Archiv für den Monat Dezember 2008

Hubert Selby jr.: Last Exit To Brooklyn

In insgesamt sechs Prosastücken beschrieb Hubert Selby jr. das metropolitane Strandgut einer aus dem II. Weltkrieg hervor gegangenen Supermacht. Die Lebenswelt in dem Mikrokosmos Brooklyn, nur durch den East River vom glorreichen Manhattan getrennt, ist das proletarische, lumpenproletarische und soldateske Milieu einer verrohten Generation, die den großen Krieg hinter sich hat und den Korea-Krieg gerade erlebt. Was sich jenseits der Skyscraper der kometenhaft anschwellenden Finanzwelt nahe den Docks ansammelt, das sind die Wert- und Orientierungslosen, die ihren Charakter, ihren Lebenssinn, ihre Familie, ihren Glauben und zuweilen auch ihr Geschlecht verloren haben.

Verroht, ohne Perspektive, immer unter Alkohol und Benzedrin, jagt eine brutale Orgie die andere, werden junge Männer zu Drag Queens, die es sich hinter Mülltonnen besorgen lassen, pubertierende Mädchen zu Matrosenhuren, die einer Massenvergewaltigung erliegen und diejenigen, die überhaupt noch einer Arbeit nachgehen, durchleben einen zermürbenden Streik, bei dem sie letztendlich doch die Betrogenen sind. Die Glücklichen aus dieser Welt der Finsternis fristen ihr Dasein in einem sozialen Wohnprojekt, wo sie gegenseitig Zeugen ihrer eigenen Verwahrlosung werden, bevor sie doch wieder auf der Straße enden.

Last Exit To Brooklyn ist eine der schonungslosesten Anklagen gegen die Verrohung einer Nachkriegsgesellschaft, die sich zudem in einer Phase befand, in der die globalen Machtperspektiven ins Unermessliche zu wachsen schienen, das Dasein für die Vielen, die den Preis des kommenden Weltruhmes bezahlt hatten, jedoch jeglicher Perspektive entbehrte.

Am deutlichsten wird dieses in der Beschreibung des Streiks, in welchem ein mediokrer Arbeiter und Gewerkschaftsfunktionär zum Leiter des Streikbüros wird, im Grunde keinen Halt in der Belegschaft hat, weil er durch seine lausige Arbeitsmoral suspekt erscheint. Immer wieder greift er bei dem sich über Monate hinziehenden Ausstand in die Streikkasse, kauft Bier für die Wegelagerer aus der Nachbarschaft und entdeckt im Luderleben zwischen Streikbüro und Saufgelagen sein Faible für die homoerotische Unterwelt im benachbarten Manhattan. Mit Streikgeldern hält er sich Luxusstricher, und als der Streik erfolgreich beendet wird, geht ihm das Geld aus und die Stricher zeigen ihm die kalte Schulter. Enttäuscht und völlig am Ende will er sich an einem Jugendlichen aus der Nachbarschaft vergehen, dieser jedoch holt Hilfe gerade bei denjenigen, die monatelang auf Kosten des Streiks gesoffen haben. Sie schlagen ihren generösen Spender, der sich für sie als perverses Schwein entpuppt, kurzerhand tot.

Das Schreckliche an Selbys Episoden ist die Eindimensionalität. Tausende von Büchern wurden dem sozialen Elend und dem Leiden der menschlichen Kreatur gewidmet. Aber wenige beschreiben so schonungslos das Grauen, in einer Sprache, die dieser Dimension entspricht, einem Scharfblick, der den Ekel nicht übersehen kann und in einer Kälte, die das Blut gerinnen lässt.

Söldner in Zeiten der Globalisierung

Als die Fans vom FC Schalke 04 während des Spiels gegen Manchester City die Geldscheine aus ihren Portemonnaies holten und zu Tausenden demonstrativ damit den eigenen Spielern zuwedelten, rissen sie eine Wunde auf, die in vielen Menschen unserer Tage schlummert. Es geht um den Verlust von erlebter Identität und beruflicher Tätigkeit. Der Vorwurf der Schalker Fans, den sie mit der Geste transportierten, war der, es mit einer Söldnertruppe zu tun zu haben. Man unterstellt den Spielern, nur des Geldes wegen auf Schalke zu verweilen, und bei der nächsten Gelegenheit das Weite zu suchen, wenn woanders mehr Scheinchen winken.

So sehr man den Zorn der Fans dieses sehr eindeutig sozialisierten Traditionsvereins auch verstehen mag, er trifft nicht das Ziel. Der Begriff des Söldners beschreibt den Sachverhalt, dass sich Menschen für einen Sold dafür engagieren lassen, ihren Beruf auch außerhalb ihres angestammten Bereichs auszuüben, und zwar gut. Historisch gesehen handelte es sich zunächst immer um Militärs – um nicht den Ausdruck Soldat zu verwenden, in dem der verräterische Sold ebenso zum Ausdruck kommt -, die bereit waren, auch außerhalb ihrer Heimat dem Kriegshandwerk nachzukommen. Der Bedarf an solchen Menschen und Heeren wuchs mit der Dimension von Konflikten und politischen Aufgaben und eine der großen, vormodernen Phasen der Globalisierung, das Römische Reich, hätte keinen Tag ohne seine Söldnerheere existieren können.

Die viel beschriebene Globalisierung der Gegenwart bringt es nun mit sich, dass alle Bereiche der einzelnen nationalen Gesellschaften, die im weltumspannenden Netz aktiv mitwirken, durchdrungen sind von Söldnern, in der Wirtschaft, der Kultur, der Wissenschaft, dem Sport, dem Entertainment und im Militär. Es wird dadurch zum Ausdruck gebracht, dass bestimmte Aufgaben mit den lokal vorhandenen Kräften nicht mehr in der beabsichtigten Effizienz und Effektivität erfüllt werden können. Die Omnipräsenz der Söldner bringt zudem viel Gutes, sie trägt zur Weitung des Horizontes und neuen Dimensionen der Kommunikation bei.

Was die vielgestaltigen Söldnerheere unserer Zeit nicht verhindern können, sind Krisen systemischen Ursprungs oder schlichtweg gesellschaftlicher Natur. Nur in Zeiten der drohenden Illiquidität des Auftraggebers merkt man den Söldnern, die ansonsten als High Professionals engagiert wurden an, dass ihnen irgendetwas fehlt. Dieses Irgendetwas ist die Bindung an eine konkrete Geographie, denn sie sind weltweit einsetzbar und können gehen, wenn andere bleiben müssen. Und dieses werfen letztere den ersteren nicht selten vor.

Ubi bene ibi patria hieß es im Alten Rom und es brachte die Freiheit des globalisierten Subjektes sehr präzise zum Ausdruck. Der Preis für diese Freiheit wurde nie beziffert, weil er in einer Dimension liegt, die diejenigen, die ihn nicht bezahlt haben, niemals werden erfassen können. Und gerade im Rom der Blütezeit verstand man es, die großen, erfolgreichen Söldner zu binden und wieder zurück zu holen in den Wohlstand und die Unfreiheit der Sesshaftigkeit.

Rom, dessen historische Entwicklung jedem geraten sei zu studieren, der sich für das Thema Globalisierung interessiert, ging jedoch nicht wegen seiner Söldner unter. Vielmehr waren die Übersättigung, die Dekadenz und der Werteverfall die logische Folge eines Machtwahns und einer strategischen Überdehnung einerseits und mangelnder Disziplin und Härte gegen sich selbst andererseits. Das führte zu schlimmen Fehlern und einer inneren Erosion. Vielleicht sollten die Schalker Fans diesem Aspekt mehr Aufmerksamkeit widmen.