Wenn es ein Beispiel dafür gibt, wie hilflos und desorientiert sich eine Gesellschaft geben kann, dann sind es die Ereignisse der letzten 24 Stunden. Zunächst war im Morgenmagazin von dem Amoklauf in Alabama berichtet worden und die Fernsehmoderatorin kommentierte noch kopfschüttelnd, das sei eben Amerika und Gott sei Dank sei man in Deutschland weit davon entfernt. Genau eine Stunde später schlug ein junger Amokläufer in der Albertville Realschule im schwäbischen Winnenden zu, brachte 16 Menschen und zuletzt sich selbst um. Und plötzlich hieß es, jetzt sei Amerika auch in Deutschland angekommen.
Letzteres ist eine der vielen Torheiten, mit denen man sich elegant aus der Verantwortung ziehen will. Gemeinsam mit den USA führt Deutschland statistisch die Hitliste der Amokläufe an und man kann sich wohl kaum dadurch exkulpieren, dass die USA noch vor einem stehen. Des Weiteren fällt auf, dass neben allen Betroffenheitsgesten niemand so recht weiß, was er sagen soll. Die Sprachlosigkeit ist eigentlich der Konsens, denn Vorschläge wie die weitere Verschärfung des Waffengesetzes oder drastische Verbote von Gewaltvideos dringen nicht bis zum Kern. Fragen, die sich auf Motivlagen des Täters, Sozialisationsbrüche und gesellschaftliche Problemlagen beziehen, werden ausgeklammert. Sie sind unangenehm, sie werden beim Trauergottesdienst von der Kanzel aus vielleicht auch einmal angemahnt, aber dann geht man zur Tagesordnung über. Wer die Ereignisse von Erfurt aus dem Jahr 2002 noch präsent hat, der kommt sich vor wie im Kino mit dem Namen Dejà-vu.
Warum greift ein junger Mensch, der erfolgreich eine Schule besucht hat und dem gute Zukunftsprognosen ausgestellt werden, zur Waffe, geht zurück in diese Schule und erlegt regelrecht ehemalige Mitschülerinnen und Lehrerinnen. Warum gerade nur dieses Geschlecht? Was ist dort passiert? Wer hat ihn gekränkt? Hängt es mit der immer wieder wie eine Pestilenz behandelten Frage zusammen, dass die Institution Schule feminisiert wurde und der maskuline Archetypus nicht selten am Pranger steht? War er ein Außenseiter? Welche Signale gab es und wie ging man damit um? Hatte er Menschen, denen er vertraute? Welchen Einfluss hatte seine weitere lokale Umgebung auf seine dramatische Entwicklung?
Es wäre wichtig, sich mit derlei Fragen zu beschäftigen, denn um diese geht es, wenn man sich darum bemüht, die Ursachen für einen alles vernichtenden finalen Schlag gegen sein Umfeld und sich selbst zu finden. Und es wird Zeit, sich der Befindlichkeit der Elternschaft zuzuwenden, um eine zuverlässige Diagnose darüber zu erhalten, wo die Hilflosigkeiten gegenüber tiefen psychischen und sozialen Verletzungen liegen. Im Nachklang zu Erfurt kamen gerade aus den Elternverbänden Forderungslisten an die Schulträger, deren Umsetzung die Schulen in ein Guantanamo oder die Wolfsschanze verwandelt hätten. Und auch gestern sagte die Sprecherin des baden-württembergischen Elternverbandes, ihre große Hoffnung bestünde darin, dass die Kinder aus Winnenden nicht mehr in dieses Gebäude zurück müssten, sondern eine neue Schule bekämen! Angesichts solcher Schussfolgerungen stellt sich die Frage, ob eine Gesellschaft, die keine Lehren zieht, noch die Legitimation hat, von Schulen zu fordern, Stätten des Lernens zu sein.

Warum gerade nur dieses Geschlecht?
„Auffällig ist für die Ermittler, dass die meisten Opfer in der Schule weiblich sind – sieben Schülerinnen und drei Lehrerinnen. Rech: „Ich will daraus aber noch nichts ableiten.“ Eventuell hänge dies mit der Raumsituation zusammen. Allerdings habe der Täter seine Opfer vor allem durch Schüsse in den Kopf getötet – dies zeige, dass er nicht wahllos um sich gefeuert habe.“
So zitiert jedenfalls der Spiegel den Schulleiter. Eigentlich müsste es zu den von dir angesprochenen Auswirkungen des Lernraums psychologische Studien geben… was du schreibst hat sich sehr von den Artikeln anderer abgehoben, weil hier die Stille und die gemeinsame Erfahrung des Fassungslosen deutlicher ist.