Archiv für den Monat Januar 2009

Seuchengefahr: Etatismus auf dem Vormarsch

Wenn Zustände außer Kontrolle geraten, bieten sich mehrere Möglichkeiten, um auf die Entwicklung zu reagieren. Man kann versuchen herauszufinden, welche Ursachen die treibende Kraft sind, man kann sich dann überlegen, ob eine Kontrolle überhaupt noch sinnvoll ist oder man kann Szenarien entwickeln, in denen neue Akteure einen sinnvollen Umgang mit der Entwicklung wahrscheinlich werden lassen. Das Unsinnigste von allem aber ist die Ausblendung aller kognitiven Fähigkeiten und der reflexartige Versuch, die Kontrolle zu behalten, egal, was passiert.

Letzteres scheint die Maxime der Großen Koalition zu sein. Nur bei der Andeutung einer Veränderung setzen bei deren Mitgliedern schon die ersten Phantomschmerzen in Sachen Kontrollverlust ein. Als Agenten einer bereits in wesentlichen Teilen entmündigten Gesellschaft rufen sie bereits in der Genese einer Innovation nach den bewährten Mechanismen der staatlichen Kontrolle. Wenn es geht, hier eine neue Verordnung, dort ein neues Gesetz, hier eine neue Behörde und dort eine neue, alles regelnde Instanz. Der Staat als totalitärer Begriff zentralisierten Managements aller Lebenslagen ist auf dem Vormarsch, oder, anders ausgedrückt, die leitende Staatsphilosophie der DDR erlebt passend zum 20jährigen Jubiläum ihres Untergangs eine Renaissance, mit der kein ernst zu nehmender Zeitgenosse gerechnet hat.

Da liegt man nachts im Bett und denkt wehmütig an die aufklärerischen Zeiten, in denen Goethe seinen Mephistopheles noch unzensiert sagen lassen konnte: „Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht, denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“ Nein, heute hat der regulierende Dogmatismus alles auf der Inventurliste, und wehe der Geschichte, wenn sie etwas davon verschwinden lassen will! Selbst Unternehmen und Banken, die einst die Freiheit genossen, sich in einem Konkurrenzverhältnis beweisen zu müssen, werden alle Zähne gezogen und Krallen kupiert, damit sie ihr alimentiertes Schattendasein unter staatlicher Aufsicht fortsetzen können.

Die höllische Mischung aus Zonensozialisation hier und Staatsmonopolphilosophie da treibt es nun auf die Spitze, in dem die in kaum einem Zivilberuf mehr aufgewachsenen Apparatschiks der Bundesrepublik nicht nur den Staat, sondern auch die Wirtschaft in ihre verdorbenen Hände nehmen. Nicht genug, dass man in Form der Landesbanken schon zur genüge bewiesen hat, wie korrupt, anmaßend und unfähig man ist, nein, jetzt kauft man sich sogar schon in Privatbanken ein, um sie in der schnellst möglichen Halbwertzeit auf den Hund zu bringen.

Kaum ein Wort kann den Zustand mehr beschreiben, in dem sich das vermeintliche Krisenmanagement der Bundesregierung derzeit befindet, da wälzen sich, wie leider allzu oft, Größenwahn und Minderwertigkeit auf ein und dem selben Laken und zeugen hektisch eine neue Seuche: Die des Etatismus. Und da helfen bald auch keine Wahlen mehr, sondern nur noch ein Eingriff drastischer Pest Control, am besten mit der Aufschrift „Wir sind das Volk!“

Same Old Story: Die Palästinenser als Geisel

Es kam, wie es kommen musste, nachdem die Hamas bei den letzten Parlamentswahlen im Gazastreifen die Mehrheit für sich gewonnen hatten, bereiteten sie zielgerichtet neue Attacken gegen Israel vor. Pünktlich zum Jahreswechsel dann feuerten sie Raketen auf israelisches Gebiet ab. Mit einer Reichweite von mehr als 30 Kilometer in israelisches Territorium hinein war eine neue Dimension der Bedrohung für Israel erschlossen und Gegenschläge ließen nicht lange auf sich warten.

Die Reaktion auf diese Gegenschläge eskalierte in der muslimischen Welt, als bekannt wurde, dass sich unter den Zielen der israelischen Attacken auch eine Moschee befand. Als Faktum an sich lässt eine solche Tatsache sehr wohl Zweifel an dem Fingerspitzengefühl einer Armee zu, bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass die Perfidie der Hamas keine Grenzen kennt, denn der Vorfall war bewusst inszeniert. Besagte Moschee diente als Waffenlager. Die moralische Legitimation der Hamas hat unter diesem Vorfall genauso gelitten wie die Installierung so genannter menschlicher Schutzschilder, indem Krankenhäuser und Schulen als Zentren der Aggression etabliert werden, ohne den Betrieb einzustellen.

Dass die israelische Armee sich dessen bewusst ist zeigt sich daran, dass jede Attacke mindestens eine halbe Stunde vorher angemeldet wird, mit genauer Angabe des Zeitpunktes und des Ortes. Die Reaktion der Hamas bestand bis jetzt darin, an genau jene Orte Frauen und Kinder zu bringen, um die Kollateralverluste an Zivilisten exorbitant in die Höhe zu treiben. Da stellt sich nur noch rhetorisch das Problem, wem die moralische Entrüstung zu gelten hat.

Letztendlich geht es um die alte Frage, ob Israel wie Palästina als Nation ein Existenzrecht zugestanden wird. Gesteht man ein solches Israel zu, dann hat es ein verbrieftes Recht auf Selbstverteidigung und diese muss mit dem Meer im Rücken stets so konsequent aussehen, wie dieses derzeit zu beobachten ist. Ein freies Palästina hingegen ist nicht nur wegen der Stärke Israels von der Nationenbildung sehr weit entfernt, sondern auch wegen der eigenen desolaten Disposition.

Solange die Begründung einer eigenen Nation mit dem Junktim verknüpft ist, den Nachbarstaat, der zudem zumindest in der abendländischen Hemisphäre fest verankert ist, ist die Hypothek schon sehr hoch. Kommt noch hinzu, wie seit Jahrzehnten zu beobachten, sich durch die vermeintliche Fürsprache Dritter instrumentalisieren zu lassen, wie durch die Hamas, die Hisbollah, den Iran, Syrien, Jordanien oder arabische Wüstenstaaten, dann ist die Existenz als Geisel gesicherter als die einer freien Nation. Und dieses ist leider wieder geschehen. Palästinenser, die nie eine Waffe in der Hand hatten oder besaßen, zahlen im Gazastreifen derzeit den Zoll für eine hybride Destruktionspolitik radikalisierter Kräfte, deren Ziel die Liquidation und sonst nichts ist. Der gewählte Präsident der Palästinenser im Gazastreifen, Mahmud Abbas, sitzt in Ramallah wie ein entmachteter Landrat, der nicht einmal mehr das Profil einer politischen Geisel hat.

Emile Zola. Geld

Im Jahr 1895, also vor einhundertvierzehn Jahren, erschien der Roman Emile Zolas. In ihm werden Vorgänge an der Pariser Börse während des II. Kaiserreichs in den Jahren zwischen 1864 und 1867 beschrieben, die zu einem Crash führten und maßgeblich zu einer auch politischen Baisse Frankreichs führten, die mit der Niederlage im Krieg gegen Deutschland in den Jahren 1870/71 ein böses Ende fanden.

Obwohl der Handlungsrahmen einer Fiktion entspricht, gelingt es Zola, das Wesen der Börse und ihrer Zyklen zwischen Hausse und Baisse in exorbitant kunstvoller Weise zu charakterisieren. Ausgangspunkt ist das Zusammentreffen des momentan abgehalfterten Spekulanten Saccard und einem mittellosen Geschwisterpaar, das einige Jahre im Nahen Osten verbracht hat. Während der Bruder Hamelin, ein Ingenieur, davon träumt, den Nahen Osten durch Schifffahrtskonsortien, Eisenbahnen und den Bau von Silberminen zu erschließen, gebärdet sich dessen Schwester Caroline als mäßigendes, liebevolles Gewissen. Als Saccard die Pläne des Bruders erfährt, stachelt er beide zu einem groß angelegten, börsennotierten Unterfangen auf, das in der Gründung der Banque Universelle ihren ersten Höhepunkt erreicht und zu einem Kampf auf Leben und Tod mit dem allmächtigen Bankier Gundermann führt, der seinerseits dem Spekulationswahn abhold ist und eine realistische Vorstellung von der Wertbemessung handelsfähiger Papiere hat.

Der Feldzug Saccards besteht in der Bildung eines Konsortiums, das ein hohes Stammkapital zeichnet, aber de facto nie einzahlt. Durch Bilanzierungstricks und Spekulation mit eigenen, nicht geldmäßig hinterlegten Aktien treibt Saccard die Kurse der Banque Universelle in die Höhe, ohne dass die Aktivitäten im Nahen Osten Wertschöpfungen zeitigten, die auch nur annähernd die Bewertung an der Börse legitimierten. Saccard zieht alle Register, unterhält Strohmänner, gründet Briefkastenbanken in Rom und Istanbul und kauft konservative Zeitungen, mit denen er seinen Schwindel durch begünstigende Meinungsbildung eskortiert.

Zwar ist sehr früh zu ersehen, dass die künstlich erzeugte Hausse keinen Bestand haben wird, doch Zola nutzt in seiner Figuration die Vorzeichen des Niedergangs, um sich mit einer ihm typischen Akkuratesse der Psychologie der Spekulation zu widmen, die aufgrund der zyklisch immer wiederkehrenden und höchst aktuellen Ursachen eines Börsenkrachs als ein unverzichtbarer Beitrag der Erklärung zu gelten hat. Obwohl es in dem von Zola erschaffenen Panoptikum von windigen Abkochern, kriminellen Bankrotteuren, abscheulichen Schuldeintreibern, gierigen Aufkäufern und süchtigen Spielernaturen nur so wimmelt, dechiffriert er auch das große Potenzial der Börsentäuschung, nämlich das der bürgerlichen Kleinanleger, die mit wachsender Gier der trügerischen Option des Märchens vom plötzlichen Reichtum jenseits der realen Wertschöpfung anheim fallen. Letztendlich sind sie es, die der Vernunft einen Laufpass geben und ihr an und für sich bescheidenes Wohl hart erarbeitet haben, um es dann im Rausch der Spekulation bar jeglichen Verstandes in den Orkus zu schießen.

Die Großen, wie der Bankier Gundermann, haben eine sehr präzise Vorstellung davon, wie der Wert bestimmt wird und welche Wachstumsprognosen solide sind. Deshalb sind auch sie es, die den Kampf an der Börse gewinnen, die Regisseure der künstlichen Hausse hingegen landen im Gefängnis oder in der Versenkung oder sie starten ihr Spiel erneut an einem anderen Ort und unter anderem Namen. Die Opfer hingegen sind die Träger der Illusion, dass Reichtum aus dem Nichts entsteht und ohne Anstrengung erworben werden kann.

Zola gelingt es, die Funktionsweise der Börse transparent zu machen, er enttarnt die Camouflage der Spekulation, aber er ist auch so redlich, den positiven Nutzen und die Notwendigkeit einer funktionierenden Börse nicht zu negieren. Und die Aktualität ist verblüffend, denn bei der Lektüre vermisst man nur Namen wie Freddie Mac, Fanny Mae oder Lehman, denn die handelnden Figuren und Konsortien kommen einem seltsam vertraut vor.