Post von Obama

Im September und Oktober letzten Jahres kam ich in den Genuss des Privilegs in New York City und einigen Neuenglandstaaten Zeuge der Präsidentschaftswahlkampfes zu werden. Insgesamt war das eine sehr interessante Erfahrung, vor allem vor dem Hintergrund der kleinteiligen und eher nuancierten Wahlkampagnen hier in Deutschland. Zu den markanten Erkenntnissen gehörte, dass es sich um strategische Fragen handelte, d.h. Grundlinien der Politik, die die beiden Rivalen den Wählerinnen und Wählern zur Entscheidung vorlegten. Sie waren zwar in der Lage, diese Grundlinien anhand praktischer Beispiele zu erklären. Letztere standen aber nie für sich oder ersetzten die Diskussion über das Grundsätzliche. Das ist wohl der Unterschied zwischen einer gesetzten Demokratie und einer detailverliebten Verwaltungsmentalität in einem demokratischen Korsett.

Zum Zweiten fiel natürlich auf, dass Barack Obama nicht nur ein charismatischer Redner ist, sondern seine von David Axelrod gesteuerte Wahlkampfmaschine das Modernste ist, was derzeit die Welt zu bieten hat. Den Wahlkampfstrategen ist es gelungen, ein Kommunikations- und Mobilisierungsnetz aufzubauen, das seinesgleichen sucht. Und wer sich einmal mit seiner Emailadresse einträgt, der bekommt regelmäßig Post von Obama persönlich. So ging es auch mir.

Glaubte ich zunächst, dass es sich um eine zeitlich begrenzte Wahlkampfangelegenheit handelte, so wurde ich nach der Wahl Obamas zum Präsidenten der USA eines Besseren belehrt. Obama kommuniziert weiter mit den Bürgerinnen und Bürgern und seinen Unterstützern. Nach der Wahl hat er sich bei mir artig bedankt, dann seine nächsten Schritte erklärt, Michelle wünschte mir persönlich frohe Weihnachten und alles Gute für das Neue Jahr. Dann wurde ich zur Inauguration nach Washington eingeladen und seit der Amtseinführung bin ich a jour über die einzelnen politischen Handlungen des neuen Präsidenten.

Im neuesten Brief äußert sich der Präsident über die dramatische wirtschaftliche Krise und was er dagegen zu tun gedenkt. Er weist darauf hin, dass die Lage zu ernst sei, um in Parteienlagern zu denken und dass er die guten Ideen von Republikanern wie Demokraten bereits aufgenommen habe. Er beschreibt des weiteren das gesetzliche Prozedere des Genesungsplans für die amerikanische Wirtschaft. Wichtig scheint auch die Bemerkung, dass ein psychologischer Prozess, der das Vertrauen wieder herstellen soll, von Transparenz und einem Maß an Rechtschaffenheit, Vertrauenswürdigkeit und Verlässlichkeit erarbeitet werden muss, das leider verloren gegangen sei. Und dann folgt der Satz, dass ich als Empfänger dazu beitragen kann, dass die Maßnahmen Wirkung zeigen, indem ich meinen Freunden, meiner Familie und meinen Nachbarn erklären kann, welche Auswirkungen der Genesungsplan für die amerikanische Wirtschaft auf sie konkret hat. Es werden dann Links genannt, wo ich mich weiter schlau machen und Fragen stellen kann, die nicht nur beantwortet, sondern auch in den politischen Hearings zu den Gesetzentwürfen eine Rolle spielen werden. Und dann schließt der neue Präsident, dass er weiß, wie sehr er sich auf meine Unterstützung verlassen kann, und dass wir gemeinsam unser Land wieder auf den richtigen Weg bringen werden.

Ich werde Präsident Obama natürlich nicht verraten, dass ich gar kein US-Bürger bin und im fernen Deutschland sitze. Denn ich muss zugeben, dass mich diese Art von Ansprache regelrecht bewegt und den Glauben an die Politik sogar wieder ein bisschen herstellt. Und Obamas elektronische Nachricht wirkt wie eine Flaschenpost, die man mit bloßen Fingern aus dem Eismeer der Geschichte fischt.