Furore in der Grande Nation

Ob Anständigkeit eine revolutionäre Tugend ist, das wurde nicht zu Unrecht schon zu Urzeiten des Aufstands bezweifelt. Vor allem im Mutterland der bürgerlichen Revolution ging es immer etwas derb, etwas korrupt und auch sehr utilitaristisch zu. Robespierre, Danton oder Marat, das waren Machtmenschen, die ohne große Manierismen holten, was ihnen aus ihrer Sicht zustand. Umso wundersamer, dass ein Begriff wie der Anstand in den letzten Wochen in der Lage war, Millionen Franzosen in den Streik und auf die Straße zu bringen.

Vielleicht hat ja auch die Personifizierung zuweilen eine mobilisierende Kraft, denn das, was die Franzosen derzeit so aufregt, ist die Unanständigkeit des Präsidenten. Sarkozy heißt das Zauberwort der Massenmobilisierung, weil eben dieser Präsident ins Amt kam, um die französische Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Bei all dem Fortune, das dieser Sohn eines ungarischen Einwanderers in seinem Leben schon hatte, mutet es schon fast an wie ein lauer Zug der Gerechtigkeit, dass er gerade auf dem Feld, wo er sich kompetent fühlt, mit einer Weltwirtschaftskrise konfrontiert wird, für die und für deren Dimension er nun wirklich nichts kann.

Unsere mal heißblütigen, mal nonchalanten Nachbarn würden ihn wohl dafür auch nicht verantwortlich machen, wenn er nicht genau so reagiert hätte, wie das die Seele der Grande Nation gar nicht so gern hat: Sarkozy verfolgt eine Sanierungspolitik, die als höchst ungerecht erlebt wird. Die milliardenschwere Subventionierung von Unternehmen geht einher mit Entlassungen und Lohnsenkungen, und das geht nun mal nicht, wenn man die Egalité mit der Muttermilch schon ins Schnäbelchen geträufelt bekommen hat. Was dem deutsche Michel jenseits des Zauns im Osten erst gar nicht auffällt, reicht in Paris, um den Ausnahmezustand auszurufen.

Frankreich, das sich immer in einer gewissen Sonderrolle gefiel, es aber nicht undurchdacht selbst als eigene Identität versteht, hat sein eigenes Konzept von einem Staat und wie er funktioniert. Die Republik ist sozialistischer in Bezug auf die politische Administration der Wirtschaft und kapitalistisch-libertärer hinsichtlich der bürgerlichen Freiheiten. Der Staat als Regulator der bürgerlichen Existenz ist derart verpönt, dass viele politische Analogien mit Ländern wie der Bundesrepublik nie möglich werden.

Das Burschikose, die Verliebtheit in die Raffinesse, das mögen unsere liebenswerten Nachbarn hingegen sehr, und deshalb wurde es auch möglich, dass so ein ungarischer Husar wie Nicolas Sarkozy gar Präsident wurde. Nur verkauft er das, was er macht, ohne den Bezug zur Fraternité und Egalité, und das wird ihm letztendlich zum Verhängnis werden. Man stelle sich vor: als die CGT den Streik gegen die Unanständigkeit des Herrn Präsidenten ausrief, da lag plötzlich auch der Handel an der Börse still. Nicht, weil die Börsianer vor den Streikenden geflohen waren, nein, sie reihten sich ein und protestierten mit!