Es gehört zu den bemerkenswertesten Phänomenen der Demokratien seit dem bürgerlichen Zeitalter, dass die Frage der Gerechtigkeit sehr oszillierend im öffentlichen Bewusstsein präsent ist. In Zeiten voller Dynamik und mannigfaltigen Entwicklungsperspektiven nehmen die Diskussionen um Gerechtigkeit eine eher nachgeordnete Rolle ein. Geht es vorwärts und aufwärts, dann gehört die Gerechtigkeit zum grundlegenden Repertoire des bürgerlichen Grundverständnisses, mehr aber auch nicht. Die Perspektiven der verschiedenen Klassen und Sozialschichten in Bezug auf den Erwerb von Wohlstand und Teilhabe überlagern emotionale Debatten über den tatsächlich gelebten Faktor von Gerechtigkeit. Die individuelle Aussicht auf den eigenen Fortschritt und die Verbesserung der eigenen Lebenslage generieren Hoffnung. Und eine hoffnungsvolle Stimmung hinsichtlich der eigenen Perspektiven erhöht in erheblichem Maße die Toleranz gegenüber formalen Verletzungen gegen die Gerechtigkeit.
Anders verhält es sich in Situationen der Krise. Löst die Statik die Dynamik ab, werden Perspektiven verschüttet, muss man sich um eine Rückstufung der eigenen Lebensgewohnheiten kümmern, sich einschränken und lang gehegte Pläne zur Seite legen, dann beginnt der Traum von der gerechten Gesellschaft mit aller Macht ins Bewusste wie ins Unterbewusste einzudringen und alles andere zu überlagern. Der Ruf nach Gerechtigkeit, nach formaler Legitimität, nach Authentizität und nach ethischen Werten wird laut und übertönt den bereits gehörten Klang des gesunden Pragmatismus und die Frage nach der persönlichen Relevanz. Plötzlich dominieren Debatten die Gesellschaft, die per se zu keiner Befriedigung führen können. Keine noch so durchdachte politische Maßnahme und keine wie auch immer geartete Gesetzgebung werden nämlich in der Lage sein, das Faktum aus der Welt zu schaffen, dass es eine gerechte Gesellschaft in Rekurs auf das konstitutionelle Ansinnen je geben wird. Es gab sie nie, und es bleibt eine Illusion, dass es sie geben könnte. Die Diversität der in Massengesellschaften assoziierten Individuen ist zu groß, als dass eine Homogenität hergestellt werden könnte, die den hehren Wunsch nicht in sein Gegenteil, den diktatorischen Egalitarismus verkommen ließe.
Letzteres scheint wiederum auf dem Programm vieler zu stehen, die aus der Unzufriedenheit mangels gesellschaftlicher Teilhabe und unproportionaler Verteilungsschübe einen politischen Vorteil zu schlagen. Sie wecken die Illusion, staatlicher Interventionismus und gesetzliche Regulierung wären in der Lage, eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen. Denkt man an Max Webers Satz, dass Politik die Herrschaft der Verwaltung im Alltag ist, dann kann man sich vorstellen, was selbst unter besten Vorzeichen von einer solchen Ausrichtung zu erwarten ist. Nicht die Entmündigung der Bürgerinnen und Bürger und die Herrschaft der wohlmeinenden politischen und Verwaltungseliten sind die Lösung, sondern die Befähigung ersterer zu mehr eigenem Handeln.
Es gehört zum Wesen der Hoffnung, dass ihr ein gewisses Vertrauen auf die eigene Gestaltungsmöglichkeit innewohnt. Dem Wunsch nach Gerechtigkeit hingegen haftet sehr oft eine gewisse Passivität an. Betrachtet man sich den Zustand verschiedener Gesellschaften in der gegenwärtigen Situation, dann ist das Korrelat von etablierter Hoffnung und Wunsch nach Gerechtigkeit ein zuverlässiger Hinweis auf die vorhandenen Entwicklungsperspektiven.
