Der Darwinismus der Systeme

In Zeiten der Krise wächst das Interesse an Theorien, die das Phänomen der Baisse erklären und das Überleben beschreiben. So gesehen ist es folgerichtig, dass die gegenwärtige Finanzkrise die Reprints von dem Kapital Karl Marx` und Charles Darwins Schriften zur Folge hat. Kann man vor allem in den Folgebänden des marxschen Kapitals, den „Theorien über den Mehrwert“, einiges entdecken, das die Funktionsweise internationaler Finanzkrisen erklärt, so sind in den Schriften Darwins die Muster des Überlebens in volatilen Lebensverhältnissen erkundbar.

In Krisen, und als solche beschreibt Darwin biologische Rahmenbedingungen, die sich ändern, lebenswichtige Ressourcen entziehen oder neue, unbekannte Stoffe zuführen, überleben nur diejenigen Arten, die verschiedene Voraussetzungen mitbringen. Zum einen müssen die biologischen Organismen, die sich erfolgreich dem Daseinskampf werden stellen müssen, im Vergleich zu den anderen der selben Art von guter Gesundheit und stabiler Konstitution sein, denn die Kranken, Schwächelnden, die wird die Krise dahinraffen und nicht überleben lassen.

Aber auch die Gesunden, Starken, werden nur dann eine Chance haben, wenn sie in der Art selbst systemische Voraussetzungen aufweisen können, die das Überleben ermöglichen. Und, glaubt man Darwin und den Thesen der heutigen Naturwissenschaften, zu sublime und ausdifferenzierte zum einen und zu groß dimensionierte, monokausale Systeme zum anderen sind gleichermaßen zum Untergang verurteilt. Die Organismen und Systeme mittlerer Größe und überschaubarer Struktur bringen in der Regel die Voraussetzungen mit, um bei krisenhafter Konfrontation zu überleben.

Nun kann man das als Erkenntnis hinnehmen und Prognosen wagen, welche Akteure in der gegenwärtigen Krise das Zeitliche segnen werden und sich freuen, wenn man richtig liegt. Diese Haltung entspricht dem weit verbreiteten Phänomen der Lust am Untergang und ist wenig tauglich, Zukunft zu gestalten. Letztlich ist gerade die Krise eine nicht häufig gebotene Chance, Erkenntnis ohne bestehende Versicherungspolice direkt in die Praxis umsetzen zu können.

Wenn es zutrifft, dass die zitierten mittleren, flexiblen Organismen und Systeme die beste Möglichkeit haben, dann sollten diejenigen, die in der Zukunft eine Perspektive haben wollen, diesen Gedanken mit dem Verweis auf zügige praktische Relevanz sorgfältig reflektieren, Unternehmen wie das Gemeinwesen gleichermaßen. Wirtschaftliche Organisationen haben diesen Vorgang quasi im Blut, auch wenn sie nicht immer die richtigen Entscheidungen treffen, sie reduzieren sich schnell in der Krise und trennen sich von dem, was aus ihrer Sicht im Konkurrenzkampf und auf den Märkten keine Chance mehr hat.

Gemeinwesen wie Städte, Länder oder Staaten tun sich da schwerer, zum einen sind die Entscheidungsprozesse naturgegeben wesentlich länger, zum anderen haben sie strukturell Probleme mit der Steuerung dynamischer Potenziale. Dennoch sollten gerade sie die Gelegenheit nutzen und sich auf die wesentlichen Überlebenskräfte besinnen. Sie sollten Komplexität reduzieren, eigene Konturen betonen und gut darauf achten, was sie von anderen, mit denen sie in einem Konkurrenzverhältnis stehen, unterscheidet. Denn, auch das wissen wir seit Darwin, die Auswahl, die trifft das Leben, und nicht die subjektive Illusion.