Kumplutt Amrikka!

Sobald etwas Schreckliches passiert und es nicht ins Weltbild passt, vernehmen wir immer wieder den Aufschrei, das ist die Amerikanisierung unserer Gesellschaft, das wollen wir hier nicht, das ist der schlechte Einfluss der Kaugummigesellschaft jenseits des großen Teiches. Besonders zwei Ereignisse der jüngsten Zeit haben diese Reaktion heftig hervorgerufen: Die Weltfinanzkrise und der Amoklauf von Winnenden. In beiden Fällen wurde vor allem aus den verschiedenen politischen, meist aber linkslastigen Lagern diese Karte gespielt. Sehen wir uns die beiden Fälle einmal näher an.

Als im September 2008 die Kurse an der New Yorker Wall Street zu zittern begannen, waren die Ferndiagnostiker in Berlin und Frankfurt sogleich in der Lage, eine derart unkontrollierte und dekadente Entwicklung sei in Deutschland nicht möglich, tja, das sei eben Amerika. Heute wissen wir, dass die Stützungspakete für Hasard spielende Banken in beiden Ländern von der Endsumme her nicht sonderlich weit auseinander liegen, in Bezug auf das Gesamtvolumen der Kapitalzirkulation die staatlichen Stützungsmaßnahmen in Deutschland proportional wesentlich größer sind als in den USA.

Bei dem Amoklauf hieß es sofort, es handele sich um eine deutliche Amerikanisierung unserer Verhältnisse. Fakt ist, dass die USA und Deutschland statistisch gesehen der mit Abstand führende Spitzenreiter sind. Platz 1: USA, Platz 2: Deutschland. Betrachtet man aber die Menge der zivil verfügbaren Waffen in beiden Ländern, dann stellt man fest, dass Deutschland in dieser schrecklichen Entwicklung nicht mehr zu stoppen und einzuholen ist. Hier wie da, in beiden Fällen, bemüht sich eine überforderte Politik um schnelle Sündenbocksuche, wenn das dann gegen die USA geht, umso besser, das passt ins Weltbild.

Das Beschriebene erinnert mich an eine Geschichte, die mir vor Jahren einmal ein Bekannter erzählte, der damals in Kairo lebte. Er wohnte in einem modernen Hochhaus am Nil und hatte jeden Tag mit zwei alten, nahezu zahnlosen, sehr freundlichen Beduinen zu tun, die im Empfang des Hochhauses arbeiteten, einen kleinen Dialog. Immer, wenn etwas in der westlichen Welt passiert war, ob ein politischer Skandal, ein Unglück oder eine Naturkatastrophe, sprachen die beiden Männer meinen Bekannten an und bedeuteten ihm, da sehe man es wieder, Allahs Zorn treffe unbarmherzig den Westen. Mein Bekannter nahm es stoisch hin, er mochte die beiden, und manchmal rauchte man gemeinsam eine Zigarette. Aber, die beiden ließen keine Gelegenheit verstreichen, jedes Mal, wenn es schlechte Nachrichten aus dem Westen gab, deuteten sie es als Allahs großen Unmut.

Eines Tages dann wurde Kairo von einem schrecklichen Sandsturm heimgesucht, der Sachschaden ging in die Millionen, der Verkehr lag lahm und es waren Menschen umgekommen. Auch das Hochhaus meines Bekannten hatte beträchtlich gewankt und es waren Scheiben zu Bruch gegangen. Als mein Bekannter am nächsten Morgen die beiden begrüßte, sprach er sie auf das große Unglück an und fragte, ob der Zorn Allahs jetzt auch die Söhne und Töchter des großen Ägypten getroffen hätte. Daraufhin schüttelten die beiden grinsend und heftig den Kopf und antworteten wie aus der Pistole geschossen: Kumplutt Amrikka!