Die Bolschewisierung der SPD

Leider ist der gegenwärtige Verlauf der Ereignisse innerhalb der SPD nicht ohne historische Vorbilder. Schon in den zwanziger Jahren trug die damalige KPD ein untrügliches Symptom des Sektierertums in sich. Vielen von Krisen und einstürzenden Weltbildern verunsicherten Menschen bot die Linke keine Alternative, weil sie im Gegensatz zu ihrem emanzipatorischen Programm mit den eigenen Mitgliedern zuweilen umging wie die letzte Canaille. Da wurden Abweichler verfolgt und ausgeschlossen, diffamiert und entwürdigt. Oftmals mit einem Hass, den man sich gegen die ärgsten politischen Kontrahenten nicht zugestand. Die KPD nannte die wilde, zum Teil durch das stalinistische Moskau inszenierte Entwicklung noch stolz den Prozess der Bolschewisierung der KPD. Das Ergebnis war die Spaltung der Arbeiterbewegung in Deutschland und die Niederlage gegenüber dem Faschismus.

Was einmal historisch als böse Tragödie endete, um ganz bei Marx zu bleiben, folgte im Nachhinein nicht selten als seichte Farce. Das Menschenverachtende auf dem Weg des Sektierertums ist allerdings nie weniger harmlos. Dass wir derzeit, sechzig Jahre nach dem II. Weltkrieg und während einer schweren Krise des Kapitalismus selbst in den gemäßigten Zonen dieser Welt wiederum einen steilen Kurs auf das Sektierertum erleben, zumal noch von einer Partei, die stets von ihrem inneren linken Spiegel gemahnt worden war, zu sehr auf dem Boden der bürgerlichen Demokratie zu stehen, befremdet doch ein wenig.

Während sich vor knapp einem Jahr eine absolute Parteikarrieristin auf den Weg machte, Ministerpräsidentin in Hessen zu werden, vor der Wahl Versprechen abgab, mit wem sie auf keinen Fall paktieren würde, um dies nach der Wahl zu revidieren und die mit den Schergen des Parteiapparates verfolgen ließ, die an ihr eigenes Wahlversprechen glaubten, warnte ein anderer alt verdienter Sozialdemokrat vor deren Energiepolitik und riet ab, sie zu wählen. Prompt trat auch diesem die partei-interne Inquisition auf die Füße und leitete ein Ausschlussverfahren ein. Während die vier abtrünnigen Landtagsabgeordneten wohl daran glauben werden müssen, verpasste man dem Ex-Ministerpräsidenten und Ex-Bundesminister nur eine Rüge.

Letzterer verkörpert die Sozialdemokratie der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts wie kaum ein anderer. Er kam aus der Arbeiterklasse, verdiente sich sein Studium als Wurstverkäufer im Bochumer Ruhrstadion, beschritt die Ochsentour durch die Partei und musste viele Gläser Pils auf der Leiter der Parteihierarchie trinken. Ein solcher Mann ist vielen, die auf keiner Klaviatur spielen können als auf der der Partei ein suspekter Mann, und daher hätte man ihn am liebsten ausgeschlossen, denn die Partei, in denen Mitglieder wie der Gerügte groß wurden, die existiert schon gar nicht mehr.

Die wenigsten hauptamtlichen Funktionäre haben noch einen bürgerlichen Beruf, und je mehr Menschen mit bürgerlichen Berufen ihre Parteibücher abgeben, desto mehr ist man unter sich. Das Korrektiv von außen fehlt, die Introspektion wird zur Gesellschaftsanalyse und die Verschärfung des Umgangstons ist die Gegenbewegung zur Zivilisation, die dem Inzestuösen innewohnt. Irgendwie muss der Gerügte das alles gemerkt haben. Denn er behielt den Verstand und trat keine vierundzwanzig Stunden nach Verkündung der Rüge aus der Partei aus.