Im Idealfall bringen demokratische Wahlen ein Ergebnis hervor, das einer oder mehreren politischen Parteien den klaren Auftrag gibt, mit einer bestätigten Zielformulierung die nächsten Jahre der Legislaturperiode zu gestalten. Gut ist auch, wenn die zustande gekommene Mehrheit tatsächlich eine Eindeutigkeit des politischen Willens der Wahlberechtigten dokumentiert. Und noch besser stellt sich die Situation dar, wenn klar wird, dass die tatsächlich erlebte Politik der letzten Jahre durch die Wählerinnen und Wähler qualitativ bewertet wurde, entweder durch Abwahl oder durch Bestätigung.
Schlecht dagegen ist, wenn das Wahlergebnis aufwendig interpretiert werden muss. Noch schlechter ist, wenn sich heraus stellt, dass diejenigen, die durch das Zahlenergebnis den politischen Auftrag für die nächsten Jahre erhalten haben, dieses nicht aufgrund der Qualität ihrer eigenen Politik erreicht haben. Und es deutet sich ein Debakel an, wenn ein Mehrheitswille des Souveräns aufgrund der Wahlbeteiligung und der daraus ablesbaren Mehrheitssummierung gar nicht mehr feststellbar wird. Treten alle negativen Faktoren auf, dann liegt es nahe, von einer Krise des demokratischen Systems zu sprechen.
Angesichts der Landtagswahlen in Hessen von einer tief greifenden Krise zu sprechen, erscheint daher noch als mildes Urteil. Zum einen ist die durch die Wahl generierte Mehrheit kein deutlicher Auftrag des Souveräns. Erstens hat der gegenwärtige Ministerpräsident Koch sein schlechtes Ergebnis vom Vorjahr nicht verbessern können, und das war ein klares Votum dafür, dass ihn keiner mehr wollte. Die Alternative in Form der Sozialdemokraten, die vor noch einem Jahr den Auftrag für die Gestaltung der nächsten Jahre erhielten, hat sich durch die unglaublich dilettantischen Taschenspielertricks von Frau Ypsilanti und dem damaligen Bundesvorsitzenden Beck vollständig desavouiert. Die Zuwächse bei den Grünen sind der Dank an eine programmatisch unzweideutige Haltung und den erdrutschartigen Zugewinn verdanken die Freien Demokraten einem wachsenden Unwillen in der Bevölkerung, sich das Drama der permanenten staatlichen Zentralisierung und Kontrolle noch weiter mit ansehen zu wollen.
Die Wahlbeteiligung von sechzig Prozent der Berechtigten stellt nicht nur das Nachkriegstief in Hessen dar, sondern es lässt auch die Rechnung zu, dass dort eine Regierung im Amt ist, die letztendlich mit dem Mandat von weniger als einem Drittel der Bevölkerung aktiv wird, während die SPD noch von zwölf bis dreizehn Prozent der Wahlberechtigten unterstützt wurde.
Das Fazit der Hessenwahl hat dennoch mehrere Gesichter. Das Agieren der meisten politischen Parteien hat rechnerisch zu einer Regierung geführt, die kaum einer wollte, der Verdruss über die politische Klasse erhielt ein eindeutiges Votum, der wachsende Staatsmonopolismus der Großen Koalition eine klare Absage, programmatisch angelegte Politik einen kleinen Wink, dass es sich um den richtigen Weg handelt und die Hütchenspieler den Hinweis, dass es dem Volke speiübel bei ihrem Anblick wird.
