Liest man die offizielle Berichterstattung anlässlich des ersten Jahrestages der kosovarischen Unabhängigkeit, traut man zunächst seinen Augen nicht. Da wird beschrieben, dass es längst nicht so schlimm gekommen ist, wie befürchtet, und obwohl fast jeder, der in offiziellen deutschen Diensten in dem neuen Land Europas weilte davon redet, dass Menschen- und Drogenhandel, Zwangsprostitution, Waffenschiebereien etc. zu den Haupterwerbszweigen gehören, wird man nicht müde, die serbische Propaganda als das Schlimmste zu bezeichnen.
Wie in vielen Bereichen der Politik, scheint man in den Strategiezentralen wie Zensurbehörden die Urteilskraft der Bevölkerung hierzulande nicht sonderlich hoch einzuschätzen. Im Umkehrschluss könnte vermutet werden, der Balkan eigne sich einfach nicht für die deutsche Außenpolitik. Denn abgesehen von den beiden desaströsen Verwicklungen deutscher Diplomatie und deutscher Streitkräfte in deren Gefolge in den beiden Weltkriegen des letzten Jahrhunderts, hat wohl niemand etwas gelernt. Als in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts mit dem Sowjetimperium auch das fragile Gebilde des Balkans in Wanken geriet, war es wiederum die deutsche Außenpolitik, die bei der beschleunigten Destabilisierung der Region gierig nach der Federführung griff. Und was die konservativ-liberale Regierung eingeleitet hatte, setzte die sozialdemokratisch-grüne Nachfolgerin nahtlos durch. In einem propagandistischen Feldzug sondergleichen, der bis zum heutigen Tag übrigens anhält, wurde die Kriegsfähigkeit moralisch legitimiert. Es ist eine besondere Tragik, aber letztendlich wurde die analytisch schon lange morbide Friedensbewegung zum Vollstrecker der militärischen Intervention.
Nach dem Bombardement auf Belgrad und der Vertreibung von hunderttausend Serben von ihrem historisch bedeutungsvollen Amselfeld scheint die Welt endlich in Ordnung zu sein. Die Feinde sind ausgemacht und empfindlich geschwächt und die Etablierung von mafiösen Zusammenschlüssen zu international anerkannten Regionalregierungen scheint gelungen zu sein. Von den geschätzten 2,2 Millionen Einwohnern des Kosovo sind lediglich noch 10 Prozent der serbischen Ethnie zuzurechnen. Die Staatsorgane der von den muslimischen Albanern dominierten Republik sind zuverlässig korrupt und die Logistik für in der gesamten EU arbeitenden kriminellen Netzwerke ist sichergestellt.
Auf einem Treffen international agierender Hilfsorganisationen äußerte sich ein gerade aus dem Kosovo kommender Experte im letzten Sommer dahin gehend, dass die EU aus ihren Mitteln jährlich mit 2 Milliarden Euro eine Regierung subventioniere, die als kriminelles Konglomerat bezeichnet werden müsse. Um diese Erkenntnis zu verhindern, würde mittels strengster Zensur, die bis in die öffentlich-rechtlichen Anstalten reiche, der Mantel des Schweigens über den Krisenherd gelegt. Und als der Experte wieder Platz genommen hatte, betrat ein offizieller Vertreter des Kosovo das Podium und warb um EU-Gelder, denn sonst, so der gewandte junge Mann, könne niemand sagen, was aus dem Kosovo in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren werden würde. Der Experte der Hilfsorganisation, der bereits wieder im Publikum saß, antwortete, deutlich vernehmbar für einen großen Kreis der Zuhörerschaft um ihn herum: Doch, mein Freund, der Kosovo wird wieder serbisch sein, da bin ich mir ganz sicher!
Da ist man dann doch froh, dass das eigene Land schon immer gut aufgestellt war, zumindest in der Außenpolitik, und ganz besonders auf dem Balkan.
