Robert Sarwono erzählt eine Geschichte

Ich lernte meinen Freund Robert Sarwono in Jakarta kennen. Der gebürtige Indonesier ist wie viele seiner Landsleute ein weiser Mensch. In meinen Jahren in Jakarta führte uns unsere gemeinsame Leidenschaft, das Saxophon, zusammen und wir spielten öfters zusammen. Damals hatte er ein Export- und Importunternehmen, seit einigen Jahren lebt er in Los Angeles und legt sich krumm, damit sein Sohn dort Informatik studieren kann. Wir haben immer noch Kontakt und gestern erreichte mich wieder ein Mail. Wie immer, wenn Indonesier komplexe Zusammenhänge erläutern wollen, erzählen sie eine Geschichte. Roberts Nachricht hatte die Weltwirtschaftskrise zum Thema und er fasste deren Erklärung in seine eigenen Worte und erzählte folgendes:

„Eines Tages tauchte in einem Dorf auf dem Land ein Händler auf, der den Bauern sagte, er suche Affen, und für jedes Exemplar, dass sie ihm fingen, sei er bereit, 10 $ zu zahlen. Da es in der Gegend unzählige Affen gab, begannen die Bauern sofort und fingen jeden Affen, dessen sie habhaft wurden. Der Händler nahm ihnen die Affen zu dem vereinbarten Preis ab und forderte die Bauern auf, ihm noch mehr zu bringen, denn er benötigte viele.

Die Bauern merkten bald, dass die Affen in ihrer Gegend bereits sehr dezimiert waren und als intelligente Wesen zudem begriffen hatten, dass es für sie gefährlich geworden war und es ungleich schwerer wurde, die wenigen noch verbliebenen Affen zu fangen. Die Bauern erklärten dem Händler, wie schwer es doch geworden sei, überhaupt noch Affen zu fangen und dieser erklärte sich bereit, für jeden neuen, frischen Affen die Summe von 20 $ zu zahlen. So dauerte es nicht lange, bis auch die letzten Affen gefangen und an den Händler verhökert waren und auch das Angebot des Händlers, nunmehr 25 $ pro Exemplar zu bezahlen, führte nicht dazu, dass die Bauern sich noch ein Zubrot verdienen konnten. Wenn sie Glück hatten, sahen sie vereinzelt noch einen Affen, aber fangen ließen sie sich nicht mehr.

In dieser Situation rief der Händler die Bauern wieder zusammen und erklärte ihnen, er müsse zu einem wichtigen Geschäft in die nächste Hafenstadt. Die Geschäftsbeziehung mit ihnen ginge aber weiter und er böte nunmehr 50 $ pro gefangenen Affen. Er stellte den Bauern einen Geschäftspartner vor, der als Ansprechpartner in der Gegend blieb.

Kaum war der Händler aus der Gegend verschwunden, trommelte sein Partner die Bauern abermals zusammen und führte sie zu einer Lichtung hinter den Reisfeldern, wo in großen Käfigen alle Affen gehalten wurden, die die Bauern bis dahin für den Händler gefangen hatten. Und der kluge Mann schlug den Leuten mit einem Augenzwinkern vor, ihm die Affen zum Preis von 35 $ abzukaufen, damit sie sie dem nichts ahnenden Händler nach dessen Rückkehr für 50 $ pro Schwanz, wie man sie in Indonesien zählt, zurück veräußern und ein sattes Geschäft machen könnten. Nach aufgeregter Beratung gingen die Bauern auf das Angebot ein, kratzten ihr letztes Geld zusammen oder liehen sich welches und kauften die riesige Affenmenge zurück.

Nach diesem Geschäft verschwand der Geschäftspartner des Händlers und auch der Händler selbst kehrte nie zurück, solange die Bauern auch warteten. Von da an lebten die Bauern wieder in einer extrem affenreichen Gegend, sie konnten sich aber an deren Anblick nicht mehr erfreuen, denn sie hatten ihr ganzes Geld verschlungen und so manch eine treue Seele in die Schuldknechtschaft gezwungen.“

Ich habe Robert Sarwono zurück geschrieben und ihm einen hohen wirtschaftsanalytischen Sachverstand bescheinigt. Und wie so oft hat der kluge Robert nur mit einem schelmischen Lächeln geantwortet.