevölkerungsreichsten Staaten handelt, sondern auch, weil sowohl die USA als auch Brasilien über Vielvölkerstrukturen verfügen, in denen Modelle globalisierter Gesellschaften ausprobiert werden können. Beide Nationen sind historisch multiethnisch und multikulturell und beide Nationen wurden von verschiedenen Einwanderungswellen geprägt. Und in keiner der beiden Nationen herrscht noch unangefochten die originäre Dominanz der ersten Siedlerkultur, sprich, es gibt eine auf dem Kontinent solitäre Gemeinsamkeit.

Sollte sich eine Achse Washington – Brasilia herausbilden, so bestehen gute Prognosen hinsichtlich der Auflösung bestehender Fronten, die vor allem durch monolithische Blöcke wie dem der angelsächsischen Protestanten und der lateinischen Katholiken aufeinander prallten. Lula da Silva, der ehemalige Gewerkschaftsboss, hat nach wie vor den Zutritt zu den Büros von Hugo Chavez und den Castros, aber ebenso ein gutes Verhältnis zu Morales, vor allem, weil er jenseits des Dogmatismus seine Politik gestaltet hat. Und Barack Obama kann mit seiner auf stärkerer Partizipation und mehr internationalem Rechtverständnis angelegten Politik die Hardliner unter den Latino-Immigranten wie die Kubaner in Florida stärker neutralisieren, wenn er die ruinierten Beziehungen zu deren Mutterland wieder normalisieren will. Es deutet sich also eine neue Architektur an, die vieles ermöglichen könnte, was vorher undenkbar war.

Gran Torino oder das Opfer für den amerikanischen Traum

Clint Eastwood hat mit dem Film Gran Torino als Regisseur und Hauptdarsteller der Filmwelt eine Lektion erteilt. Mit geringem Budget und einer einfachen Handlung ist ihm ein Werk gelungen, das das Rückenmark der amerikanischen Befindlichkeit trifft. Der Film spielt in jenem Detroit, das seit einiger Zeit am meisten durch den Strukturwandel der Weltwirtschaft wie der Finanzkrise leidet und der neue Präsident der USA hat richtig erkannt, dass die Lösung der gegenwärtigen amerikanischen Krise in Städten wie Detroit gelöst werden muss.

Der Film ist phasenhaft modelliert. Er beginnt mir der Trauerfeier für die Frau des ehemaligen polnischen Immigranten Walt Kowalski, der sein Leben lang bei den Ford Werken gearbeitet hat. Die Kirchenzeremonie ist dem Witwer zuwider, die Trauerfeier in seinem Haus noch mehr. Mit seinen beiden Söhnen hat er nichts zu bereden, die Schwiegertöchter nerven ihn und seine Enkel sind verzogene Gören. Walt Kowalski ist froh, dass die die Feier bald zu Ende ist und er wieder in seinem Reihenhaus allein sein kann. Phase II: Kowalski sitzt auf seiner Terrasse oder bewegt sich auf seinem Grundstück und beobachtet missmutig seine Nachbarn, asiatische Einwanderer. Obwohl diese auf den Beobachter einen guten, geordneten und zivilisierten Eindruck machen, sind sie für ihn Bambusratten, die ihn stören. Dieses Bild wird verstärkt, als der Sohn der Nachbarfamilie von einer asiatischen Gang dazu genötigt wird, seinen Gran Torino 1972, der blitzend in der Garage steht, quasi als Einstand zu stehlen. Kowalski verjagt jedoch den Einbrecher, ohne ihn zu erkennen. Phase III: Nachdem Kowalski eben jene Gang mit einer Waffe, die vor dem Haus den Sohn der Nachbarn belästigt, mit der Waffe vertrieben hat, wird die Nachbarfamilie bei Kowalski vorstellig und bittet ihn, die Entschuldigung der Familie für die Tat des Sohnes anzunehmen und ihn als Wiedergutmachung für sich arbeiten zu lassen. Jetzt erst bemerkt Kowalski, wer der Täter war, sträubt sich vehement, wird aber von der blitzgescheiten und sympathischen Schwester des Jungen doch dazu überredet. Phase III: Man kommt sich näher, Kowalski wird bei den Nachbarn zu einem Fest eingeladen und er lernt Sitten, Gebräuche und Kochkünste kennen. Er beginnt sich des Jungen anzunehmen und lehrt ihn, wie er sich in der amerikanischen Gesellschaft behaupten kann. Phase IV: Der asiatische Junge, dem Kowalski auf dem Bau einen Job besorgt hat, wird von der asiatischen Gang überfallen und misshandelt. Kowalski sucht danach das Haus der Gang auf, wartet, bis alle weg gefahren sind und nur noch einer dort ist, schellt ihn heraus, vermöbelt ihn und warnt ihn, die Finger von der Nachbarsfamilie zu lassen. Die Reaktion kommt schnell: Die Gang beschießt aus dem fahrenden Auto beide Häuser und entführt die Schwester, vergewaltigt und verprügelt sie. Phase V: Kowalski weiß, dass die beiden keine Chance haben, solange die Gang aktiv ist und beschließt den Countdown. Er geht zur Beichte, was den jungen Pfarrer, dessen missionierenden Annäherungsversuchen er sich immer wieder widersetzt hat, misstrauisch werden lässt, lässt sich für den Sarg den ersten Maßanzug seines Lebens schneidern, geht noch einmal zum Frisör und lässt sich rasieren. Dann lockt er den Jungen von nebenan in den Keller und schließt ihn ein, um ihn zu beschützen, bevor er sich auf dem Weg zum Haus der Gang macht. Stellt sich dort auf, provoziert die Gang, deren Mitglieder sich allesamt mit Revolvern vor ihm aufbauen. Kowalski macht soviel Radau, dass genügend Zeugen aus den Nachbarhäusern anwesend sind, steckt sich eine Zigarette in den Mund und greift dann ruckartig in seine Jackentasche, was die Gangmitglieder als Griff nach einer Waffe missdeuten und allesamt auf ihn losfeuern. In der Hand des sterbenden Kowalski befindet sich aber nur das Feuerzeug mit dem Emblem seiner Kompanie aus dem Koreakrieg. Die Polizei rückt an und die gesamte Gang verschwindet für Jahre hinter Gittern. Phase VI: In seinem Testament vermacht Kowalski das Haus der Kirche mit der Begründung, es hätte seiner Frau gefallen. Den Gran Torino erbt der asiatische Junge. Und ihn sieht man in der Schlussszene, wie er mit dem Wagen im Sonnenschein am Lake Michigan entlang fährt, mit Kowalskis Hund auf dem Beifahrersitz.

Gran Torino ist ein Film, bei dem es von italienischen Wichsern, irischen Weicheiern, asiatischen Bambusratten, polnischen Halunken, jüdischen Halsabschneidern und marodierenden Bimbos nur so wimmelt. Die oberflächlich rassistischen Diffamierungen entpuppen sich jedoch als wertschätzende Typologien, die das Bewusstsein zum Ausdruck bringen, dass es sich bei der amerikanischen working class um eine heterogene Schicksalsgemeinschaft handelt, in der die Qualität des individuellen Handelns darüber entscheidet, inwieweit die gesellschaftliche Akzeptanz erworben werden kann. Kowalski als Protagonist steht nicht nur für die Geschichte des ehrlich arbeitenden und loyalen Staatsbürger, sondern auch für den Kritiker, der die Flecken der nationalen Ehre am eigenen Leib in Form des Koreakrieges, über den er nie hinweg gekommen ist, mit sich herum trägt. Und Kowalski erkennt, dass er persönlich mit seiner Individualität auch dieses Erlebnis mit verantworten muss. Daher weiß er, dass der amerikanische Traum nicht durch die große Nation, sondern durch das eigene Handeln in Reichweite gelangt. Er selbst hat ihn mit seinen Brüchen bereits erlebt und weiß um dessen Ende in seinem eigenen Leben. Deshalb gibt er sich als Individuum der Negation preis, um ihn dem jungen Asiaten aus dem Nachbarhaus zu ermöglichen. Der Traum ist groß, der Preis mit Blut zu bezahlen. Als Mann von Charakter zahlt er ihn, weil er eine Idee von Gerechtigkeit hat.

Im großen Finale wird deutlich, dass Clint Eastwood seinem eigenen Wirken von den Spaghettiwestern, über Dirty Harry bis in die letzten Rollen einen Schlusspunkt gesetzt hat. Es war nur noch der fingierte Griff nach einer Waffe. Clint Eastwood wird nie mehr einen Colt in der Hand halten. Er hat begonnen, den amerikanischen Traum zu erklären, und es ist ihm auf bewegende Weise gelungen.

Amok und Tabu

Auch nach Tagen des Amoklaufs von Winnenden drängt sich der Verdacht auf, dass die Erklärungsroutinen die gleichen bleiben. Es deutet alles auf die Erarbeitung einer, zweifellos notwendigen, kriminalistischen Chronologie. Wann fasste der Täter seinen Entschluss? Wie kam er genau an die Waffe? Kündigte er seine Tat im Internet an oder war es eine Fälschung? Sicherlich Fragen, die zur Klärung des Tathergangs wichtig sind. Des Weiteren diskutiert man in der Öffentlichkeit weiter, wie verhindert werden kann, dass Jugendliche an Waffen aus dem Elternhaus oder aus dem Schützenverein kommen können und wie vor allem Munition in Zukunft besser gesichert werden kann. Auch das ist angesichts der traurigen Schadensdimension ein berechtigtes Anliegen, aber alles das hilft natürlich nichts, wenn man das, was dort geschehen ist von seiner humanen Dimension verstehen will. Vielleicht kann ein kleiner Ausflug in die Ethymologie einen kleinen Beitrag dazu leisten.

Der Begriff Amok ist ein Lehnwort, der ursprünglich aus dem Malaischen stammt. Die malaiische Sprache ist Basis des heutigen Indonesisch, und dort existiert der Begriff nach wie vor als „Amuk“. Im Kamus Besar Bahasa Indonesia, dem offiziellen Wörterbuch der indonesischen Sprache, herausgegeben vom Ministerium für Erziehung und Kultur wird der Begriff Amuk erklärt als eine zunächst irrational erscheinende, durch ein Trauma wie einen Bürgerkrieg entstandene Verletzung der inneren Befindlichkeit, die sich in einem chaotischen, destruktiven Verhalten entäußert. Alle weiteren Erklärungen deuten auf eine psychische Entladung emotionaler Staus hin, die sich nicht mehr auflösen lassen.

Betrachtet man die indonesische Gesellschaft, die in hohem Maße auf der javanischen Kultur basiert, kommt man noch einen Schritt weiter. Das javanische Weltbild wird dominiert durch den Konsens. Von Kindesbeinen an lernt man, dass das eigene Handeln im Konsens zu den gesellschaftlichen Regeln zu funktionieren hat, deren Anzweiflung oder Verletzung als kurang cocok, d.h. weniger passend und ausgrenzend gelten. Die so geforderte permanente Selbstkontrolle ohne vorgesehene Foren der Entladung führt nicht selten zu einem Stau, der durch das Individuum nicht mehr ausgehalten wird und zur Explosion im Amuk kommt. Die Geschichte, auch die jüngste, der indonesischen Gesellschaft ist immer wieder von solchen Phänomenen gekennzeichnet gewesen, bis hin zu kollektiven, desaströsen Ausbrüchen, bei denen Hunderttausende ihr Leben ließen. Die oberflächlich so sanften, liebenswerten Menschen verwandelten sich in blutrünstige Meuten, die ganze Volksgruppen über die Klinge springen ließen.

Der kleine Diskurs scheint insofern von Nutzen zu sein, als dass er die Frage aufdrängt, inwieweit auch in unserer Gesellschaft Tabuzustände zementiert worden sind, die der Entwicklung von jungen Individuen nicht förderlich sind und sie sogar quälen. Das Feld der political correctness sollte unter diesem Aspekt genauso betrachtet werden wie die kollektive Ausgrenzung des Archetypus des Jägers, der biologiehistorisch das maskuline Dasein maßgeblich mit definiert. Was uns fehlt ist eine offene Streitkultur, und nicht die Tabuisierung von Fragestellungen und Existenzformen, die gesellschaftlich ausgrenzt. Amok ist eine schreckliche Folge des Tabus.