Archiv für den Monat November 2008

Cormac McCarthy: No Country for Old Men

Der Roman des 75jährigen Cormac McCarthy, der erst in den letzten Jahren im Deutschsprachigen Raum Beachtung fand, spielt im Hier und Heute in Texas, erschien im Jahr 2005 erstmals in den USA und 2008 in Deutschland. Das Buch kam der Verfilmung der Coen Brüder nach und war bereits mit Erfolg in den Kinos.
Die Handlung ist schnell erzählt: Ein Hobbyjäger findet in der texanischen Weite eine Ansammlung zerschossener Pickups, in und um die herum Leichen liegen. Auf der Ladefläche eines Pickups liegt ein großes Paket Heroin. Etwas weiter vom Ort der Handlung spürt er noch den Leichnam eines Mannes auf, der einen Koffer mit mehreren Millionen Dollar im Schoß hat. Der Mann nimmt das Geld an sich, fährt nach Hause, schickt seine junge Frau fort zu ihrer Mutter, kehrt noch einmal zurück an den Ort des Geschehens, wird dort schon erwartet, kann aber wieder entkommen und flieht mit dem Geld. Nun wird er von einem gnadenlosen Killer verfolgt, der sein Handwerk in erster Linie mit einer Pressluftflasche und einem Bolzen, mit dem sonst Rinder und Schweine getötet werden, ausübt. Gleichzeitig ist der alte Sheriff aus dem County auf den Fall aufmerksam geworden, ahnt, was dem ansonsten unbescholtenen Finder blüht und versucht, zu retten, was gar nicht mehr zu retten ist. Der Killer zieht eine Blutspur hinter sich her, und legt allerlei Leute um, zuletzt nicht nur den Finder, sondern sogar dessen junge Frau, selbst als er den Finder schon erlegt und das Geld zurück hat. Gefunden wird der Auftragsmörder nicht, irgendwo, so heißt es, schwirrt er herum wie ein Geist.

Was sich wie die Regieanweisung zu einem Action Thriller liest, enthält jedoch noch zwei andere Dimensionen, die nicht zu dem Genre passen und die aus der sparsamen Inszenierung komplexe Literatur werden lässt. Zum einen ist mit der Figur des alternden Sheriffs Bell eine kulturkritische Reflexion präsent, die nicht nur das eigene Handeln, sondern auch die unabhängig vom Individuum fortschreitende gesellschaftliche Entwicklung zu erklären sucht. Der ansonsten erfolgreiche und erfahrene Sheriff, versehen mit einer Auszeichnung aus dem II. Weltkrieg, ist sich bewusst, dass er mit seinem Handeln den Fortschritt in eine Verrohung und Entzivilisierung nicht aufhalten kann. In seinen zahlreichen inneren Monologen sieht er die Bringschuld der Individuen und ihre Mitverantwortung an der Erosion sozialer Güte vor allem in der freiwilligen Preisgabe zivilisierter Verkehrsformen. Einer Journalistin, die ihn befragt, warum die Drogendelikte in seinem Verantwortungsbereich so in die Höhe gegangen seien, antwortet er: „ Es fängt damit an, (…), dass man schlechte Manieren übersieht. Jedes Mal, wenn Sie kein Sir und kein Ma ´am mehr hören, ist das Ende so ziemlich in Sicht. Das reicht in alle Schichten hinein, (…). Und irgendwann geht die kaufmännische Moral derart vor die Hunde, dass draußen in der Wüste Leute tot in ihren Fahrzeugen sitzen, aber dann ist es zu spät.“

Sheriff Bell sieht sich in einer Position des Beobachters, der den aktiven Fortgang der Handlung, obwohl selbst zutiefst in diese involviert, nicht mehr beeinflussen kann. Er versucht, den Sittenkomplex, für den er steht, noch zu leben und in das Geschehen einzubringen, ist aber zum Scheitern verurteilt. Er beschreibt die eigentlich richtig alten Leute, die mit ihren irren Blicken die Welt so gar nicht mehr verstehen können. „Diese alten Leute, mit denen ich rede, wenn man denen hätte sagen können, dass es auf den Straßen unserer texanischen Städte mal Leute mit grünem Haar und Knochen in der Nase geben würde, die eine Sprache sprechen, die man gar nicht versteht, tja, dann hätten sie einem schlicht und einfach nicht geglaubt. Aber wenn man ihnen nun erzählt hätte, dass das ihre eigenen Enkel sind?“

Die zweite Dimension, die diesen Roman von der Beschränkung auf ein duales Erzählschema unterscheidet, ist die epische Qualität, die es bewerkstelligt, dass die Komplexität der Frage von Zivilisation und deren Erosion nicht einfach beantwortet werden kann. McCarthy gelingt es, deutlich zu machen, dass das Individuum den Kampf um seine von ihm erstrebten Werte ein Leben lang führen muss, auch wenn ihm die Vergeblichkeit bewusst ist und es keine Gewinner gibt.

Der Prinz und die Unken

Die Wahlnacht vom 4. auf den 5. November 2008 hatte Format. Die einzig übrig gebliebene Supermacht hatte sich nach vielen Irrläufen und bösen Fehlentwicklungen in den letzten acht Jahren auf ihre alte Stärke zurückbesonnen. Mit dem Kandidaten Barack Obama hat die amerikanische Bevölkerung eine Figur gefunden, über die die Reanimation der Demokratie zu funktionieren scheint. Mit einer satten, überwältigenden Mehrheit hat sich Amerika für einen neuen Anfang ausgesprochen und eine alte, im Kalten Krieg aufgewachsene Generation von Politikern aufs Altenteil geschickt.

Die Form der präsidentiellen Demokratie hat zudem die Amerikaner davor bewahrt, eine Koalition unterschiedlicher Interessen in die Regierungsverantwortung zu schicken, die dann jahrelang beim Austarieren des kleinsten gemeinsamen Nenners wichtige Zeit vergeudet und alle enttäuscht. Wenn nur einer gewinnen kann, dann muss man sich entscheiden. Das ist gut so, denn wenn sich der Wähler entscheiden muss, dann wird er das auch von dem von ihm gewählten Politiker verlangen, denn dafür ist er da.

Dass Barack Obama damit kein Problem haben wird, steht außer Frage. Er wird von Anfang an Prioritäten setzen, um aus der langen Liste der Hoffnungen, die mit ihm verbunden werden, die wichtigsten gleich abzuarbeiten. Und er wird vielen Regierungen und Politikern in der Welt, die mit auf dem Versprechen auf Wandel ins Amt gekommen, dann aber im Kleinmut versunken sind, zeigen, was ein Auftakt ist. Es wird Überraschungen geben, denn er wird vielen die Macht nehmen, aber auch andere, die auf keiner klassischen Agenda stehen, daran partizipieren lassen, weil er das Land einen und nicht spalten will.

Mit der epochalen Wahl und ihrer alle Dimensionen sprengenden Emotionalität wird zudem etwas in die restliche Welt kommen. Es wird ein neuer Maßstab sein für Politik und Politiker. Als Barack Obama im letzten Sommer eine Rede an der Berliner Siegessäule gehalten hatte, jubelten ihm hunderttausende Deutsche zu. Das Motiv war wohl weniger sein dort recht allgemein gehaltenes Programm als vielmehr das Bedürfnis, einen Politiker unterstützen zu können, der Visionen formulieren kann und den Mut hat, sie in Angriff zu nehmen. Bei einheimischen Politikern, die ihre Grenzen in Pendlerpauschalen und Steuererleichterungen bei häuslichen Handwerkerrechnungen finden, mutet eine Figur wie Barack Obama wie eine lang erwartete Erlösung an.

Und so ist deren Reaktion, hier im Osten vom großen Teich, nun überhaupt keine Überraschung. Unisono verkündet die gesamte politische Klasse, die Hoffnungen, die Obama geweckt habe, könne er ja gar nicht erfüllen. Es scheint einen kleinen, bedeutsamen Unterschied zu geben. Noch in der Nacht nach der Wahl fragte man die Leute auf den Straßen genau dieses, ob in Harlem, in Boston oder Los Angeles. Und fast alle Befragten gaben an, man werde jetzt alles tun, damit dieser Mann Erfolg habe. Das spricht von einem anderen staatsbürgerlichen Selbstverständnis und hat tatsächlich Aussicht auf Erfolg. Im Reich der Selbstverantwortung, im fernen Westen, herrscht jetzt ein Prinz. Im nahen Osten, im Distrikt der Entmündigung, da haben die Unken das Sagen.

At The End Of The Day

So wie die Zeichen stehen, werden die Vereinigten Staaten von Amerika nach acht Jahren republikanischer Herrschaft unter George W. Bush vor großen Veränderungen stehen. Die Ära Bush, wie sie heute schon wie in einem Nekrolog genannt wird, war gekennzeichnet durch eine neo-liberalistische Wirtschaftspolitik, eine militärisch agierende Außenpolitik und eine im Nachklang zu den Anschlägen von 9/11 restriktive, zunehmend polizeilich begriffene Innenpolitik. Der Mittelstand und die abhängig arbeitenden Klassen haben ihre Sicherheiten verloren, ihre Existenz sichernden Rücklagen sind verbraucht, die Krankenversorgung verdient den Namen nicht mehr und die öffentlichen Schulen sind in verheerendem Zustand. Das Abenteuer Irak endete in einem nicht mehr zu gewinnenden Dauerkrieg und die Suche nach der terroristischen Kommandozentrale Osama Bin Ladens in Afghanistan wurde stillschweigend aufgegeben, um die innenpolitische Restriktionspolitik weiter unterfüttern zu können.

Um die Stimmung im Land zu ergründen, setze man sich einfach mal zu Bauarbeitern in New York, wenn sie ihre Mittagspause bei einem Hamburger hinter dem Madison Square Garden verbringen. Da ist die Rede von dem Scharlatan Bush, der das ganze Land in den Ruin getrieben hat und den man möglichst schnell loswerden muss. Da schwingt nichts mehr mit von der Gemeinsamkeit, die nach den brennenden Türmen des World Trade Center für kurze Zeit herrschte. Sie schimpfen wie die berühmten Rohrspatzen und ballen drohend ihre Fäuste, bevor sie wieder auf die atemberaubend hohen Gerüste klettern.

Der Republikaner McCain hat da einen schweren Stand, auch wenn er nicht so säbelrasselnd harlekinesk daher schreitet. Dafür hat er eine Sarah Palin im Gefolge, die ihre Unwissenheit durch Impertinenz und ihre Agenda gelebten Amtsmissbrauchs mit einem verheißungsvollen Augenaufschlag vergessen machen will.

Der Star am Himmel der Veränderung ist und bleibt Barack Obama, der als begnadeter Redner und Charismatiker alle Themen aufgreift. Er redet nicht darüber, so sagt er mit Emphase, was die Wall Street betrifft, sondern was die Main Street drückt. Das kommt an, und er geht ins Detail. Er redet von einer für alle erschwinglichen Krankenversicherung, von Steuerentlastungen für alle Amerikaner, die weniger als 250.000 $ im Jahr verdienen, von besseren Schulen, die vonnöten sind und von erneuerbaren Energien, die das Land unabhängiger und zukunftsfähiger machen sollen. Den teueren und unnützen Krieg im Irak will er beenden und das Treiben von Al Quaida ebenso. Mit Themen wie Eloquenz scheint er das Rennen zu machen, sein Lager ist zu einer aktivistischen Massenbewegung geworden. Menschen, die noch nie etwas mit Politik am Hut hatten, gehen von Haus zu Haus und werben für den neuen Mann der Demokraten. Hinter ihm steht ein Joe Biden, der selbst in größerem Maße das Zeug zu einem Präsidenten hätte, klug, in den Institutionen dieser alten Demokratie zuhause wie im eigenen Wohnzimmer, resolut, willensstark und staatsmännisch. Zusammen werden sie es schaffen, am 4. November, daran zweifelt kaum noch einer, der nicht durch die republikanische Hoffnungsbrille seines klaren Blickes beraubt ist.

Neu und ermutigend an Obamas Auftritten ist, dass er keine Wohltaten verspricht, sondern die Aktion der Bürgerinnen und Bürger aggressiv fordert. Er will helfen, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Amerikaner ihr Schicksal wieder ungehindert selbst in die Hand nehmen können. Das sagt der Sohn eines Immigranten und damit trifft er wohl nicht nur das Wesen der amerikanischen Stärke, sondern unterscheidet sich auch von den Heilsbringerbotschaften deutscher Politiker, die mit dem Faustpfand eines omnipräsenten Staates den allgemeinen Glückszustand versprechen. Die USA werden sich unter einem Präsidenten Obama, der sich mehr für eine demokratische Massenbewegung eignen würde, dennoch neu erfinden, darin sind sie geübt und die Kräfte dazu werden sie mobilisieren können.

Weder McCain noch Obama haben jedoch eine Vorstellung von einer Neuerfindung der USA im sich wandelnden Weltgefüge. Ob China als Weltfabrik und Indien als das Büro der Welt bei diesem Tempo die Liebe zur eigenen Rolle behalten werden, ist fraglich und ob Russland sich in die alte Rolle des imperialen Bösewichts wird wieder drängen lassen ebenso. Europa wird strategisch schwächeln, weil derzeit der Etatismus fröhliche Urstände feiert und nur durch eine heftige Krise zum Halten kommen wird. Die USA hingegen sind Gefangen von alten bedingten Reflexen und einer militärischen strategischen Überdehnung. Es bedarf einer Neudefinition der großen Supermacht und an dieser Frage wird der neue Präsident letztendlich gemessen werden. Die USA werden sich also in vielerlei Hinsicht neu erfinden müssen, aber schlecht stehen die Zeichen nicht. Es geht also um vieles am 4. November, at the end of the day!