Auch nach Tagen des Amoklaufs von Winnenden drängt sich der Verdacht auf, dass die Erklärungsroutinen die gleichen bleiben. Es deutet alles auf die Erarbeitung einer, zweifellos notwendigen, kriminalistischen Chronologie. Wann fasste der Täter seinen Entschluss? Wie kam er genau an die Waffe? Kündigte er seine Tat im Internet an oder war es eine Fälschung? Sicherlich Fragen, die zur Klärung des Tathergangs wichtig sind. Des Weiteren diskutiert man in der Öffentlichkeit weiter, wie verhindert werden kann, dass Jugendliche an Waffen aus dem Elternhaus oder aus dem Schützenverein kommen können und wie vor allem Munition in Zukunft besser gesichert werden kann. Auch das ist angesichts der traurigen Schadensdimension ein berechtigtes Anliegen, aber alles das hilft natürlich nichts, wenn man das, was dort geschehen ist von seiner humanen Dimension verstehen will. Vielleicht kann ein kleiner Ausflug in die Ethymologie einen kleinen Beitrag dazu leisten.
Der Begriff Amok ist ein Lehnwort, der ursprünglich aus dem Malaischen stammt. Die malaiische Sprache ist Basis des heutigen Indonesisch, und dort existiert der Begriff nach wie vor als „Amuk“. Im Kamus Besar Bahasa Indonesia, dem offiziellen Wörterbuch der indonesischen Sprache, herausgegeben vom Ministerium für Erziehung und Kultur wird der Begriff Amuk erklärt als eine zunächst irrational erscheinende, durch ein Trauma wie einen Bürgerkrieg entstandene Verletzung der inneren Befindlichkeit, die sich in einem chaotischen, destruktiven Verhalten entäußert. Alle weiteren Erklärungen deuten auf eine psychische Entladung emotionaler Staus hin, die sich nicht mehr auflösen lassen.
Betrachtet man die indonesische Gesellschaft, die in hohem Maße auf der javanischen Kultur basiert, kommt man noch einen Schritt weiter. Das javanische Weltbild wird dominiert durch den Konsens. Von Kindesbeinen an lernt man, dass das eigene Handeln im Konsens zu den gesellschaftlichen Regeln zu funktionieren hat, deren Anzweiflung oder Verletzung als kurang cocok, d.h. weniger passend und ausgrenzend gelten. Die so geforderte permanente Selbstkontrolle ohne vorgesehene Foren der Entladung führt nicht selten zu einem Stau, der durch das Individuum nicht mehr ausgehalten wird und zur Explosion im Amuk kommt. Die Geschichte, auch die jüngste, der indonesischen Gesellschaft ist immer wieder von solchen Phänomenen gekennzeichnet gewesen, bis hin zu kollektiven, desaströsen Ausbrüchen, bei denen Hunderttausende ihr Leben ließen. Die oberflächlich so sanften, liebenswerten Menschen verwandelten sich in blutrünstige Meuten, die ganze Volksgruppen über die Klinge springen ließen.
Der kleine Diskurs scheint insofern von Nutzen zu sein, als dass er die Frage aufdrängt, inwieweit auch in unserer Gesellschaft Tabuzustände zementiert worden sind, die der Entwicklung von jungen Individuen nicht förderlich sind und sie sogar quälen. Das Feld der political correctness sollte unter diesem Aspekt genauso betrachtet werden wie die kollektive Ausgrenzung des Archetypus des Jägers, der biologiehistorisch das maskuline Dasein maßgeblich mit definiert. Was uns fehlt ist eine offene Streitkultur, und nicht die Tabuisierung von Fragestellungen und Existenzformen, die gesellschaftlich ausgrenzt. Amok ist eine schreckliche Folge des Tabus.

Ja, ich glaube, das trifft es.