Archiv für den Monat Februar 2009

Die Lunte schmaucht im Kosovo

Liest man die offizielle Berichterstattung anlässlich des ersten Jahrestages der kosovarischen Unabhängigkeit, traut man zunächst seinen Augen nicht. Da wird beschrieben, dass es längst nicht so schlimm gekommen ist, wie befürchtet, und obwohl fast jeder, der in offiziellen deutschen Diensten in dem neuen Land Europas weilte davon redet, dass Menschen- und Drogenhandel, Zwangsprostitution, Waffenschiebereien etc. zu den Haupterwerbszweigen gehören, wird man nicht müde, die serbische Propaganda als das Schlimmste zu bezeichnen.

Wie in vielen Bereichen der Politik, scheint man in den Strategiezentralen wie Zensurbehörden die Urteilskraft der Bevölkerung hierzulande nicht sonderlich hoch einzuschätzen. Im Umkehrschluss könnte vermutet werden, der Balkan eigne sich einfach nicht für die deutsche Außenpolitik. Denn abgesehen von den beiden desaströsen Verwicklungen deutscher Diplomatie und deutscher Streitkräfte in deren Gefolge in den beiden Weltkriegen des letzten Jahrhunderts, hat wohl niemand etwas gelernt. Als in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts mit dem Sowjetimperium auch das fragile Gebilde des Balkans in Wanken geriet, war es wiederum die deutsche Außenpolitik, die bei der beschleunigten Destabilisierung der Region gierig nach der Federführung griff. Und was die konservativ-liberale Regierung eingeleitet hatte, setzte die sozialdemokratisch-grüne Nachfolgerin nahtlos durch. In einem propagandistischen Feldzug sondergleichen, der bis zum heutigen Tag übrigens anhält, wurde die Kriegsfähigkeit moralisch legitimiert. Es ist eine besondere Tragik, aber letztendlich wurde die analytisch schon lange morbide Friedensbewegung zum Vollstrecker der militärischen Intervention.

Nach dem Bombardement auf Belgrad und der Vertreibung von hunderttausend Serben von ihrem historisch bedeutungsvollen Amselfeld scheint die Welt endlich in Ordnung zu sein. Die Feinde sind ausgemacht und empfindlich geschwächt und die Etablierung von mafiösen Zusammenschlüssen zu international anerkannten Regionalregierungen scheint gelungen zu sein. Von den geschätzten 2,2 Millionen Einwohnern des Kosovo sind lediglich noch 10 Prozent der serbischen Ethnie zuzurechnen. Die Staatsorgane der von den muslimischen Albanern dominierten Republik sind zuverlässig korrupt und die Logistik für in der gesamten EU arbeitenden kriminellen Netzwerke ist sichergestellt.

Auf einem Treffen international agierender Hilfsorganisationen äußerte sich ein gerade aus dem Kosovo kommender Experte im letzten Sommer dahin gehend, dass die EU aus ihren Mitteln jährlich mit 2 Milliarden Euro eine Regierung subventioniere, die als kriminelles Konglomerat bezeichnet werden müsse. Um diese Erkenntnis zu verhindern, würde mittels strengster Zensur, die bis in die öffentlich-rechtlichen Anstalten reiche, der Mantel des Schweigens über den Krisenherd gelegt. Und als der Experte wieder Platz genommen hatte, betrat ein offizieller Vertreter des Kosovo das Podium und warb um EU-Gelder, denn sonst, so der gewandte junge Mann, könne niemand sagen, was aus dem Kosovo in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren werden würde. Der Experte der Hilfsorganisation, der bereits wieder im Publikum saß, antwortete, deutlich vernehmbar für einen großen Kreis der Zuhörerschaft um ihn herum: Doch, mein Freund, der Kosovo wird wieder serbisch sein, da bin ich mir ganz sicher!

Da ist man dann doch froh, dass das eigene Land schon immer gut aufgestellt war, zumindest in der Außenpolitik, und ganz besonders auf dem Balkan.

Morton Ramsland: Hundsköpfe

Romane aus Skandinavien, die in den letzten 20 Jahren ins Deutsche übersetzt wurden, kommen selten daher als solides Handwerk aus einem nahen, artverwandten Kulturkreis, sondern als klirrende Botschaften, die das gesetzte Bild unserer Nordnachbarn gehörig ins Wanken bringen. Meist bleibt nicht viel von der Vorstellung, unsere skandinavischen Nachbarn seien aufgeklärte, zurückhaltend lebende Völker mit einer gesetzten, demokratischen Tradition, überdimensionierter Toleranz und einem impliziten Hang zur Avantgarde.

Der in Dänemark lebende und 1971 geborene Morten Ramsland hat mit dem im Jahr 2005 erschienen Roman Hundsköpfe ein weiteres Verfremdungswerk aus Skandinavien auf den Markt gebracht, das – ähnlich wie die Populärmusik aus Witula in Schweden – bei heimischem Publikum Kultstatus erreichte und bei uns zum Geheimtipp für Liebhaber des literarisch Skurrilen wurde.

Im Grunde erzählt Ramsland eine Familiengeschichte, die zur Zeit der deutschen Besatzung in Norwegen beginnt und Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts endet. Die Handlung umfasst die Familienbande von fünf Generationen, verwoben durch Schicksal und Unvermeidliches, magische Geschichten und irrationale Wendepunkte. Großvater Askild, einer der Protagonisten, schmuggelt und bestiehlt die deutschen Besatzer, um Geld für die Heirat mit einer Tochter aus höherem Hause zu beschaffen, wird gefasst, landet in einem deutschen KZ, kann unter mysteriösen Umständen fliehen und kehrt traumatisiert zurück. Ihm gelingt es, die Frau seiner Liebe zu gewinnen, aber er entpuppt sich als ein zerstörter Mensch, der zeit seines Lebens vom Alkoholismus begleitet wird. Als Schiffskonstrukteur scheitert er, weil er die Konstruktionszeichnungen immer wieder mit kubistischen Extravaganzen versieht, an denen alle Schmiede scheitern. So wandert er samt junger Familie von Werft zu Werft in Norwegen bis letztendlich Dänemark, alle durchleben das psychopathische Rondo immer wieder, dazwischen liegen die Kindheitssozialisationen der Nachkommen, die nur so von abstrusen Entwicklungen und tragischen Wendungen strotzen. Einen Teil zieht es zur Seefahrt, und diese Figuren tauchen wie die schwarzen Reiter immer mal wieder auf, übersät mit Tätowierungen und Papageien auf der Schulter, trunken oder fleischeslüstern, um gleich darauf von den Wellen in die imaginäre Exotik zurück getragen zu werden. Diejenigen, die in dem wie auch immer gearteten „daheim“ geblieben sind, das sich lediglich als zuverlässiges Provisorium entpuppt, durchleben die unerträgliche Enge der Provinz, mit ihrem Schein, ihrer Habsucht, ihrem Frevel und ihrer Brutalität.

Das einzige, was dieses Ensemble von-einander-weg strebender Individuen zusammenhält, sind die episodenhaften Geschichten, die von den einzelnen Familienangehörigen erzählt werden, ohne immer mit den Tatsachen kongruent zu sein. Aber sie setzen einen Sinn, der das Zusammensein begründet. Erst der letzten Generation gelingt es, das Brüchige der tradierten Lebenslüge zu enttarnen, ohne dass es ihnen damit besser ginge. Als die Alten sterben, lüftet sich die Wahrheit und es blitzt so etwas auf, wie eine letzte Verbundenheit, die sich aus einer vermeintlichen Erinnerung nährt. Ein Grund für eine gemeinsame Zukunft findet sich jedoch nicht und es kommt einem alles nur vor wie ein böser Rausch, von dem da erzählt wurde, aus einem Teil der Erde, der das halbe Jahr im Dunkeln liegt.

Robert Sarwono erzählt eine Geschichte

Ich lernte meinen Freund Robert Sarwono in Jakarta kennen. Der gebürtige Indonesier ist wie viele seiner Landsleute ein weiser Mensch. In meinen Jahren in Jakarta führte uns unsere gemeinsame Leidenschaft, das Saxophon, zusammen und wir spielten öfters zusammen. Damals hatte er ein Export- und Importunternehmen, seit einigen Jahren lebt er in Los Angeles und legt sich krumm, damit sein Sohn dort Informatik studieren kann. Wir haben immer noch Kontakt und gestern erreichte mich wieder ein Mail. Wie immer, wenn Indonesier komplexe Zusammenhänge erläutern wollen, erzählen sie eine Geschichte. Roberts Nachricht hatte die Weltwirtschaftskrise zum Thema und er fasste deren Erklärung in seine eigenen Worte und erzählte folgendes:

„Eines Tages tauchte in einem Dorf auf dem Land ein Händler auf, der den Bauern sagte, er suche Affen, und für jedes Exemplar, dass sie ihm fingen, sei er bereit, 10 $ zu zahlen. Da es in der Gegend unzählige Affen gab, begannen die Bauern sofort und fingen jeden Affen, dessen sie habhaft wurden. Der Händler nahm ihnen die Affen zu dem vereinbarten Preis ab und forderte die Bauern auf, ihm noch mehr zu bringen, denn er benötigte viele.

Die Bauern merkten bald, dass die Affen in ihrer Gegend bereits sehr dezimiert waren und als intelligente Wesen zudem begriffen hatten, dass es für sie gefährlich geworden war und es ungleich schwerer wurde, die wenigen noch verbliebenen Affen zu fangen. Die Bauern erklärten dem Händler, wie schwer es doch geworden sei, überhaupt noch Affen zu fangen und dieser erklärte sich bereit, für jeden neuen, frischen Affen die Summe von 20 $ zu zahlen. So dauerte es nicht lange, bis auch die letzten Affen gefangen und an den Händler verhökert waren und auch das Angebot des Händlers, nunmehr 25 $ pro Exemplar zu bezahlen, führte nicht dazu, dass die Bauern sich noch ein Zubrot verdienen konnten. Wenn sie Glück hatten, sahen sie vereinzelt noch einen Affen, aber fangen ließen sie sich nicht mehr.

In dieser Situation rief der Händler die Bauern wieder zusammen und erklärte ihnen, er müsse zu einem wichtigen Geschäft in die nächste Hafenstadt. Die Geschäftsbeziehung mit ihnen ginge aber weiter und er böte nunmehr 50 $ pro gefangenen Affen. Er stellte den Bauern einen Geschäftspartner vor, der als Ansprechpartner in der Gegend blieb.

Kaum war der Händler aus der Gegend verschwunden, trommelte sein Partner die Bauern abermals zusammen und führte sie zu einer Lichtung hinter den Reisfeldern, wo in großen Käfigen alle Affen gehalten wurden, die die Bauern bis dahin für den Händler gefangen hatten. Und der kluge Mann schlug den Leuten mit einem Augenzwinkern vor, ihm die Affen zum Preis von 35 $ abzukaufen, damit sie sie dem nichts ahnenden Händler nach dessen Rückkehr für 50 $ pro Schwanz, wie man sie in Indonesien zählt, zurück veräußern und ein sattes Geschäft machen könnten. Nach aufgeregter Beratung gingen die Bauern auf das Angebot ein, kratzten ihr letztes Geld zusammen oder liehen sich welches und kauften die riesige Affenmenge zurück.

Nach diesem Geschäft verschwand der Geschäftspartner des Händlers und auch der Händler selbst kehrte nie zurück, solange die Bauern auch warteten. Von da an lebten die Bauern wieder in einer extrem affenreichen Gegend, sie konnten sich aber an deren Anblick nicht mehr erfreuen, denn sie hatten ihr ganzes Geld verschlungen und so manch eine treue Seele in die Schuldknechtschaft gezwungen.“

Ich habe Robert Sarwono zurück geschrieben und ihm einen hohen wirtschaftsanalytischen Sachverstand bescheinigt. Und wie so oft hat der kluge Robert nur mit einem schelmischen Lächeln geantwortet.