Der aufklärerische Charakter des Schattenspiels

Auf der Insel Java, im fernen Indonesien, lebt man eine Tradition, die bis weit in die Zeiten des frühen Hinduismus zurück reicht. Es ist das Wayang Kulit, genau übersetzt die Schatten der Haut. Gemeint sind aus Leder geschnittene Figuren, mit denen durch nächtlichen Feuerschein hindurch Schatten auf eine große Leinwand geworfen werden. Der Dalang, d.h. der Regisseur und Schattenspieler, beherrscht das Ensemble der Figuren und deren Charaktere perfekt, er lässt sie handeln nach einem genau bestimmten Schema, moduliert deren Stimmen und agiert alleine. Assistiert wird ihm zumeist von einer in höchsten Lagen meditative Stimmung verbreitenden Sängerin und durch ein Gamelanorchester, dass aus zahlreichen Schlaginstrumenten besteht.

Die Figuren des Ensembles verkörpern die Archetypen der menschlichen Gesellschaft, die Guten, die Bösen, die Verschlagenen, die Naiven, die Gierigen, die Satten, die Liebenden und die Helden. Der Ablauf eines javanischen Schattenspiels ist durch die Dramaturgie des Ramayana vorgegeben. Es beginnt abends um 22.00 Uhr, wenn die Figuren vorgestellt und der Handlungsrahmen erklärt wird. Bis 1.00 Uhr morgens wird die Spannung aufgebaut, dann ist eine Pause, in der die Zuschauer kräftig essen und ab 2.00 Uhr bis zum Morgengrauen werden die Rätsel gelöst und die Spannung weicht der Katharsis.

Und obwohl Handlung wie Figuren bis ins 13. Jahrhundert vor Christus zurück reichen, geht es immer um sehr Aktuelles, auf Java wird die Tagespolitik in starkem Maße durch das Wayang Kulit kommuniziert. Das Publikum kennt alle Handlungsmuster und Charaktere, von Kindesbeinen an ist man samstags dabei, wenn das Spektakel seinen Lauf nimmt. Die Dalangs, Schattenspieler und Regisseure in einem, gelten als weise Leute und diejenigen, die die aktuellen Themen der Menschen am besten und kunstvollsten Treffen, genießen Kultstatus. Legitimiert sind sie durch ihr Können und ihre Reputation.

Und obwohl es sich um eine archaische Form der gesellschaftlichen Kommunikation handelt, hat es das Schattenspiel bis ins Fernsehen und ins Radio geschafft. Auch in einer Megastadt wie Jakarta schrabbeln in der Nacht von Samstag auf Sonntag die Radios auf den Straßen, und die Kretek rauchenden Zuhörer blicken versonnen in den Nachthimmel und denken sich ihren Teil. Zuweilen geht es dann auch lebhaft und ausgelassen zu, wenn hinter bestimmten Archetypen mit Namen wie Arjuna, Naga, Batara Guru, Panakawan, Bagong, Rama Parasu oder Dewi Sinta Politiker oder Figuren aus dem öffentlichen Leben erkannt werden. Dann bekommt man sehr genau mit, was das Volk bewegt.

Das Wayang Kulit vollzieht sich im öffentlichen Raum und es ist jedermann zugänglich. Ihm zugrunde liegt eine Philosophie über das Dasein der Gesellschaft und die sie bewegenden Universalthemen. Von den Archetypen und der Dramaturgie her kann kein Dalang dem Publikum etwas vormachen, die Inszenierung feiner, geistreicher Aktualitätsbezüge ist die hohe Kunst. Und das Publikum honoriert den subtilen Duktus der Regie und freut sich, wenn es ihn aufspürt. Die groben Striche und Hinweise sind eher verpönt.

Die epische Distanz, die wöchentlich durch diese ritualisierte Kunstform erzeugt wird ermöglicht es, der gesamten Bevölkerung einen Zugang zur aktuellen Politik zu verschaffen, und es ist in der Lage, das Wesen und die Dramaturgie dieser Politik zu begreifen. Und selbst die Reisbauern oder Fischer in den entlegenen Regionen haben eine Vorstellung davon, welches Stück im fernen Jakarta, Peking oder Washington gespielt wird. Angesichts dieser Lebendigkeit und Kreativität erstrahlt das Schattenspiel im fernen Java als ein luzides Wesen der Aufklärung, verglichen mit den hiesigen Politjournalen und TV-Talkshows, die spüren lassen, wie armselig es zugehen kann, in den Zentren der globalen Machtausübung.