Zur Morgenröte

Manchmal reicht ja schon die Morgenlektüre einer überregionalen Zeitung, um in einen Zustand schlimmer Depression oder großen Missmuts versetzt zu werden. Heute war so ein Tag. Es begann mit der Seite Eins, auf der zu lesen war, dass Deutschland sich zu einem Premiumziel des internationalen, islamistisch motivierten Terrorismus etabliere. Die Nachricht ist schon schlimm, aber die Textinformationen waren weitaus verdrießlicher. Zum einen wurde Oskar Lafontaine zitiert, der in Manier eines Besserwissers dozierte, das habe man nun davon, wenn man sich mit den Streitkräften unaufgefordert in Afghanistan herumtreibe. Der Mann, der sich in besseren Zeiten gerne den Napoleon von der Saar nennen ließ, sollte bedenken, dass der Korse der europäischen Zivilisation den Code Civil hinterlassen hat, während von ihm wohl nur eine Erinnerung an den Sozialneid und den Hasenfuß im Gedächtnis bleiben wird. Zum anderen meldete sich dann noch der Fraktionsvorsitzende der CDU zu Wort, der ein Ebenmaß an Verantwortungslosigkeit zur Schau stellte, indem er darauf hinwies, die Bundesrepublik habe mit den Guantanamo-Häftlingen nichts zu tun, die sollten woanders hin. Er reihte sich damit in die Politik eines Franz-Josef Strauß ein, der in den achtziger Jahren verhindern wollte, dass zum Tode verurteilte Demokraten aus dem fernen Chile hier in unserer Musterdemokratie ein Asyl bekämen.

Es ging lustig weiter, denn bis in die CDU meint man nun, dass Banken wie die Hypo Real Estate, die sich total verzockt und mittlerweile 92 Milliarden Euro Staatssubventionen inhaliert hat, jetzt eigentlich nur noch verstaatlicht werden könne. Gleichzeitig tönt es aus der Sozialdemokratie, dass man die Stromnetze ebenfalls verstaatlichen soll. Das alles ist ungeheuer beruhigend, denn man kann sich vorstellen, wie ein provinzieller Beamtenapparat der Weltwirtschaft die Stirn bieten wird. Hinzu kamen Meldungen über systematische Bespitzelungen bei der Deutsche Bahn AG, deren Vorstandsvorsitzender sich damit verteidigte, dass man auch nicht mehr observiert habe als woanders.

Und ebenfalls wurde dem Leser noch einmal die Meldung unterbreitet, dass sich der türkische Ministerpräsident Erdogan auf dem Davoser Weltwirtschaftsgipfel wie ein Rabauke aufgeführt hatte und von Tausenden seiner Landsleute mit wehenden Fahnen und dem Slogan „Welt, schaue auf diesen Mann“ am Istanbuler Flughafen frenetisch bejubelt wurde.

Irgendwann warf ich die Zeitung von mir und folgte einer Einladung. In einer Gaststätte meiner Stadt wurde das Jubiläum eines älteren Ehepaares gefeiert. Das Lokal liegt in einem großen Arbeiterstadtteil und steht für gute Qualität. Beim Betreten der Gaststätte passiert man zunächst eine Wursttheke, die zeigt, dass dort in der Woche Arbeiter aus dem gegenüberliegenden Autowerk sich verproviantieren. Im eigentlichen Lokal geht es rustikal zu, aber nicht zu sehr. Das Personal ist ausgesprochen freundlich und hat seinen Beruf gelernt. Die Speisen waren ausnehmend gut und verdienen sich das positive Attribut einer deutschen Traditionsküche, die in einem vernünftigen Preis-Leistungsverhältnis steht. Die Gäste waren gut, aber nicht übertrieben gekleidet, sie waren nett zueinander und man merkte, dass man es mit Menschen zu tun hatte, die sich gegenseitig respektierten, weil sie wissen, wie schwer das zu leistende Dasein sein kann. Kurz, es war das Erlebnis eines Zivilisationsgrades, den ich so sehr bei der Zeitungslektüre vermisst hatte. Deswegen heißt das Lokal wohl auch Morgenröte.