Archiv für den Monat Dezember 2008

„…in des Worts verwegenster Bedeutung“

Ein weit- und weltgereister Brite erzählte mir einmal, immer, wenn es ihn mal wieder nach Deutschland verschlage und er das Radio einschalte, kämen ihm aus dem Nachrichtenblock so seltsame Worte wie „Dosenpfand“ im Zusammenhang mit den politischen Meldungen entgegen. Im Laufe der Jahre, die ihn immer wieder mal im Abstand von ein oder zwei Jahren nach Deutschland geführt hätten, wären auf diese Art und Weise Wörter wie Krankenversicherungskostendämpfungsgesetz, Atommüllzwischenlager, Dosenpfand oder Pendlerpauschale in seinen aktiven Wortschatz gelangt. Und auch bei näherem Nachfragen sei ihm klar geworden, dass diese Begriffe zu den zentralen Themen der politischen Debatte in diesem Land gehörten.

Dass besagter Brite ein guter Beobachter ist, lässt sich nicht von der Hand weisen, denn auch bei genauerer Recherche bemerkt man schnell, dass die großen Auseinandersetzungen in der Politik sich in der Regel um Begrifflichkeiten der exekutiven Bürokratie drehen. Die einzigen Ausnahmen in der Geschichte der Republik bildeten die wenigen Jahre der Brandt-Administration, die von gesellschaftlicher Öffnung und einer neuen Standortbestimmung im internationalen Kontext geprägt und die Phase der Wiedervereinigung, die durch eine Revolte im Innern der alten DDR und den Ost-West-Dialog der Supermächte bestimmt waren.

Ansonsten ist festzustellen, dass die Gestaltung der politischen Entscheidungsfindung in Deutschland auf einer begrifflichen Ebene stattfindet, die in der Regel gar keine Gestaltung mehr zulässt. Nimmt man das jüngste Beispiel einer „fundamentalen“ Diskussion um die Pendlerpauschale, so ging und geht es da um eine bereits bestehende steuerrechtliche Intervention des Staates. Die politischen Begriffe, um die es gehen müsste, wenn man denn das Wesen der Frage treffen will, wären Fragen wie Freizügigkeit, Eigenverantwortung, Mobilität, Flexibilität, Subvention und Diskriminierung. Das Selbstverständnis von Politik in diesem Lande setzt allerdings weit unter dieser Ebene auf der bürokratischen Umsetzung an und klammert die eigentlich politische Dimension aus.

Geht man die Begrifflichkeiten der politischen Auseinandersetzungen der letzten Jahrzehnte Stück für Stück durch, sticht die Bestätigung ins Auge: Deutschland ist ein Land ohne politischen Diskurs! Man streitet sich über Maßnahmen, aber nicht um Prinzipien, Standpunkte und Geisteshaltungen. Die Sprache ist dafür ein Symptom, denn der Dosenpfand oder die Pendlerpauschale sind keine Banner, unter denen sich ernsthaft politische Menschen vereinigen lassen. Das ist dann eher ein Metier für die Partikularinteressen, wo die individuelle Betroffenheit oder der individuelle Vorteil im Vordergrund stehen.

Da wundert es dann kaum noch, dass die doch immer wieder eingeklagte notwendige politische Veränderung unseres Landes nicht gelingen will. Um überhaupt dafür eine Basis zu schaffen, bedarf es der Worte verwegener Bedeutung, wie Friedrich Schiller es im Don Carlos zum Ausdruck brachte. In dem selben Werk kommt die berühmte Stelle vor, indem der Don Carlos dem König die Forderung entgegen schleudert: „Gewähren Sie Gedankenfreiheit!“

Als dieser Satz bei einer Uraufführung in Dresden ertönte, sprang das Publikum spontan auf, applaudierte und die meisten hatten Tränen in den Augen. Das Stück wurde danach abgesetzt und kein zweites Mal gespielt. Es waren die letzten Tage der DDR und die Sprache hatte zurück gefunden in die deutsche Politik, zumindest für einen Augenblick.

Der Darwinismus der Systeme

In Zeiten der Krise wächst das Interesse an Theorien, die das Phänomen der Baisse erklären und das Überleben beschreiben. So gesehen ist es folgerichtig, dass die gegenwärtige Finanzkrise die Reprints von dem Kapital Karl Marx` und Charles Darwins Schriften zur Folge hat. Kann man vor allem in den Folgebänden des marxschen Kapitals, den „Theorien über den Mehrwert“, einiges entdecken, das die Funktionsweise internationaler Finanzkrisen erklärt, so sind in den Schriften Darwins die Muster des Überlebens in volatilen Lebensverhältnissen erkundbar.

In Krisen, und als solche beschreibt Darwin biologische Rahmenbedingungen, die sich ändern, lebenswichtige Ressourcen entziehen oder neue, unbekannte Stoffe zuführen, überleben nur diejenigen Arten, die verschiedene Voraussetzungen mitbringen. Zum einen müssen die biologischen Organismen, die sich erfolgreich dem Daseinskampf werden stellen müssen, im Vergleich zu den anderen der selben Art von guter Gesundheit und stabiler Konstitution sein, denn die Kranken, Schwächelnden, die wird die Krise dahinraffen und nicht überleben lassen.

Aber auch die Gesunden, Starken, werden nur dann eine Chance haben, wenn sie in der Art selbst systemische Voraussetzungen aufweisen können, die das Überleben ermöglichen. Und, glaubt man Darwin und den Thesen der heutigen Naturwissenschaften, zu sublime und ausdifferenzierte zum einen und zu groß dimensionierte, monokausale Systeme zum anderen sind gleichermaßen zum Untergang verurteilt. Die Organismen und Systeme mittlerer Größe und überschaubarer Struktur bringen in der Regel die Voraussetzungen mit, um bei krisenhafter Konfrontation zu überleben.

Nun kann man das als Erkenntnis hinnehmen und Prognosen wagen, welche Akteure in der gegenwärtigen Krise das Zeitliche segnen werden und sich freuen, wenn man richtig liegt. Diese Haltung entspricht dem weit verbreiteten Phänomen der Lust am Untergang und ist wenig tauglich, Zukunft zu gestalten. Letztlich ist gerade die Krise eine nicht häufig gebotene Chance, Erkenntnis ohne bestehende Versicherungspolice direkt in die Praxis umsetzen zu können.

Wenn es zutrifft, dass die zitierten mittleren, flexiblen Organismen und Systeme die beste Möglichkeit haben, dann sollten diejenigen, die in der Zukunft eine Perspektive haben wollen, diesen Gedanken mit dem Verweis auf zügige praktische Relevanz sorgfältig reflektieren, Unternehmen wie das Gemeinwesen gleichermaßen. Wirtschaftliche Organisationen haben diesen Vorgang quasi im Blut, auch wenn sie nicht immer die richtigen Entscheidungen treffen, sie reduzieren sich schnell in der Krise und trennen sich von dem, was aus ihrer Sicht im Konkurrenzkampf und auf den Märkten keine Chance mehr hat.

Gemeinwesen wie Städte, Länder oder Staaten tun sich da schwerer, zum einen sind die Entscheidungsprozesse naturgegeben wesentlich länger, zum anderen haben sie strukturell Probleme mit der Steuerung dynamischer Potenziale. Dennoch sollten gerade sie die Gelegenheit nutzen und sich auf die wesentlichen Überlebenskräfte besinnen. Sie sollten Komplexität reduzieren, eigene Konturen betonen und gut darauf achten, was sie von anderen, mit denen sie in einem Konkurrenzverhältnis stehen, unterscheidet. Denn, auch das wissen wir seit Darwin, die Auswahl, die trifft das Leben, und nicht die subjektive Illusion.

Der aufklärerische Charakter des Schattenspiels

Auf der Insel Java, im fernen Indonesien, lebt man eine Tradition, die bis weit in die Zeiten des frühen Hinduismus zurück reicht. Es ist das Wayang Kulit, genau übersetzt die Schatten der Haut. Gemeint sind aus Leder geschnittene Figuren, mit denen durch nächtlichen Feuerschein hindurch Schatten auf eine große Leinwand geworfen werden. Der Dalang, d.h. der Regisseur und Schattenspieler, beherrscht das Ensemble der Figuren und deren Charaktere perfekt, er lässt sie handeln nach einem genau bestimmten Schema, moduliert deren Stimmen und agiert alleine. Assistiert wird ihm zumeist von einer in höchsten Lagen meditative Stimmung verbreitenden Sängerin und durch ein Gamelanorchester, dass aus zahlreichen Schlaginstrumenten besteht.

Die Figuren des Ensembles verkörpern die Archetypen der menschlichen Gesellschaft, die Guten, die Bösen, die Verschlagenen, die Naiven, die Gierigen, die Satten, die Liebenden und die Helden. Der Ablauf eines javanischen Schattenspiels ist durch die Dramaturgie des Ramayana vorgegeben. Es beginnt abends um 22.00 Uhr, wenn die Figuren vorgestellt und der Handlungsrahmen erklärt wird. Bis 1.00 Uhr morgens wird die Spannung aufgebaut, dann ist eine Pause, in der die Zuschauer kräftig essen und ab 2.00 Uhr bis zum Morgengrauen werden die Rätsel gelöst und die Spannung weicht der Katharsis.

Und obwohl Handlung wie Figuren bis ins 13. Jahrhundert vor Christus zurück reichen, geht es immer um sehr Aktuelles, auf Java wird die Tagespolitik in starkem Maße durch das Wayang Kulit kommuniziert. Das Publikum kennt alle Handlungsmuster und Charaktere, von Kindesbeinen an ist man samstags dabei, wenn das Spektakel seinen Lauf nimmt. Die Dalangs, Schattenspieler und Regisseure in einem, gelten als weise Leute und diejenigen, die die aktuellen Themen der Menschen am besten und kunstvollsten Treffen, genießen Kultstatus. Legitimiert sind sie durch ihr Können und ihre Reputation.

Und obwohl es sich um eine archaische Form der gesellschaftlichen Kommunikation handelt, hat es das Schattenspiel bis ins Fernsehen und ins Radio geschafft. Auch in einer Megastadt wie Jakarta schrabbeln in der Nacht von Samstag auf Sonntag die Radios auf den Straßen, und die Kretek rauchenden Zuhörer blicken versonnen in den Nachthimmel und denken sich ihren Teil. Zuweilen geht es dann auch lebhaft und ausgelassen zu, wenn hinter bestimmten Archetypen mit Namen wie Arjuna, Naga, Batara Guru, Panakawan, Bagong, Rama Parasu oder Dewi Sinta Politiker oder Figuren aus dem öffentlichen Leben erkannt werden. Dann bekommt man sehr genau mit, was das Volk bewegt.

Das Wayang Kulit vollzieht sich im öffentlichen Raum und es ist jedermann zugänglich. Ihm zugrunde liegt eine Philosophie über das Dasein der Gesellschaft und die sie bewegenden Universalthemen. Von den Archetypen und der Dramaturgie her kann kein Dalang dem Publikum etwas vormachen, die Inszenierung feiner, geistreicher Aktualitätsbezüge ist die hohe Kunst. Und das Publikum honoriert den subtilen Duktus der Regie und freut sich, wenn es ihn aufspürt. Die groben Striche und Hinweise sind eher verpönt.

Die epische Distanz, die wöchentlich durch diese ritualisierte Kunstform erzeugt wird ermöglicht es, der gesamten Bevölkerung einen Zugang zur aktuellen Politik zu verschaffen, und es ist in der Lage, das Wesen und die Dramaturgie dieser Politik zu begreifen. Und selbst die Reisbauern oder Fischer in den entlegenen Regionen haben eine Vorstellung davon, welches Stück im fernen Jakarta, Peking oder Washington gespielt wird. Angesichts dieser Lebendigkeit und Kreativität erstrahlt das Schattenspiel im fernen Java als ein luzides Wesen der Aufklärung, verglichen mit den hiesigen Politjournalen und TV-Talkshows, die spüren lassen, wie armselig es zugehen kann, in den Zentren der globalen Machtausübung.