Sarkozy will ethnischen Zensus

Irgendwie wird man den Verdacht nicht los, dass Deutschland auf seinem Weg zur Integration sich zumindest in einem treu bleibt: Es wird auch dort ein deutscher Sonderweg, genauso wie bei Bildung und Erziehung oder bei Kultur und Zivilisation. Es sieht so aus, als komme unsere Nation semantisch mit dem Denken benachbarter Völker nicht so zurecht. Oft ist es ärgerlich, weil es vernebelt statt erhellt, manchmal ist es erklärlich, weil uns alle das Trauma des Faschismus bis heute verfolgt und wir viele Dinge erst gar nicht zu denken wagen, die bei anderen auf der Hand liegen.

Das benachbarte Frankreich ist da in einer ganz anderen Rolle, die revolutionäre Tradition und das historische Paradebeispiel für eine bürgerliche Demokratie macht es unverdächtig. Dessen jetziger Präsident Nicolas Sarkozy ist da noch einmal in einer anderen Position, denn er ist nicht nur Präsident dieser europäischen Mutterdemokratie, nein, er hat auch noch einen Migrationshintergrund.

Daher verwundert es nicht, dass Präsident Sarkozy vor einiger Zeit zumindest den guten Vorsatz hatte, die vielen Migrantinnen und Migranten in seiner Republik verstärkt zu fördern, oder, wie es heute im Fachjargon so seltsam heißt, positiv zu diskriminieren. Damit ist gemeint, dass man in diesem Falle staatlicherseits an dem Grund der Benachteiligung ansetzt und diesen versucht durch gezielte Förderung zu kompensieren.

Um genaue Kenntnisse darüber zu erhalten, wer denn aufgrund seiner Hautfarbe, seiner Ethnie oder anderer rassischer Merkmale diskriminiert wird, hat der Präsident den algerisch stämmigen Juristen Yazid Sabeg damit beauftragt, eine Art ethnischer Statistik zu erstellen, um eine Radiographie der Bevölkerung zu erhalten. Anhand der dort erstellten Landkarte soll untersucht werden, inwieweit zum Beispiel öffentliche Institutionen und Einrichtungen die Diversität der Bevölkerung tatsächlich abbilden. Wenn dem nicht so ist, wie man annehmen muss, dann soll sich daraus die Förderung ethnisch diskriminierter Bürgerinnen und Bürger ableiten.

Wie nicht anders zu erwarten, brach im Lande der immer qualmenden Bastille sogleich eine Debatte darüber aus, ob man mit dieser Art der ethnischen Statistik nicht sogar noch die Diskriminierung aktenkundig mache und zementiere. Renommierte Stimmen verwiesen allerdings darauf, dass Nationen mit großartigen Integrationsleistungen wie die USA und Großbritannien derlei statistisches Material schon lange erhöben und sehr unspektakulär und wirksam damit arbeiteten.

Erstaunlich auch die kritische Differenzierung aus dem Lager der Integrationsbefürworter, die davor warnen, aus dem Bedarf an Integration ein statistisches Zahlenspiel zu machen. Die bekannte arabische Feministin Amara fasste diesen Standpunkt zusammen: „ Der Umstand, schwarz zu sein ist kein Diplom, und arabisch zu sein ist kein Wert an sich. Alle, die dafür plädieren, die Bevölkerung idealtypisch nach der ethnischen Zugehörigkeit zu dokumentieren und daraus eine Integrationspolitik abzuleiten, gefährden das republikanische Projekt.“

Für uns in Deutschland sind das ganz unbekannte Töne, aber es handelt sich ja auch um unsere französischen Nachbarn. Wir sind gut beraten, bei derartigen Fragen genau darauf zu achten, was aus gedachter Arglosigkeit so alles entstehen kann. Herr Berlusconi in Italien hat es nämlich fertig gebracht, aus einem breiter angelegten Ethno-Zensus eine exklusive Zählung der Sinti und Roma zu machen. Und seitdem dienen die erhobenen Daten als Blaupause für jede noch so dümmliche Art der Diskriminierung.