Mit der ersten Reise der neuen Secretary of State, Hillary Clinton, nicht wie üblich nach Europa, sondern nach Japan und China, wurde bereits deutlich, dass die Supermacht USA und ihre neue Regierung versuchen wird, sich geostrategisch neu zu definieren. Nicht unbemerkt, aber irgendwie doch nicht richtig verarbeitet werden bis dato alle Signale, die auf diese Neuorientierung hindeuten, beinhalten sie doch für die Bundesrepublik dramatische Veränderungen, die sie aus dem nutznießenden Windschatten der Supermacht herausnehmen und sie in vielerlei Hinsicht zur Kasse bitten wird.
Die Strategie Obamas zielt allerdings nicht auf die Reduzierung von Kosten alter Bündnisse, sondern auf die Gestaltung neuer Verbindungen, die qualitativ die Weltpolitik aus seiner Sicht weiter bringen. Wurden die entsprechenden Signale der Öffnung bereits deutlich Richtung Asien gesendet, so erfuhr vor wenigen Tagen der südamerikanische Kontinent die Wertschätzung, die ihm über Jahrzehnte antik-imperialer US-Politik nicht mehr zuteil wurde. Unabhängig davon, dass Südamerika den USA geographisch am nächsten liegt, legen verschiedene Gemeinsamkeiten eine auf gegenseitigem Nutzen basierende Strategie der Politik nahe. Kaum dass man sich versieht, sind allerdings Grundlinien zu erkennen, die Huntington in seinem Clash of Civilizations konturiert hat.
Obamas erste außenpolitische Avancen allerdings als neumodische Konfrontationspolitik zu identifizieren, wäre eine vorschnelle Reaktion. Dass Barack Obama ausgerechnet den brasilianischen Präsidenten Ignácio Lula da Silva nach Washington eingeladen hatte, um über die Zukunft des amerikanischen Kontinents und seiner inneren Beziehungen zu reden, ist ein starkes Signal. Nicht nur, weil es sich um die mit Abstand bevölkerungsreichsten Staaten handelt, sondern auch, weil sowohl die USA als auch Brasilien über Vielvölkerstrukturen verfügen, in denen Modelle globalisierter Gesellschaften ausprobiert werden können. Beide Nationen sind historisch multiethnisch und multikulturell und beide Nationen wurden von verschiedenen Einwanderungswellen geprägt. Und in keiner der beiden Nationen herrscht noch unangefochten die originäre Dominanz der ersten Siedlerkultur, sprich, es gibt eine auf dem Kontinent solitäre Gemeinsamkeit.
Sollte sich eine Achse Washington – Brasilia herausbilden, so bestehen gute Prognosen hinsichtlich der Auflösung bestehender Fronten, die vor allem durch monolithische Blöcke wie dem der angelsächsischen Protestanten und der lateinischen Katholiken aufeinander prallten. Lula da Silva, der ehemalige Gewerkschaftsboss, hat nach wie vor den Zutritt zu den Büros von Hugo Chavez und den Castros, aber ebenso ein gutes Verhältnis zu Morales, vor allem, weil er jenseits des Dogmatismus seine Politik gestaltet hat. Und Barack Obama kann mit seiner auf stärkerer Partizipation und mehr internationalem Rechtverständnis angelegten Politik die Hardliner unter den Latino-Immigranten wie die Kubaner in Florida stärker neutralisieren, wenn er die ruinierten Beziehungen zu deren Mutterland wieder normalisieren will. Es deutet sich also eine neue Architektur an, die vieles ermöglichen könnte, was vorher undenkbar war.

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