Wenn Zustände außer Kontrolle geraten, bieten sich mehrere Möglichkeiten, um auf die Entwicklung zu reagieren. Man kann versuchen herauszufinden, welche Ursachen die treibende Kraft sind, man kann sich dann überlegen, ob eine Kontrolle überhaupt noch sinnvoll ist oder man kann Szenarien entwickeln, in denen neue Akteure einen sinnvollen Umgang mit der Entwicklung wahrscheinlich werden lassen. Das Unsinnigste von allem aber ist die Ausblendung aller kognitiven Fähigkeiten und der reflexartige Versuch, die Kontrolle zu behalten, egal, was passiert.
Letzteres scheint die Maxime der Großen Koalition zu sein. Nur bei der Andeutung einer Veränderung setzen bei deren Mitgliedern schon die ersten Phantomschmerzen in Sachen Kontrollverlust ein. Als Agenten einer bereits in wesentlichen Teilen entmündigten Gesellschaft rufen sie bereits in der Genese einer Innovation nach den bewährten Mechanismen der staatlichen Kontrolle. Wenn es geht, hier eine neue Verordnung, dort ein neues Gesetz, hier eine neue Behörde und dort eine neue, alles regelnde Instanz. Der Staat als totalitärer Begriff zentralisierten Managements aller Lebenslagen ist auf dem Vormarsch, oder, anders ausgedrückt, die leitende Staatsphilosophie der DDR erlebt passend zum 20jährigen Jubiläum ihres Untergangs eine Renaissance, mit der kein ernst zu nehmender Zeitgenosse gerechnet hat.
Da liegt man nachts im Bett und denkt wehmütig an die aufklärerischen Zeiten, in denen Goethe seinen Mephistopheles noch unzensiert sagen lassen konnte: „Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht, denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“ Nein, heute hat der regulierende Dogmatismus alles auf der Inventurliste, und wehe der Geschichte, wenn sie etwas davon verschwinden lassen will! Selbst Unternehmen und Banken, die einst die Freiheit genossen, sich in einem Konkurrenzverhältnis beweisen zu müssen, werden alle Zähne gezogen und Krallen kupiert, damit sie ihr alimentiertes Schattendasein unter staatlicher Aufsicht fortsetzen können.
Die höllische Mischung aus Zonensozialisation hier und Staatsmonopolphilosophie da treibt es nun auf die Spitze, in dem die in kaum einem Zivilberuf mehr aufgewachsenen Apparatschiks der Bundesrepublik nicht nur den Staat, sondern auch die Wirtschaft in ihre verdorbenen Hände nehmen. Nicht genug, dass man in Form der Landesbanken schon zur genüge bewiesen hat, wie korrupt, anmaßend und unfähig man ist, nein, jetzt kauft man sich sogar schon in Privatbanken ein, um sie in der schnellst möglichen Halbwertzeit auf den Hund zu bringen.
Kaum ein Wort kann den Zustand mehr beschreiben, in dem sich das vermeintliche Krisenmanagement der Bundesregierung derzeit befindet, da wälzen sich, wie leider allzu oft, Größenwahn und Minderwertigkeit auf ein und dem selben Laken und zeugen hektisch eine neue Seuche: Die des Etatismus. Und da helfen bald auch keine Wahlen mehr, sondern nur noch ein Eingriff drastischer Pest Control, am besten mit der Aufschrift „Wir sind das Volk!“
